Vorbeugung Das Geschäft mit den Abwehrkräften

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Viele Menschen glauben, sie könnten mit "Mittelchen" aus der Apotheke einer Erkältung entgehen. Doch die meisten Präparate helfen nicht. Zur Vorbeugung gibt es bessere Methoden.

Stichprobe: Apotheker im Test

Schlechtes Wetter ist gutes Wetter - für Apotheker. Denn dann laufen die Geschäfte: Erkältungsmittel verkaufen sich besser als alle anderen rezeptfreien Medikamente. Aber ist die Erkältung erst einmal da, kann man nur noch die Symptome behandeln. Die Erkältung selber ist ein grippaler Infekt - ausgelöst durch Viren, gegen die Halstabletten und Hustensäfte nichts ausrichten können. Was raten also Apotheker ihren Kunden, wenn die einer Erkältung vorbeugen wollen? Wir haben dazu eine Stichprobe in Hamburger Apotheken gemacht. Das Ergebnis: Alle besuchten Apotheken empfahlen zur Vorbeugung einer Erkältung ein Vitaminpräparat. Die meisten Orthomol Immun, ein besonders hoch dosiertes Nahrungsergänzungsmittel. Aber viel hilft viel – stimmt das? "Das ist völliger Unsinn", sagt Prof. Gerd Glaeske, Gesundheitsforscher an der Universität Bremen, "wenn ich zehnmal höher dosiere, heißt das nicht, dass ich zehnmal mehr Wirkung habe. Sondern ich habe die Situation, dass das überschüssige Vitamin ausgeschieden wird, wenn es wasserlöslich ist. Wenn es fettlöslich ist, wird es angereichert im Körper, was durchaus Probleme machen kann." Wer ein Vitaminpräparat einnimmt, sollte deshalb vorher immer prüfen lassen, ob überhaupt ein Mangel vorliegt. In Deutschland kommt das sehr selten vor.

Vitaminpräparate: oft teuer und selten sinnvoll

Richtig ist: Vitaminmangel kann das Immunsystem schwächen. Wenn allerdings kein Mangel vorliegt, tragen Vitamine nicht dazu bei, die Abwehrkräfte zu stärken. "Es gibt keine einzige Studie, die belegt, dass ein grippaler Infekt durch Vitamingabe verhindert werden kann", betont Prof. Glaeske. Auch der Apothekerverband bestätigt: "Grundsätzlich sind Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen für gesunde Menschen, die sich vollwertig ernähren, nicht notwendig." Vitaminpräparate sind also selten sinnvoll, aber oft teuer. Die Monatspackung Orthomol Immun kostet immerhin stolze 59 Euro. Orthomol schreibt uns, die Produkte würden nur in Apotheken vertrieben, damit eine fachkundige Beratung sichergestellt ist.
Doch die Apotheker in unserer Stichprobe beschränkten die Beratung im Wesentlichen auf die Wiedergabe der Werbebotschaften von Orthomol. Dazu Experte Glaeske: „Das ist das was ich immer wieder bedaure: Apotheker haben ein gutes Wissen und geben dennoch diese Werbebotschaften wieder. Sicher auch, weil es sich ökonomisch lohnt. Die Präparate sind teuer und man kann einen guten Umsatz damit machen.“

Pflanzliche Erkältungsmittel: wissenschaftliche Belege fehlen

Zum Vorbeugen einer Erkältung empfahlen die Apotheken der Stichprobe außer Vitaminen auch das pflanzliche Mittel Angocin, das mit Meerrettich und Kapuzinerkresse Infekte abwehren soll - und Zink: "Ein großer Hype", erklärt Prof. Glaeske, die Studienlage sei jedoch in beiden Fällen nicht ausreichend. Von den Produkten, die die Apotheken verkauft haben, würde der Gesundheitsexperte keines empfehlen. "Die Monetik treibt Apothekerinnen und Apotheker möglicherweise dazu, Dinge zu verkaufen, von denen sie nicht einmal selber überzeugt sind", mutmaßt Glaeske. Doch selbst wenn sie überzeugt wären - wissenschaftlich belegt ist die erkältungsvorbeugende Wirkung der uns verkauften Produkte nicht.

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