Pflegekritik

„Ihr werdet kollektiv verarscht!“

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Ein Blatt nimmt er nicht vor den Mund – Claus Fussek. Der Pflegeexperte hat zu viel gehört, gesehen und gerochen. Missstände anzuprangern und zu verändern ist seine Mission.

Claus Fussek in der Tagesschau, Claus Fussek bei Beckmann, Claus Fussek im Radio, in der Zeitung in Büchern. Man kommt an ihm nicht vorbei, wenn es um das Thema „Pflege“ geht. Die Medien mögen ihn, weil er konkret ist und ohne Umschweife auf den Punkt kommt: „Schlechte Pflege kostet in Deutschland genau so viel wie gute. Und das sollte uns nachdenklich machen. Und dass man Milliarden daran verdient, dass die Alten schlecht gepflegt werden, ja perverser geht’s ja jetzt wirklich nicht mehr.“ Fussek meint damit, dass sich schlechte Pflege doppelt lohnt, weil man dadurch Kosten für gute Pflege spart und wenn sich der Zustand der Alten dann verschlechtert, wird die Pflegeeinrichtung mit erhöhten Pflegepauschalen belohnt. Im Fachchargon nennt man das „in die Betten pflegen“. Er spricht zu Pflegerinnen: „Dass ihr dafür nicht kritisiert werdet, liegt nur daran, dass wir nicht wissen wohin mit den Alten. Die loben Euch, damit ihr das Maul haltet. Und schauen noch zu, wie ihr in Therapie geht, weil ihr mit meiner Mutter nicht fertig geworden seid.“

Was ist schlechte Pflege?

Viele die mit dem Thema noch nicht konfrontiert wurden fragen sich vielleicht: „Schlechte Pflege“, wie sieht das aus? Claus Fussek kann darüber endlos berichten, weil er in den letzten dreißig Jahren über 50.000 Briefe, Mails und Anrufe bekommen hat von Pflegern, von Heimbewohnern, von Angehörigen, von Ärzten, Bestattern – kurz von allen, die unangemeldet in Heime kommen und nicht länger schweigen konnten über das, was sie dort erleben: Es geht darum, dass alte sehr pflegebedürftige Menschen abmagern oder dehydrieren, obwohl man ihnen dreimal am Tag ein Essen vorsetzt, sie aber nicht füttert, ihnen die Getränke nicht reicht. Die Alten bekommen Windeln, weil sich niemand die Zeit nimmt, mit Ihnen zur Toilette zu gehen. Demente Menschen werden mit Gurten fixiert, damit sie nicht rumlaufen können oder erhalten starke Beruhigungsmittel, die sie müde machen. Die medizinische Versorgung in Pflegeheimen mit Hausärzten, Fachärzten, Zahnärzten ist häufig nicht organisiert. Im Notfall wird einfach ins Krankenhaus eingewiesen. Menschen müssen alleine sterben, weil niemand Zeit für sie hat. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. In Fusseks Büchern beschreibt er seine Erlebnisse oder erzählt von dem, was andere ihm berichtet haben.

Wer ist schuld an diesen Zuständen?

Sind es die Pfleger, die zu schlecht ausgebildet sind oder demotiviert oder einfach faul? Sind es die zu knappen Budgets für die Pflege, die verhindern, dass genügend Personal angestellt wird? Oder gibt es einfach kein Personal auf dem Arbeitsmarkt? Claus Fussek hat viele Antworten auf diese Frage. Eine lautet so: „Es kommt auf das Heim an. In dem Heim, wo ich am Freitag war, da gibt es für zwanzig Leute im Frühdienst fünf Pfleger. Und ich krieg einen Anruf am Nachmittag von einem Heim, da sagt man mir: `Wir sind zu zweit für fünfzig.´ Und das Irre daran ist, überall sind die Kosten ähnlich. Da weiß man, wo`s Geld bleibt!“ Eine andere Antwort: „Nur in der Altenpflege dürfen sie die Dokumente fälschen. Dürfen Sie Dinge abrechnen, die sie nicht erbringen konnten und keiner sagt was. Liebe Pflegekräfte, dokumentiert einfach ehrlich nur noch das, was ihr leisten könnt, dann haben wir schwarz auf weiß, wie es um die Personalsituation steht.“ Fussek hat noch viele andere Antworten.

Fusseks Credo

„Gute, menschenwürdige Pflege ist machbar und sie ist bezahlbar. Sie ist aber nur möglich, wenn alle Beteiligten von der Reinigungskraft bis zur Heimleitung, alle gemeinsam Verantwortung übernehmen. Die Angehörigen, die Apotheken, die Hausärzte, alle miteinander. Nur dann geht das.“

Fussek sieht also alle in der Verantwortung. Und ganz explizit auch die Angehörigen, die die Verantwortung für ihre Alten nicht einfach abgeben können. Das Problem alleine an die Politik zu adressieren, greift seiner Meinung nach zu kurz. Er sieht die Chance für eine Verbesserung vor allem dort, wo die Menschen einer Region den Pflegenotstand als ihr gemeinsames Problem begreifen: „Für die Alten, Kranken, Sterbenden in Tuttlingen und Umgebung ist nicht Frau Merkel zuständig, sondern das seid Ihr und die Angehörigen und die Gemeinde und die Pflegekräfte hier in Tuttlingen oder in Stuttgart oder in Hamburg. Und die Pflegekräfte müssen wissen, wenn sie Probleme haben, zu wenig Zeit haben oder zu schlecht bezahlt werden, müssen sie wissen: In der Gemeinde haben wir Ansprechpartner, die sich kümmern. Und das ist die Kommunalpolitik.“

Die Zitate sind einem Vortrag von Claus Fussek entnommen, den er am 11. Mai 2016 in Tuttlingen auf der Schwäbischen Alp gehalten hat.

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