Smarte Notaufnahme

Mit Datenanalyse Leben retten

Stand
AUTOR/IN
Larissa Richter

In der Notaufnahme eines Leipziger Krankenhauses unterstützt ein Computer-System Ärzte und Pfleger. So sollen Fehler schon bei der Diagnose mit intelligenter Datenanalyse vermieden werden.

Immer mehr Patienten

Volle Flure und großer Andrang sind in deutschen Notaufnahmen keine Seltenheit. Denn in den letzen 20 Jahren sind die Patientenzahlen hier um die Hälfte gestiegen. Und immer öfter kommen auch Menschen hier her, die eigentlich zum Haus- oder Facharzt gehören. Gleichzeitig sind Zeit, Personal und Kapazität begrenzt. Die Konsequenz: Alleine für das Jahr 2016 hat der Medizinische Dienst der Krankenkassen 182 Behandlungsfehler in ambulanten und stationären Notaufnahmen bestätigt. In der Notaufnahme des Leipziger Diakonissenkrankenhauses geht man neue Wege, um trotzdem beste und sichere Behandlung zu gewährleisten: mit smarter Datenanalyse.

Mit Datenanalyse gegen den Ansturm

Jedes Krankenhaus hat inzwischen ein digitales Informationssystem in dem Patienten und deren Behandlung erfasst werden. Aber in Leipzig werden diese Daten mit eigens programmierten Systemen analysiert. Mehr noch, das System lernt. Die Basis sind rund 70.000 Patientendaten aus den letzen Jahren. Vom Betreten der Notaufnahme bis zur Entlassung wird jeder Schritt digital erfasst. Dabei wird nicht mehr erhoben und gespeichert, als vorher auch. Insgesamt 30 Merkmale je Patient reichen aus, um damit eine Datenbank zu bauen, aus der das System täglich lernt. Sie verraten nicht nur wann besonders viele Patienten kommen, sondern auch welche. Der leitende Oberarzt und Notfallmediziner Dr. Stöhr weiß jetzt in Voraus, wann er mit welchen Patienten zu rechnen hat: „Patienten mit hoher Fallschwere haben ein kontinuierliches Aufkommen, jede Stunde kommen davon gleich viel. Patienten mit niedriger Fallschwere kommen früh, bevor die Arbeit beginnt und kommen noch einmal als zweiten Gipfel am Tag nach Feierabend ab 16 Uhr. Und darauf können wir entsprechend unseren Bedarf anpassen.“ Alleine damit konnte die Wartezeit der Patienten hier halbiert werden.

Notfälle erkennen und schneller behandeln

Ein Patient mit Herzinfarkt oder Schlaganfall sollte allerdings möglichst gar nicht lange warten müssen. Denn hier ist jede Minute entscheidend. Allerdings sind diese Fälle immer schwerer zu erkennen, wenn viele Menschen in die Notaufnahmen kommen, die eigentlich auch anderswo behandelt werden könnten. Für Dr. Stöhr Arbeit heißt das konkret: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass jemand mit Schnupfen kommt, und in der gleichen Warteschlange sitzt jemand, der einen Herzinfarkt hat oder jemand der einen schweren Unfall hat und unverzüglich behandelt werden muss.“ Um diese Fälle sofort herauszufischen, wird hier jeder Patient innerhalb von 5 Minuten nach dem Eintreffen von einer Pflegekraft untersucht. Vom Computer geleitet wird ein vorgegebener Fragenkatalog abgearbeitet, damit nichts übersehen wird. Der Copmuter errechnet daraus eine Einschätzung der Schwere des Falles. Ein Patient der nicht richtig atmet, bekommt die Kategorie rot und wird sofort weiterbehandelt. Jeder Patient mit unnormalem Puls oder Herzschmerz bekommt die orangene Kategorie und soll in den kommenden 10 Minuten behandelt werden. Ein Patient ohne solche Symptome darf dagegen auch eine Stunde und länger warten. Der Computer ersetzt dabei aber nicht den Menschen, er macht nur Vorschläge. Und das ist Dr. Stöhr auch besonders wichtig: „Es findet grundsätzlich ein Mensch-zu-Mensch-Kontakt statt. Dass ist der wesentliche Bestandteil der medizinischen Versorgung. Sowohl die Einschätzung der Fallschwere des Patienten führt eine geschulte Pflegekraft durch, wie auch die Diagnostik, die Untersuchung des Patienten führt grundsätzlich ein Arzt durch.“ Aber der Computer kann dabei unterstützen. Er weiß sogar, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Patient mit bestimmten Symptomen stationär aufgenommen werden wird. Deshalb kann hier selbst die kurze Wartezeit schon für erste Diagnostik genutzt werden. Kommt der Arzt dann zum Patienten, hat er schon die notwendigen Werte um über eine Behandlung zu entscheiden.

Datensicherheit kann Patientensicherheit erschweren

Aber eines ist hier wie überall. Mit jedem neuen Patienten betritt Dr. Stöhr unbekanntes Gebiet. Vorerkrankungen, Medikamentenunverträglichkeiten, Allergien, alles muss neu erhoben werden und der Patent mit größter Vorsicht behandelt werden, falls er zum Beispiel ein Allergie hat. Denn bis heute sind keine medizinischen Daten auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert. Ein Grund: In Deutschland ist der Schutz von solchen sogenannten Sozialdaten besonders streng. Für den IT-Fachmann der Klinik Lars Forchheim ist es Frage der Abwägung. Sicher wäre es, keine Daten zu erheben oder keinen Zugriff darauf zu gewähren. Aber er sieht auch die Vorteile: „In dem Fall geht es um ihr Leben, also um ihre Person. Und daraus kann man natürlich viel gewinnen wenn es darum geht sie aus einem kritischen Zustand wieder heraus zu hohlen.“ In Dänemark zum Beispiel bewertet man den möglichen Nutzen sehr hoch. Hier können mit dem Fingerabdruck des Patienten schon im Krankenwagen Daten abgerufen werden. Dr. Stöhr sieht durchaus Vorteile in einem Mehr an Information: „Ein bewusstloser Patient der in die Notaufnahme gebracht wird, bei dem wir nicht wissen, ob er allergische Reaktionen hat, diese Informationen aber auf dessen Krankenkarte finden, können die Patientensicherheit für den erhöhen.“

Bis es aber in Deutschland soweit ist, beginnt für ihn jede Behandlung weiter am Punkt Null. Dank des lernenden Systems immer besser und immer schneller. Hier, kann die smarte Datenanalyse tatsächlich ein Weg zu mehr Sicherheit und besserer Behandlung sein.

Stand
AUTOR/IN
Larissa Richter