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Lukas und Christian, zwei junge Männer, nahezu gleichaltrig, kommen auf die Freiburger Intensivstation. Beide haben eine schwere Lungenentzündung nach einer Schweinegrippe, und beiden geht es sehr schlecht.

Plötzlich auf der Intensivstation

Es begann wie eine harmlose Erkältung. „Von Samstag- auf Sonntagnacht hat er Schüttelfrost gehabt, 41 Fieber, ich hab dann Wadenwickel gemacht,“ erzählt seine Mutter. „Aber gegen Morgen war uns dann eigentlich schnell klar, dass wir ins Krankenhaus fahren müssen. Und der Krankenwagen ist gekommen, mit Blaulicht, Notarzt ist gekommen, und Montag auf Dienstagnacht hat er aufgehört zu schnaufen.“

Ihr Sohn Lukas musste wiederbelebt werden. Er hat sich eine Grippe, eine echte Grippe, die sogenannte Schweinegrippe eingefangen. Und seine Grippe hat sich zu einer lebensgefährlichen Lungenentzündung entwickelt. Das kann jedem passieren – darum sterben Jahr für Jahr so viele Menschen an der Grippe.

Mit dem Rettungshubschrauber wird Lukas in die Uniklinik Freiburg geflogen, denn er droht wegen seiner schweren Lungenentzündung zu ersticken.

Lebensrettende künstliche Lunge

Auf der Intensivstation wird Lukas an eine kleine, moderne künstliche Lunge angeschlossen, an die sogenannte ECMO (= Extrakorporale Membranoxygenierung). Das können bislang nur wenige große Kliniken. Die Ärzte schieben einen dicken Schlauch durch seine große Hohlvene bis direkt vors Herz. Über den Schlauch wird sein sauerstoffarmes Blut abgesaugt. Die Maschine macht dann das, was Lukas Lunge nicht mehr schafft: das Kohlendioxid muss raus und frischer Sauerstoff rein ins Blut. Zusätzlich müssen gerinnungshemmende Mittel ins Blut, weil es sonst verklumpen würde. Durch die Verdünnung steigt aber das Risiko für gefährliche Blutungen – ein Drahtseilakt. Die ECMO ist eine lebensrettende Maschine, die mitunter nur schwer zu beherrschen ist. Intensivpfleger Philipp Schmidt betreut Lukas. Nach dem Eingriff sagt er: „Jetzt im Moment hat er sich einigermaßen gefangen, die Maschine läuft und dann mal schauen, wie er das macht. Viel können wir noch nicht sagen, er ist noch nicht lange genug hier, aber auch er ist sehr schwer erkrankt. Sehr, sehr schwere Lungenentzündung.“

Heilen muss die Lunge alleine – die ECMO verschafft ihm nur Zeit.

Banges Warten

Lukas Mutter sitzt im Wartebereich der Intensivstation. Sie will zu ihm. Seit drei Tagen liegt er schon auf Intensiv. „Du sitzt da und wartest und wartest und du hörst: die schaffen da was“, erzählt sie. „Also da bewegt sich schon was. Aber du weißt jetzt nicht: sind sie am Lukas beschäftigt, geht es ihm besser oder geht es ihm schlechter. Und da ist man schon sehr unruhig. Ja aber sobald man reinkommt muss man durch schnaufen und eigentlich immer das Gute, man muss eigentlich immer ans Gute denken. Dass es jetzt wirklich von Tag zu Tag ein bisschen besser wird.“ Ihr Sohn hatte in seinem Leben schon viel zu kämpfen. Lukas ist mit einem offenen Rücken zur Welt gekommen, ist behindert.

Und jetzt die schwere Grippe. Ein Krankheit, die jeden erwischen kann.

Nach einer Woche geht es ihm schon besser – über den Berg ist er aber noch nicht.

„Tendenziell, so dass was wir messen können, geht es ihm jetzt schon deutlich besser, als zu dem Zeitpunkt, als wir ihn aufgenommen haben,“ sagt Oberarzt Johannes Kalbhenn. „Trotzdem darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass eigentlich jederzeit hier ein lebensbedrohlicher Zustand besteht. Und das ist auch, seiner Mutter ist das auch bewusst. Die hat ja auch einige Krankenhausaufenthalte mit dem Lukas schon hinter sich und sie weiß, dass kann auch jederzeit nochmal in eine schlechte Richtung abgleiten. Im Moment sind wir ganz zuversichtlich, aber das darf man in der Intensivmedizin nie zu früh sein.“

Leben und Tod

Wenige Zimmer weiter liegt ein zweiter junger Mann, der ebenso wie Lukas eine Schweinegrippe hat. Auch er lag an der ECMO, die seiner Lunge genügend Zeit zum heilen gab. Dann aber kamen die Nebenwirkungen der künstlichen Lunge: Das Gerinnungssystem seines Blutes war stark gestört. Die Maschine musste wieder ausgebaut werden. Dann verschlechterte sich sein Zustand plötzlich. Er bekam eine Blutvergiftung, einen schweren septischen Schock. Über mehrere Tage kämpfte das Intensiv-Team um sein Leben – am Ende vergeblich.

„Wir konnten dem Patienten nicht mehr helfen“, sagt Oberarzt Johannes Kalbhenn. „Er hat wahrscheinlich in Folge der Schweinegrippeinfektion so starke Einschränkungen seines Immunsystems gehabt, dass jetzt letztlich ein banaler bakterieller Infekt ihn in einen ganz schweren Schock getrieben hat, dass alle seine Organe versagt haben. Wir haben jetzt zweimal 24-Stunden nochmal versucht unsere Therapie zu eskalieren und ihm zu helfen, aber es hat nicht funktioniert, sein Immunsystem hat nicht gut genug, nicht stark genug mitgemacht.“

Gemeinsam mit Intensivpfleger Philipp Schmidt macht Dr. Kalbhenn den Verstorbenen zurecht für die Angehörigen.

„Wir wollen ja erreichen, dass Verletzungen und Erkrankungen nicht schicksalshaft sein müssen“, sagt Intensivpfleger Philipp Schmidt. „Und wenn wir dann feststellen: Wir haben alles gegeben dafür, dass es nicht so ist – und es war trotzdem jemand stärker… Dann ist das kurz frustrierend und dann danach ist es dann vor allem traurig und macht dann Platz für ein in der Regel normales gesundes Mitgefühl mit den Angehörigen und natürlich Bedauern, dass ein 24jähriger schon so früh an seinem Lebensende angekommen ist.“

Der Tod ist Alltag auf Intensiv. Gehört zum Leben.

Zurück ins Leben

Lukas liegt insgesamt neun Tage an der ECMO. Die künstliche Lunge hält ihn am Leben und gibt seiner kranken Lunge Zeit zu heilen. Als die Maschine endlich ausgebaut werden kann, ist seine Mutter überglücklich. Lukas hat die Therapie ohne Nebenwirkungen überstanden. Er ist noch einige Tage auf der Intensivstation und kommt dann in ein anderes Krankenhaus zur Reha.

Ein halbes Jahr später ist er schon fast wieder der Alte. An seiner Arbeitsstelle bei der Lebenshilfe scherzt er herum und sagt: „Ich habe ja drei Krankenhäuser gehabt: Freiburg, Frankenthal und Heidelberg. Neun Wochen… neun Wochen in den Krankenhäusern. Und jetzt sitze ich wieder hier. Also: Läuft bei mir!“

Lukas lebt jetzt wieder bei seinen Eltern – und „Intensiv“ ist nur eine Erinnerung.

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