Alkohol in der Schwangerschaft

Ärzte schlagen Alarm

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AUTOR/IN
Cora Richter

Noch immer ignorieren viele Frauen: Alkohol ist ein Gift, das in der Schwangerschaft schlimme Folgen haben kann.

Fetale Alkohol-Spektrum-Störungen (FASD) – eine (un)sichtbare Behinderung

Trotzdem trinkt jede vierte Schwangere in Deutschland Alkohol. Das ist das Ergebnis einer Meta-Analyse, über die Forscher im Fachmagazin „The Lancet Global Health“ berichten. Dafür werteten die Wissenschaftler vom Centre of Addiction und Mental Health in Toronto fast 400 Studien aus. Laut einer Studie der Berliner Charité gaben 58 Prozent der befragten schwangeren Frauen an, gelegentlich Alkohol zu trinken.

Das gesamte Spektrum der vorgeburtlichen Alkoholschädigungen wird heute unter dem (Sammel)Begriff „Fetal Alcohol Spectrum Disorders“ (FASD), Fetale Alkohol-Spektrum-Störungen zusammengefasst.

In Deutschland gibt es ungefähr jährlich 10.000 FASD-Babys. Davon haben 2.000 bis 3.000 Kinder die ausgeprägteste Form von FASD, nämlich das „Vollbild“ – sprich das fetale Alkoholsyndrom (FAS). Ihnen sieht man die Behinderung schon bei der Geburt an. Aber sie sind nur die sichtbare Spitze des Eisberges.

Denn etwa 70 bis 80 Prozent aller alkoholgeschädigten Kinder haben keine äußerlich sichtbaren klinischen Erkennungsmerkmale und bleiben in der Regel undiagnostiziert.
Daher ist die Dunkelziffer viel höher. Bei den weiteren FASD-Ausprägungen spricht man von partiellem FAS (pFAS) und ARND (Alcohol Related Neurodevelopmental Disorders: Alkoholbedingten entwicklungsneurologischen Störungen).

FASD ist auch heute noch die häufigste Ursache für angeborene Fehlbildungen, geistige Behinderungen, hirnorganische Beeinträchtigungen, Wachstums- und Entwicklungsstörungen, sowie für extreme Verhaltensauffälligkeiten.

Frühe Aufklärung und Prävention ist dringend erforderlich

Das Krankheitsbild wurde bereits 1968 von Lemoine in Nantes erstmalig beschrieben. 1973 wurde das „Vollbild“ FAS von Smith und Jones international bekannt gemacht.

Anscheinend wissen Viele immer noch nicht, dass jeder Schluck Alkohol – egal zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft – für das Kind fatale, lebenslange Folgen haben kann. Daher sensibilisiert die Ärztin Dr. Heike Kramer (Vorstand Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. (ÄGGF), Vorstand und Gründungsmitglied FASD-Netzwerk Nordbayern e.V. sowie Dozentin Gesundheits- und Rehabilitationslehre, Hebammenschule der Universität Erlangen) sowie ihre 75 Kolleginnen und Kollegen der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung möglichst früh die zukünftigen Elterngenerationen über die Folgen von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft mit der innovativen Wanderausstellung „ZERO!“, die das FASD-Netzwerk Nordbayern e.V. realisiert hat.

Im September 2017 war Heike Kramer mit der Ausstellung „Zero“ und einem Fachvortrag zu FASD in der Hammerschmiede in Königsbronn. Seit 2001 engagiert sie sich im FASD-Präventionsprojekt der ÄGGF. Zu ihrer Unterstützung hat Heike Kramer eine FASD-Puppe, namens FASI, entwickelt.

Die naturgetreu nachgebildete Puppe spricht schnell emotional an. Durch Anfassen, Fühlen und Begreifen ist das Interesse geweckt. Die Puppe zeigt die drei FAS-typischen Gesichtsauffälligkeiten: die Oberlippe ist sehr schmal, die kleine Rinne – das Philtrum – zwischen Nase und Mund ist schwach modelliert, und die Augen sind schmaler (=kurze Lidspalten). Außerdem hat „FASI“ erschreckend dünne Arme und Beine und einen kleinen Kopf, weil das alkoholgeschädigte Gehirn nicht normal wachsen konnte, die Ohren sitzen tief an. Aber weit häufiger als die sichtbaren körperlichen Merkmale sind die alkoholbedingten neurotoxischen Veränderungen. Also irreversible Hirnschädigungen, die sich in Verhaltens- und Entwicklungsstörungen äußern. Denn bei FASD ist immer das Gehirn am stärksten geschädigt. Die Schäden zeigen sich oft erst nach Jahren – meistens im Schulalter.

Mit ihren Vorträgen über FASD setzt Dr. Heike Kramer auf Multiplikatoren aus sozialen und medizinischen Bereichen wie zum Beispiel Lehrer, Erzieher, Hebammen und Frauenärzte, sowie Interessierte.

FASD ist kein Problem der Unterschicht

Alkoholkonsum während der Schwangerschaft findet sich in allen Gesellschaftsklassen – vor allem in der Mittel- und Oberschicht. Akademikerinnen haben in Deutschland sogar den höchsten, moderaten Alkoholkonsum. Gerade diese Mütter geben aus Scham ungern zu, dass sie das ein oder andere Glas getrunken haben. So erhalten ihre Kinder häufig ihr Leben lang nicht die richtige Diagnose, beziehungsweise eine andere Diagnose wie zum Beispiel Hyperaktivität, autistische Störung oder Depressivität. Man denkt gar nicht daran, dass es Alkoholkonsum sein könnte, der dahinter steckt. Warum trinken werdenden Mütter?

Einige Frauen trinken, weil sie noch gar nicht wissen, dass sie schwanger sind. Andere glauben, dass das nicht so schlimm sei, oder sie sind in Versuchung geraten durch Familie und Freunde, für die Alkohol zum Alltag gehört. Leider werden in unserer Gesellschaft auch Schwangere oft regelrecht bedrängt mitzutrinken nach dem Motto: „ein Gläschen geht schon“.

Vergiftet im Mutterleib – Alkohol ist die gefährlichste Droge von allen für das Ungeborene

Alkohol ist ein Zellgift und gefährdet das Ungeborene zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft. Denn Alkohol wirkt wachstumshemmend, fehlbildend und neurotoxisch. Unverdünnt gelangt der Alkohol über die Plazenta und die Nabelschnur aus dem mütterlichen Blut zum Ungeborenen. Sehr schnell hat es den gleichen Promillewert wie die Mutter. Nur seine embryonale Leber kann den Alkohol schlecht abbauen. So bleibt es nach Schätzungen zehn Mal länger alkoholisiert als seine Mutter.

Besonders groß ist die schädigende Wirkung des Alkohols auf das kindliche Gehirn

Laut Heike Kramer: „Mag sein, dass eine Frau Mal etwas getrunken hat, und dass ein Kind anscheinend völlig gesund ist. Es liegt sicherlich an der genetischen Ausstattung der Mutter, es liegt am Kind selber, an seiner genetischen Ausstattung, wie gut kann die Leber der Mutter den Alkohol verstoffwechseln. Alle diese Faktoren spielen eine Rolle. Aber wir können nicht sagen, es passiert bestimmt gar nichts dabei!

Heroin ist eine ganz gefährliche Droge, auch für das Kind – bei der Geburt sogar ganz gefährlich wegen dem Entzug. Aber wenn man es vergleicht, macht es in der Schwangerschaft beim Ungeborenen weniger Schäden als der Alkohol, der frei verkäuflich und so für jeden erreichbar ist.“

Jede Stunde kommt in Deutschland ein Kind mit FASD, also unheilbaren Schäden, zur Welt. Dabei ist FASD für die betroffenen Kinder dreifach tragisch. Denn Ihre Mütter hätten die Behinderung vollständig vermeiden können durch Verzicht auf Alkohol.

Weil die Behinderung nicht immer auf den ersten Blick einzuordnen ist, dauert es oft jahrelang, bis die Betroffenen kompetente Hilfe finden. Und weil die Behinderungen so schwer sind, gelingt den meisten FASD-Opfern nur selten ein erfülltes und selbständiges Leben. 80 Prozent der FASD-Kinder leben in Pflege- und Adoptivfamilien oder Kinderheimen.

Nur 20 Prozent der FASD-Kinder können später selbstständig leben. Außerdem sind sie selbst später viel suchtanfälliger. Mühsam Erlerntes muss täglich neu geübt werden, weil es immer wieder vergessen wird. Daher brauchen Menschen mit FASD gute und gezielte Unterstützung.

Es gibt keine verlässliche Grenze

Schon ein „Gläschen in Ehren“ kann fatale Folgen haben. Es gibt (wissenschaftlich erwiesen) keine Untergrenze für Alkohol in der Schwangerschaft, die mit Sicherheit unbedenklich ist.

Sicher ist aber: durch absoluten Alkoholverzicht in der Schwangerschaft ist FASD zu 100 Prozent vermeidbar! Also kein Schluck – kein Risiko!

Übrigens kann jeder helfen FASD zu vermeiden, nämlich es positiv wertschätzen, wenn jemand verantwortungsvoll mit der Schwangerschaft umgeht. Und noch besser: möglichst auch selbst keinen Alkohol trinken, wenn Schwangere anwesend sind! Hier wäre besonders auch der werdende Vater eine starke Unterstützung – aus Solidarität. Schließlich sind alle mitverantwortlich!

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Cora Richter