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Asbest galt lange als Wunderfaser und wurde über Jahrzehnte in Häusern verbaut – bis es verboten wurde. Ist damit auch die Gefahr vorbei? Leider nicht.

Denn Asbest steckt bis heute noch in Fassaden, Fensterbänken, Brandschutztüren, Heizungsisolierungen oder in Fußböden. Nahezu jedes zweite Haus ist betroffen – und viele Bewohner ahnen nichts von dieser Gefahr, weiß Frank Heinemann! Der Schadstoffsanierer aus dem hessischen Laubach rückt derzeit immer öfter aus, um solche Asbest-Problemfälle zu lösen. "Viele denken, das mit dem Asbest wäre längst nicht mehr so aktuell. Es ist aber aktuell! Die Einsatzzahlen nehmen ständig zu - So dass wir immer mehr Asbest aus den Gebäuden eben raus schaffen müssen."

Asbestsanierungen nehmen derzeit extrem zu!

Der Grund: Über Jahrzehnte galten Baumaterialien aus Asbest als extrem günstig! - Bis zu ihrem Verbot 1993, wurden sie in Privathäusern deswegen millionenfach verbaut. Und dort stecken sie bis heute! Inzwischen steht für viele dieser Häuser ein Generationswechsel an. Sie werden vererbt oder weiter verkauft – Die krebserregenden Altlasten inklusive! Und die müssen jetzt raus! Dabei ist extreme Vorsicht gefragt, trotz aller Schutzmaßnahmen! Brechen die Fußbodenplatten, können krebserregende Fasern freigesetzt werden! Auch im Bodenkleber stecken oft solche Fasern. Wird er falsch entfernt, wird die Raumluft komplett verseucht! Wer hier versucht, selbst Hand anzulegen, weil er den Asbest nicht erkennt, setzt sich einem enormen Risiko aus, weiß Schadstoffsanierer Frank Heinemann: "Das ist tatsächlich eine riesen Gefahr – Die Hauseigentümer reißen das selbst raus, verteilen die Faser im ganzen Haus, und sind vor allem selbst ungeschützt, und gefährden ihre Gesundheit dadurch."

Bei falscher Sanierung halten sich Fasern jahrzehntelang in Wohnräumen

Alexander Kannwischer vom Umweltlabor des TÜV Hessen kennt dieses Problem! Der Umweltingenieur ist für die Analyse von Giftstoffen zuständig. Bei Probenentnahmen und Raumluftmessungen muss er immer wieder feststellen; gerade bei Eigensanierungen läuft oft sehr viel schief: "Wir stoßen hier regelmäßig bei Eigensanierungen auf weit erhöhte Raumluftkonzentrationen bzw. Asbestkontaminationen in Wohngebäuden. Die Materialien, die ja nicht abgebaut werden, schwirren teilweise jahrelang herum und lagern sich ab; können immer wieder aufgewirbelt werden. Und das ist nicht gut!" Doch warum ist Asbest überhaupt so gefährlich? - Grund dafür ist eine Eigenschaft der Asbestfasern: Sie können sich der Länge nach immer weiter aufspalten. Werden sie erst mal eingeatmet, setzen sie sich nicht nur dauerhaft in der Lunge fest. Dort reizen die feinst gespaltenen Fasern das Organgewebe so lange, bis Narben oder ein aggressiver Krebstumor entstehen kann!

Krebserkrankung ausgelöst durch Asbest kommt Todesurteil gleich

Wie brisant das sein kann, beobachtet David Groneberg seit Jahren. Regelmäßig erstellt der Arbeitsmediziner der Uniklinik Frankfurt Gutachten über Asbesterkrankungen. "Wenn die Asbestfasern über die Lunge reinkommen, dann wüten sie. Es gibt ein jahrelanger, jahrzehntelanger Entzündungsreiz. Und nach einer Latenzzeit von 10, 20, 30, 40, vielleicht auch 50 Jahren kann es dann zu schweren Krebsarten kommen. Nämlich dem Lungenkrebs oder dem Pleuramesotheliom. Ist gleichbedeutend einem Todesurteil!" Über 1400 Todesfälle jährlich werden von Arbeitsmedizinern wie David Groneberg bundesweit registriert. Und das ist erst der Anfang! Durch die lange Latenzzeit rechnen die Experten bis 2020 mit einem weiteren Anstieg von Krebserkrankungen, wegen Asbest. Betroffen davon sind häufig Handwerker und Bauarbeiter, die früher oft mit Asbest in Kontakt gekommen sind. Es kann aber auch ganz normale Hausbewohner treffen. Wenn sie selbst beim Sanieren falsch Hand anlegen. Und damit Räume unwissentlich auf Jahre mit Asbestfasern verseuchen. Oder, wenn Unbeteiligte hier später erst einziehen!

Fest gebundene und leicht gebundene Asbestfasern

Doch sind alle Asbestfasern gleich gefährlich? Experten unterscheiden hier zwischen fest gebundenen Fasern – etwa in Fensterbänken und Zementplatten. Diese Fasern sind extrem fest mit dem Baumaterial verbunden. Wird das nicht angebohrt oder beschädigt, können hier kaum Fasern entweichen. Sie gelten daher eher als unbedenklich.
Extrem gefährlich wird es aber bei schwach gebundenem Asbest, sagt Alexander Kannwischer vom TÜV Hessen! Etwa in Bodenklebern oder in sogenannter Aufspritzmasse, um Heizungsrohre und Stahlträger unter Putz zu bringen. "Die Fasern können allein durch Luftzüge oder Erschütterungen frei werden. Besonders aber wenn man hier arbeitet, zum Beispiel bohrt. Dann kommen enorm viele Fasern aus dem Material. Die Raumluftkonzentration liegt bei etlichen Millionen Fasern. Und das wird natürlich dann richtig gefährlich!

Faserstaub alter Dämmwolle sorgt für ähnliche Krankheitssymptome wie Asbest

An der Uniklinik in Frankfurt macht David Groneberg aber noch etwas anderes Sorgen: Künstliche Mineralfasern, wie Glas-, Mineral- und Steinwolle! Bis heute werden diese Dämmstoffe millionenfach in Fassaden und Dachböden verbaut. Kommt man mit ihren Fasern in Kontakt, können sie Hautreizungen und Schwellungen auslösen. Bedenklich ist aber der Faserstaub alter Dämmwolle. Der ist fast so gefährlich wie Asbest, weiß Gröneberg: Wenn man zu Hause Umbauarbeiten durchführt, Sanierungsmaßnahmen, kann man auf diese alten Fasern stoßen. Und man muss dann eben äußerst darauf achten, dass man Schutzkleidung trägt. Dass man sie nicht einatmet, weil die dann eben theoretisch zu Lungenkrebs führen können!" David Groneberg führt daher regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen bei Handwerkern durch. Denn das Beispiel Asbest zeigt – Auch Jahrzehnte später kriegt man die Gefahren, die von Risikobaustoffen ausgehen, nur schwer in den Griff.

Schutz und Vorsorge bei Asbestentsorgung überlebenswichtig

Anzug und Mundschutz sind also Pflicht! So wie in Bad Nauheim. Hier ist der asbesthaltige Boden inzwischen entfernt. Jetzt müssen die Schadstoffsanierer den Raum noch mit Restfaserbindemittel versiegeln! Und, um eine Faserbelastung für die spätere Nutzung auszuschließen, wird dann noch die Raumluft gemessen. Erst dann können die Räume freigegeben werden! Ein großes Problem bleibt aber trotzdem: Die Entsorgung der Altlasten. Denn, so Schadstoffsanierer Frank Heinemann, Asbest gilt als gefährlicher Sondermüll: "Die Fasern sind so beständig, dass sie nur bei weit über 1000 Grad zerstört werden würden. Was die meisten Müllverbrennungsanlagen nicht leisten können, ohne einen hohen Energie und Kostenaufwand. Aus diesem Grund werden diese asbesthaltigen Baustoffe deponiert." Den Sondermüll fährt Frank Heinemann deswegen gut verpackt auf die Deponie nach Wiesbaden. Hier wird er unter Erde begraben – bis er irgendwann, Jahrhunderte später, - vielleicht – wieder ausgegraben wird. Denn auch wenn Asbest für das Grundwasser unbedenklich ist – verrotten tut er nicht!

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