Kardiologie

Gegen den stummen Infarkt

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AUTOR/IN
Frank Wittig

Ein Drittel der Herzinfarkte verläuft ohne die klassischen Beschwerden. Chronische Gefäßverschlüsse sind die Folgen. Die Wiedereröffnung solcher Verschlüsse ist kompliziert und ein Job für Spezialisten.

Für die Posaune, reicht die Luft noch. Der Mittsechziger, der sein langes weißes Haar zu einem Pferdeschwanz gebändigt hat, sitzt in seiner Wohnung in Oberursel bei Frankfurt spielt ein Jazz-Thema. Peter Weigand liebt die Musik. Kann aber seine andere Leidenschaft, das Rennradfahren, seit diesem Jahr nicht mehr ausüben. „Ich fahre Rennrad und bin im letzten Jahr sehr viel gefahren. Ich bin auch hundert Kilometer am Tag und mehr gefahren. Und in diesem Jahr plötzlich Luftmangel gehabt, bis dahin, dass ich den kleinsten Höhenunterscheid nicht mehr bewältigen konnte, ohne richtig Schmerzen in der Brust zu haben.“

Peter Weigand ist zu seinem Hausarzt gegangen. Beim EKG wurde klar, mit seinem Herzen ist etwas nicht in Ordnung. Der Kardiologe entdeckte dann den Gefäßverschluss am Herzen. Der pensionierte Software-Entwickler, hätte sich nicht träumen lassen, dass er einen „stummen Infarkt“ hatte. Eine Arterie am Herzmuskel hatte sich – ohne weitere Symptome zu verursachen – verschlossen. Daher der Leistungsverlust. Ein Kardiologe versuchte, den Verschluss mit einem Katheter-Eingriff wieder zu öffnen. Und scheiterte.

Spezialist für schwierige Fälle

Am Bethanen-Klinikum in Frankfurt ist Prof. Axel Schmermund spezialisiert auf solche komplizierten Fälle. Doch einen Gefäßverschluss am Herzen nach Monaten wieder durchgängig zu machen, ergibt das überhaupt Sinn? Der Frankfurter Kardiologe erläutert die Voraussetzungen: „Ganz wichtig ist natürlich, dass der Herzmuskelanteil, der behandelt wird, auch noch vital ist, also dass der wirklich noch funktioniert. Und dass es da auch eine echte Durchblutungsstörung gibt. Eine Narbe brauchen wir nicht behandeln. Das muss vorher gesichert werden.“ Peter Weigand wird auf den Eingriff vorbereitet. Eine Krankenschwester löst die Elektroden von seiner Brust, mit deren Hilfe eben noch ein EKG aufgenommen worden war. In wenigen Minuten wird der Kardiologe mit dem Katheter in sein Herz eintauchen. Ist er aufgeregt? „Ja, ein bisschen schon, ich erhoffe mir ja, dass es heute hier voran geht.“ Auf die Frage, ob er ein Narkosemittel oder ähnliches bekommen habe, antwortet er ganz abgeklärt: „Nein, ich kenn das ja vom letzten Mal. Da hab ich auch keins bekommen.“

14 Uhr. Der Eingriff beginnt. Zunächst schiebt Axel Schmermund von der Leiste des Patienten kommend unter Röntgenkontrolle einen Führungsdraht durch die Hauptschlagader quer durch Peter Weigands Oberkörper bis zur Engstelle im Herzkranzgefäß. Über diesen Führungsdraht wird der Hauptkatheter ins Herz geleitet. Der Hauptkatheter ist hellblau und hat einen Durchmesser von etwa 3,5 Millimeter. Das ist viel. Eine Ladung Kontrastmittel kommt aus dem Katheter. Auf dem Röntgenbild werden jetzt die Gefäße für einen Herzschlag lang sichtbar. Auch die Stelle mit dem Infarkt, wo der Blutfluss abrupt abreißt.

Der Katheter im Katheter

In den ersten Katheter kommt jetzt ein zweiter – ein Mikrokatheter, mit einer röntgendichten Markierung an der Spitze. Zur besseren Orientierung auf dem Display. Im Mikrokatheter steckt ein besonderer Draht. Axel Schmermund ist begeistert von den hochspezialisierten Instrumenten, die in der Kardiologie in den letzten Jahrzehnten entwickelt wurden: „Der Fielder-Draht, den ich hier habe, das ist ein Draht, mit dem man gerne startet. Der ist sehr flexibel und flutscht gerne in kleine Kanäle, so dass man den Verschluss damit hoffentlich überwinden kann.“ Seit 20 Jahren macht Axel Schmermund Kathetereingriffe am Herzen. Erfahrung und Fingerspitzengefühl braucht es, um seit Monaten verschlossene Gefäße wieder frei zu bekommen. Jetzt ist der Mikrokatheter am Ende des großen Katheters angelangt. Mit dem Fielder-Draht tastet sich Schmermund bis zum Gefäßverschluss vor. „Die Drahtspitze liegt genau da, wo der Gefäßverschluss beginnt. Der wird so um die drei bis vier Zentimeter lang sein.“ Jetzt muss es passieren! Kommt Axel Schmermund mit dem Fielder-Draht durch die Engstelle? Wieder und wieder, minutenlang versucht es der Kardiologe. Doch es will ihm nicht gelingen, in den Infarkt vorzudringen. „Also ich bekomme ihn nicht so nach unten, wie ich es gerne hätte. Wir kommen mit diesem Draht nicht weiter. Schmermund lässt sich einen anderen Draht reichen und zieht ihn aus der sterilen Plastikverpackung. „Das ist ein besonderer Draht, weil man mit ihm recht gut die Richtung bestimmen kann. Der hat eine ganz kleine Biegung an der Spitze.“ Nächster Versuch. Mit dem neuen Draht sucht Axel Schmermund den Weg in den Gefäßverschluss. Und hat nach wenigen Anläufen Erfolg. Der Draht taucht durch die Engstelle hindurch. Das war der wichtigste Teil des Eingriffs. Der Kardiologe erkundigt sich nach dem Patienten: „Herr Weigand, ich hoffe es ist alles okay. Sie melden sich, wenn irgendwas ist. Wir sind ganz zufrieden, wir machen gute Fortschritte. Wir fangen jetzt auch damit an, dass wir das Gefäß auch aufdehnen wollen.“

Das Wichtigste ist geschafft

Als nächstes gelingt es dem Kardiologen, den Mikrokatheter durch die Engstelle zu schieben. Dadurch wird der Kanal ein erstes Mal geweitet. Der nächste Katheter, den Schmermund durch den Hauptkatheter in Peter Weigands Herzkrangefäße schiebt, trägt an der Spitze einen Ballon, der sich aufblasen lässt, um die Engstelle auf zu dehnen. Durch den eben vorgebahnte Kanal schiebt Schmermund den Ballonkatheter und beginnt, die Engstelle Schritt für Schritt weiter zu öffnen. „Jetzt dehne ich einfach entlang des Drahtverlaufes von unten nach oben. Also ich ziehe den Ballon zurück. Und dehne ihn so, dass alles, was vorher zu eng war wenigsten ein bisschen Kontrastmittel durchlässt. Um Platz zu schaffen dann für größere Ballons und Stents.“ Nach siebzig Minuten ist es soweit: Das aufgedehnte Gefäß wird mit Gefäßstützen aus Metall stabilisiert. Den Stents. Die sitzen zusammengefaltet an der Spitze der nächsten Kathetersorte auf Ballons. Schmermund erklärt: „Wenn wir gleich Druck auf den Ballon geben, dann wird er den Stent aufdehnen zu der vorgesehenen Größe und er wird verhindern, dass das elastische Gefäß wieder zusammensurrt und sich wieder verengt.“ Mit drei Stents stabilisiert der Kardiologe das Herzkranzgefäß von Peter Weigand. Und dann kommt auch schon die Erfolgskontrolle. Schmermund ist zufrieden. „Eigentlich super, muss man sagen. Auch dieser Seitenarm ist freigeblieben, Gott sei Dank, der hat sich nicht verschlossen.“ Das Kontrastmittel fließt jetzt ungehindert durch das Gefäß. Der Kardiologe hat das Problem gelöst. Und wie hat der Patient den Eingriff erlebt? Peter Weigand scheint ganz „high“. „Das war für mich wie Science Fiction. Also man kann sich das kaum vorstellen.“ Wird Peter Weigand wieder seine hundert Kilometer am Tag mit dem Rad fahren können? Schmermund lacht: „Ich hoffe! Er wird es uns sagen. Aber er hat jetzt keine bedeutsame Engstelle mehr. Das ist jetzt beseitigt. Insofern hoffe ich, dass er das kann. Ohne Beschwerden. Die Zeichen stehen gut. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wie der Herzmuskel von Peter Weigand die Unterversorgung überstanden hat und wie schnell das Herz mit der vollständigen Durchblutung wieder zu alter Leistungsfähigkeit zurückfindet.

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Frank Wittig