Gekaufte Fachjournale

Ärztemedien berichten einseitig

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Ein Insider bezeichnet Fachzeitschriften für Mediziner als "verlängerten Arm der Pharmaindustrie". So ist es möglich, dass Ärzte manchmal einseitig informiert sind. Und das schadet den Patienten.

Ärzte brauchen Fachzeitschriften

„Die medizinischen Fachzeitschriften sind für Ärzte extrem wichtig“, sagt Dr. Roland Zerm, Diabetologe an der Gemeinschaftsklinik Havelhöhe in Berlin. „Man schafft es ja gar nicht, alle relevanten Studien zum eigenen Fachbereich zu lesen. Deshalb sind Ärzte darauf angewiesen, dass sie die neuen medizinischen Erkenntnisse in kompakter Form in einer Zeitschrift lesen können.“

Zahlreiche solcher Medien landen jede Woche in ärztlichen Praxen. Darin werden neue Medikamente und Therapien beschrieben. Und weil Mediziner wichtige Kunden sind, schalten Pharmaunternehmen in diesen Fachzeitschriften viele Anzeigen. Ohne diese Werbeeinnahmen könnten viele Verlage nicht überleben. Und das hat Folgen.

20 Millionen Medizin-Artikel erscheinen derzeit weltweit pro Jahr. 250 Zeitschriften gibt es allein in Deutschland, publiziert von über 60 Verlagen. Zum Beispiel der Biermann Verlag in Köln. Hier werden über 20 Printprodukte für Ärzte erstellt. Hinzu kommen zahlreiche Online-Angebote.

Beispiel: Der Kölner Biermann Verlag

Prof. Dieter Köhler war Herausgeber der Zeitschrift „Pneumologie Kompakt“ aus dem Biermann Verlag. Er hatte ein kritisches Vorwort über eine Pharma-Studie geschrieben. Die Reaktion aus dem Verlag kam prompt: „Man hat die Inhalte des Artikels aufgeweicht, sodass die Kritik und auch der Bezug zur Pharmafirma nicht mehr unmittelbar sichtbar waren", erklärt der Pneumologe aus Schmallenberg. Alle kritischen Passagen und der Name des Pharmaunternehmens wurden aus seinem Artikel gestrichen. „Dann hab ich nochmal mit dem Verleger gesprochen. Der sagte er würde eine Menge Geld verlieren und müsste Leute entlassen, wenn das im Original gedruckt werden würde. “ Auf unsere Anfrage zur Stellungnahme antwortet der Verlag:

„Wir haben fragliches Editorial (...) lediglich in stilistischer Hinsicht redigiert und einige Aussagen entschärft. (...) Am Inhalt des Textes hätte dies nichts geändert. (...)“

Dieter Köhler sieht das anders. Er weiß, dass sein Artikel keine Ausnahme ist. Eingriffe wie beim Biermann Verlag gibt es auch in anderen Häusern: „Da hatte eine Pharma-Firma ein Produkt in einer Zeitschrift beworben, in der gleichzeitig ein kritischer Artikel zu diesem Medikament enthalten war“, berichtet Köhler. „Dann hat man auf Druck der Pharmafirma die ganzen Hefte eingestampft und in veränderter Form auf den Markt gebracht. Man hatte aber vergessen, das Inhaltsverzeichnis zu ändern und die Leser wollten wissen, wo der Artikel sei. Und dadurch kam das heraus.“

Die enge wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen Verlagen und Industrie belegt auch eine Studie der Uni Marburg. Demnach sind Autoren kostenloser Zeitschriften besonders großzügig in der Bewertung von Medikamenten.

Sogar das renommierte New England Journal of Medicine veröffentlicht irreführende, zu positive Zusammenfassungen von Medikamenten-Studien. Das zeigt eine Analyse des Cochrane Zentrums.

Dieter Köhler wollte das nicht mehr mitmachen. Er zog die Konsequenzen und hat sein Amt als Herausgeber nieder gelegt.

Neue Medikamente haben auch Nebenwirkungen

Was einseitig informierte Ärzte im Alltag bedeuten, hat Christiane J. aus Berlin erlebt. Sie hat seit über 20 Jahren Diabetes und fühlte sich gut. Auch ihre Werte waren in Ordnung. Trotzdem wollte ihre Ärztin sie vehement von einem neuen Medikament überzeugen: „Sie sagte: Es gibt ein ganz tolles, neues Medikament, das noch nicht lange im Umlauf ist und das sei gerade für Leute geeignet, die unbedingt abnehmen wollen“, erzählt die Rentnerin.

Weil die Diabetologin nicht locker ließ, wurde Christiane J. skeptisch. Sie recherchierte im Internet und war sehr irritiert: „Zu unerwünschten Nebenwirkungen stand dann da: Bauchspeicheldrüsenentzündung, Bauchspeicheldrüsenkrebs. Und das ging dann hin bis zu Todesfällen... “ Die 65Jährige war schockiert. Was hatte die Ärztin dazu bewogen? Diese wollte sich auf Anfrage von Odysso nicht äußern.

Der pharmakritische Diabetologe Dr. Roland Zerm klärt uns auf: „Ich gehe mal davon aus, dass die Kollegin nur das Beste für ihre Patientin wollte. Fakt ist aber, dass dieses Medikament, was sie verschreiben wollte ein erster Vertreter einer ganz neuen Wirkstoffgruppe war. Und es war eine große Euphorie, die auch in den Medien transportiert wurde. Gerade in den Fachmedien.“ Roland Zerm selektiert deshalb Informationen kritisch. Doch gefeit vor dem Einfluss der Pharmamacht ist auch er nicht. „Es gibt eine Untersuchung, die zeigt, dass Ärzte denken, dass alle anderen Ärzte beeinflussbar sind, nur sie selber nicht. Und das zeigt ganz gut, dass da ein Irrtum vorliegen muss. Die Pharmaindustrie würde ja auch nicht Milliarden dafür ausgeben, um Werbung zu schalten, wenn es keinen Einfluss hätte.“

Christiane J. jedenfalls zog Konsequenzen. Sie wechselte die Ärztin. Zu groß war der Vertrauensverlust. Ihr Beispiel zeigt: Wenn Ärzte sich nicht um unabhängige Informationen bemühen, verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit.

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