Luftverschmutzung

Wir haben viel erreicht

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In Zeiten von Dieselgate und Diskussionen über Fahrverbote meint man, Deutschland erlebe eine Zeit besonderer Belastung durch Schadstoffe in der Luft. Ein Rückblick rückt die Perspektive zurecht.

Der Himmel über dem Ruhrgebiet

Wer heute das Archivmaterial aus den 1960ern aus dem Ruhrgebiet sieht, kann es kaum glauben. Bilder, wie wir sie heute aus China kennen: Smog, der die Sonne verdunkelt. PKW, die tags mit Licht fahren müssen, weil Ruß und Staub den Tag in Dämmerung verwandeln. Nach dem Krieg stand das Wirtschaftswachstum an oberster Stelle. Reinhaltung der Luft? Ein Luxus, der den Aufschwung gefährdet! Jahrelang hatten Anwohner die Belastung hingenommen. Den Staub aus ihren Wohnungen gekehrt ohne zu klagen. Aber das änderte sich zu Beginn der 1960er. Ein Reporter steht in Gelsenkirchen im Smog in der Fußgängerzone und befragt die Passantinnen:„Der Himmel ist völlig verfinstert. Seit acht Tagen hält dieses Wetter hier an. Haben Sie schon irgendwelche gesundheitlichen Schäden bemerkt?“

Eine junge Frau antwortet betroffen: „Ich komme aus Wetzlar und ich kenne diese Luft hier gar nicht. Und ich muss sagen, es ist traurig für all die Menschen, die das hier täglich mitmachen müssen.“ Eine Mittvierzigerin klagt an: „Es ist eine Schande, dass uns das zugemutet wird, in dieser Luft zu leben. Es ist doch möglich durch den Einbau von Filtern die Luft zu reinigen. Es müsste etwas mehr Geld dafür ausgegeben werden und es müsste gesetzlich verankert werden.“ Dafür ist auch Kanzlerkandidat Willi Brandt. Im April 1961 spricht er in einer Rede im Bonner Bundestag den historischen Satz: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.“ Damals noch von vielen belächelt, markiert diese Rede tatsächlich die Morgendämmerung der deutschen Umweltbewegung.

Schwefeldioxid

Im Dezember 1962 gibt es erneut eine schwere Smogperiode im Ruhrgebiet. Schwefeldioxid und Staub erreichen neue Höchstwerte. Es gibt 20 Prozent mehr Herz-Kreislauf-Tote. Der Druck auf die Politik, Luftreinhaltung auf die Agenda zu setzen, steigt. Rauchgasentschwefelung bei Kohlekraftwerken und schwefelarmer Diesel werden eingeführt. Der Kampf gegen die Luftverschmutzung beginnt.

Ein Netz von Messstellen wird aufgebaut. Für die Kontrolle der neuen Grenzwerte. Die Industrie bekommt immer strengere Vorgaben zur Luftreinhaltung.
Die Maßnahmen zeigen umgehend Erfolg. Von 1964 bis heute verringert sich der Gehalt von Schwefeldioxid in der Luft des Ruhrgebiets um das 40fache.

Erfolgsgeschichten: Staub und Blei

Seit 1968 wird die Staubentwicklung im Ruhrgebiet systematisch erfasst. Die Stahlindustrie gilt neben Kohlekraftwerken, Kokereien und Zementwerken als Hauptverursacher. Aber auch in Dampflokomotiven wird Kohle verbrannt und damit viel Staub ausgestoßen. Neue Loks fahren mit Dieselöl. Und in den Privathaushalten ist das Heizen mit Holz und Kohle bald ein Auslaufmodell. Die großen Staubquellen werden systematisch reduziert. Mit Erfolg. Seit 1968 ist die Staublast über dem Ruhrgebiet um den Faktor Zehn gesunken. Immer aufwändigere Filtertechnik und die Verdrängung der Kohle machten das möglich. Längst ist der Himmel über dem Ruhrgebiet wieder so, wie Willi Brandt sich ihn wünschte: blau! Noch beeindruckender ist die Erfolgsgeschichte beim Blei. Und zwar bundesweit!

Müllverbrennungskraftwerke mussten ihre Filtertechnik aufrüsten um Blei zurückzuhalten. Im PKW-Bereich wurde Schritt für Schritt bleifreier Kraftstoff eingeführt. Seit 2000 ist verbleites Benzin verboten. Mit diesen und anderen Maßnahmen konnte der Gehalt des Nervengifts in der Luft über Deutschland auf ein Hundertstel des Ausgangswertes gedrückt werden.

Stickstoffdioxid und Ammoniak: keine Besserung

Keine Erfolgsgeschichte dagegen bei Stickstoffdioxid (NO2). Ein Reizgas das beim Verbrennen von fossilen Brennstoffen wie Kohle und Erdöl entsteht. Seit dem Jahr 2000 stagnieren die Messwerte auf hohem Niveau. Hauptverursacher ist der ständig zunehmende Straßenverkehr. So werden an vielbefahrenen Straßen die europäischen Grenzwerte für NO2 regelmäßig überschritten. Mit dafür verantwortlich: der hohe Anteil von Diesel-Fahrzeugen auf deutschen Straßen. Diesel-Motoren stoßen sieben- bis zehnmal so viel Stickoxide aus wie Benzin-Motoren. Doch Fortschritte in der Diesel-Technologie könnten die Werte mit Add-Blue und Speicherkat im nächsten Jahrzehnt positiv beeinflussen. Für erhebliche Luftbelastung sorgt auch die industrielle Massentierhaltung beziehungsweise der anhaltend hohe Fleischkonsum. Denn auch hier, beim giftigen Gas Ammoniak, das den Ausscheidungen der Tiere entströmt, hat es keine positive Entwicklung gegeben. 70.000 Tonnen pro Jahr sind für Ozon, Feinstaub und sauren Regen mit verantwortlich. Und damit für eine Vielzahl von Erkrankungen und Umweltschäden. Besonders schädlich: die übliche Form der Gülle-Ausbringung per Spritzdüse. Hier gelangt deutlich mehr Ammoniak in die Atmosphäre als nötig. Denn Techniken zur luftschützenden, bodennahen Verteilung der Gülle sind vorhanden. Eggen, die Furchen ziehen, in die die Gülle per Schlauch eingefüllt werden kann. Doch der hohe Kostendruck in der Landwirtschaft verhindert die Einführung dieser umweltschützenden Technik.

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