Implantologie

Das Geschäft mit Zahnimplantaten

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Sie sollen ein besonders stabiler, ästhetischer, langlebiger Zahnersatz sein: Implantate. Doch immer mehr Implantatverluste beschäftigen Experten. Odysso sucht nach Gründen.

Die ganze Hoffnung von Refik Belger liegt auf seinem neuen Zahnarzt, Dr. Eberhard Riedel. Refik Belger hat eine Odyssee hinter sich. Im Oktober 2015 bekam er sechs Zahnimplantate gesetzt. Doch weil zwei der sechs Implantate schief gesetzt wurden, wartet er bis heute auf eine Prothese, die endlich passt. „Der Implantologe hat sich nicht wirklich Mühe gegeben die Implantate an die Stelle zu setzen an die sie gehören.“, so das Urteil von Dr. Riedel. Doch nicht nur der Implantologe habe Fehler gemacht: „Beide zusammen, also Implantologe und Zahnarzt haben den Fehler gemacht, sich nicht genug abzustimmen über die notwendige Lage der Implantate und deshalb hat Herr Belger hier Schiffbruch erlitten.“ Dass sich seine Behandlung so lang hinziehen würde, damit hatte Refik Belger nicht gerechnet. „Man erwartet nicht unbedingt etwas Schlechtes“, erzählt er, „und dann kommt aber am Ende so ein Mist, so eine unmögliche Arbeit bei raus“. Eine unmögliche Arbeit, für die er schon elftausend Euro bezahlt hat.

Kein Einzelfall

Leider ist er kein Einzelfall. Als freier Gutachter arbeitet sich Dr. Eberhard Riedel nach Praxisschluss durch Akten und Beweisstücke. So sieht er regelmäßig, was Kollegen falsch machen – und wie die betroffenen Patienten unter den Folgen leiden. Entsprechend fällt sein Urteil aus, wenn es um die eigenen Kollegen geht. „Ich muss sagen ich bin nicht immer stolz, diesem Berufsstand anzugehören“, sagt Riedel, „Ich kenne so viele Kollegen, die hervorragend arbeiten und die ich beneide um ihre Kunst, die sie an den Tag legen. Aber leider, dadurch dass ich eine gewisse Auswahl an Patienten bekomme aus anderen Praxen, die Probleme bekommen haben, sehe ich natürlich auch, dass ein Teil meines Berufsstandes es mit der Sorgfalt überhaupt nicht genau nimmt.“

Risiken und Nebenwirkungen

So läuft es idealtypisch: Mit einem Spezialbohrer fräst der Implantologe ein Loch in den Kieferknochen. Das Implantat, also die künstliche Zahnwurzel, wird eingesetzt und das Zahnfleisch wieder zugenäht. Ein Verbindungsstück wird darauf geschraubt und nach einer Einheilungsphase dann der künstliche Zahn oder die Prothese. Doch der besonders ästhetische, besonders langlebige Zahnersatz kann auch zu Komplikationen im Mund führen: Die häufigste ist die „Periimplantitis“. Eine so starke Entzündung des Weichgewebes rund um das Implantat, dass sich auch der Knochen schon zurückbildet. Rund 20 Prozent aller Patienten sind davon betroffen. Eine Untersuchung aus den USA zeigte, dass 10 Prozent der Implantate aufgrund einer Periimplantitis wieder entfernt werden müssen. Bei geschätzten eine Million eingesetzter Implantate pro Jahr in Deutschland wären das 100.000 Stück. Solche Entzündungen entstehen vor allem durch schlechte Mundhygiene – die muss natürlich der Patient selbst leisten. Aber auch sein Arzt muss klären, ob der Patient ausreichend putzt, ob er Raucher oder Diabetiker, also ein Risikopatient mit geringer Wundheilung ist.

Attraktive Implantologie

Auch der Kieferknochen ist wichtig: ist ausreichend Knochen vorhanden? Ist er stabil genug, damit ein Implantat darin sicher und stabil halten kann? Implantate eignen sich längst nicht jeden Patienten – und dennoch setzen Ärzte gern Implantate ein: „Zahnärzte versorgen gern mit Implantaten, weil das ein Bereich ist, wo die Kassen außen vor sind“, erklärt Dr. Eberhard Riedel. „Implantate müssen privat gezahlt werden. Das heißt, hier haben sie einen Kassenpatienten, der dann aber für Implantatversorgung ein Privatpatient ist. Das schafft zusätzliche Umsätze und deshalb ist die Implantologie so attraktiv. Jeder Zahnarzt glaubt, sich mit Implantologie einen Namen machen zu können, ob er's wirklich gelernt hat oder nicht ist da scheinbar nicht immer so wirklich ganz wichtig, und auch die Industrie ist dabei, Implantate in den Markt zu pushen.“ Wochenendkurse von großen Implantat-Herstellern, Online Kurse und Webinare – das Implantieren können Zahnärzte auf viele Weisen lernen und sich dann „Implantologe“ nennen. Das ist keine geschützte Berufsbezeichnung.

Mangelnde Ausbildung?

Aber es geht auch anders: an der Karlsruher Akademie für Zahnärztliche Fortbildung dauert die gesamte Weiterbildung ein Jahr. Inklusive vieler praktischer Übungen. Selbst nach dem Jahr können die Zahnärzte ihre ersten Patienten in der Akademie operieren, unter Beobachtung der Dozenten. „Man lernt es von Anfang an, man wird unterstützt, kann Fragen stellen, kann auch seine eigenen praktischen Erfahrungen abgleichen – das gibt einem einfach Sicherheit“, sagt ein junger Kursteilnehmer. Eine erfahrenere Kollegin ergänzt: „Ob ich nach diesem Curriculum wirklich selber implantieren werde, weiß ich noch nicht, das muss sich dann zeigen. Aber ich habe zumindest so viel Wissen mitbekommen, um auf Augenhöhe mit den Kieferchirurgen entsprechend planen beraten zu können“. Doch nicht alle Kollegen sind so umsichtig. Denn Implantieren ist eigentlich das Kerngeschäft von Kiefer- und Oralchirurgen. Doch immer mehr Zahnärzte wollen auch selbst implantieren. Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Friedrich Neukam bringt es ihnen bei. Er leitet den heutigen Kurs und ist eine absolute Koryphäe auf dem Gebiet der Implantologie. Dass das auch immer mehr Zahnärzte für sich entdecken, findet er nicht problematisch.

Tipps für Patienten

„Zähne verliert man nicht nur in der Stadt in der Nähe von irgendeinem Zentrum, sondern auch auf dem Land, in der breiten Fläche“, sagt Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Friedrich Neukam. „Und ich denke eine Grundversorgung sollte wirklich flächenweit da sein für den Patienten. Und insofern halte ich das für den richtigen Weg dass möglichst viele dann auch diese Behandlung vornehmen – Ich wünsche mir natürlich auch, dass sie sich entsprechend vorbereiten auf die Behandlung.“ Implantologische Fachgesellschaften verleihen Zahnärzten zwar Zertifikate zum Implantieren, für die auch strenge Regeln gelten. Doch ein solches Zertifikat ist in Deutschland keine Pflicht, um am Patienten implantieren zu dürfen. Patienten sollten also darauf achten, ob ihr behandelnder Arzt ein Zertifikat besitzt und wie er sich fortgebildet hat. Außerdem sollten sie sich – wenn ein prothetisch versierter Zahnarzt überhaupt zu Implantaten rät – diese am besten von einem erfahrenen Kiefer- oder Oralchirurgen einsetzen lassen. Immerhin: Refik Belger kann seine Implantate behalten. Nur eines der beiden schiefen Exemplare muss stillgelegt werden. Dann ist aber der Weg frei für eine neue, endlich perfekte sitzende Prothese.

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