Drohnen

Fliegen für Jedermann

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Vors Haus gehen, Reinsetzen und Losfliegen - über alle Staus hinweg. So ähnlich sieht der Traum vieler Autofahrer aus und bald könnte es soweit sein.

„Mit einer bemannten Drohne müsste genau das möglich sein“, dachten sich 2010 drei Erfinder in Karlsruhe und beschließen ihre Pläne wirklich umzusetzen, weil ihnen in den Diskussionsforen niemand glauben will. Sie experimentieren eine Zeit lang, um für den benötigten Schub, die optimale Rotorlänge festzulegen, denn je kürzer die Propeller, umso höher müssen die Umdrehungszahl und damit die Leistung der Elektromotoren ausfallen. Ende 2011 ist es dann bereits soweit: Auf einem nahe gelegenen Flugplatz starteten Thomas Senkel, Stephan Wolf und Alexander Zosel ihren Prototypen mit 16 Rotoren.

Eine Idee findet ihren Weg

Auch wenn dieser Erstflug nur 90 Sekunden dauerte – der mitgeschnittene Film von dem Ereignis verbreitet sich auf der Internetplattform YouTube in Windeseile und findet schnell viele Interessenten. Die Entwicklung einer serienreifen Version ihres Multicopters können die Drei deshalb zusammen mit vielen neuen Partnern angehen. Unter anderem sind die Unis aus Stuttgart und Karlsruhe mit von der Partie, genauso wie ein großer Segelflugzeugbauer aus der Region. Finanziert wird das Projekt mit Eigenkapital, durch Crowdfunding und einer zwei Millionen Euro-Förderung aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

Ein Novum in der zivilen Luftfahrt

Die neue Version hat nun 18 Rotoren mit einem Durchmesser von je zwei Metern, die über einen inneren und einen äußeren Ring verteilt sind. Jeder dieser Rotoren hat einen eigenen Elektromotor, der mit einem separaten Elektroprozessor gesteuert wird. Alle Prozessoren zusammen kommunizieren in einem Netzwerk miteinander. So können Störungen wie zum Beispiel Windböen, in Bruchteilen von Sekunden ausgeglichen werden. Auch der Totalausfall einzelner Rotoren kann vom Netzwerk abgefangen werden. In der Konsequenz bedeutet das, dass sich der Volocopter in der Luft selbst stabilisiert, ohne Zutun des Piloten. Und das ist die eigentliche Sensation, denn Dinge wie Strömungsabriss oder Kontrolle des Gleitwinkels, die das Fliegen in der traditionellen Luftfahrt so anspruchsvoll machen, werden von der elektronischen Steuerung des Volocopters automatisch übernommen. Der Pilot muss sich nur noch dem Steuern mit Joystick widmen. Und das funktioniert wie bei einem Computerspiel: Landen und Starten wird durch Knopfdruck ausgelöst und Kurven fliegt man durch Drehen des Griffs. Einfacher geht’s nicht mehr.

Wie die Zukunft aussehen könnte

Nachdem der Volocopter bereits im März 2016 die vorläufige Verkehrszulassung für weitere Testflüge erhält, zeichnet sich immer deutlicher ab, dass es nur noch ein kurzer Weg bis zur Serienreife ist und dann könnte im Prinzip jeder, der es sich leisten kann, mit solch einem Volocopter vor der Haustüre abheben. Zumindest arbeitet das Luftfahrtbundesamt laut Aussage der Erfinder bereits an einer eigenen Flugzeugklasse für solche zivilen Senkrechtstarter. Werden nun bald überall in der Luft solche bemannten Drohnen über unseren Köpfen kreuzen? Die Entwickler denken eher an feste Fluglinien, die man wie Gondeln aber ortsungebunden innerhalb einer Stadt zur Verstärkung des Verkehrs am Boden einsetzen kann. Zum Beispiel in Istanbul als Luftbrücke über den Bosporus. In Südamerikas Megastädten sind Helikopterflüge innerhalb der Stadt bereits sehr verbreitet. Allerdings verursachen sie enormen Lärm. Auch der Volocopter ist nicht geräuschlos, aber dennoch um einiges leiser.
Prof. Michael Decker von der KIT Karlsruhe hat sich in einem EU-Projekt (MYCOPTER) mit der Technikfolgenabschätzung für solch einen zivilen Luftverkehr innerhalb einer Großstadt beschäftigt. Geprüft werden sollte, ob man durch solche Flugzeuge den Straßenverkehr am Boden spürbar entlasten könnte. Dabei wurde schnell klar, dass man für dieses Ziel tausende von Volocoptern über jede Stadt bringen müsste, wodurch sich eine Menge Probleme ergeben würden: Wie kann die Sicherheit gewährleistet werden? Wo werden die Fluggeräte geparkt, gewartet, getankt? Was ist mit Luftemissionen und Lärm? Schnell wurde klar, dass nur ein vollautonomer, elektrischer Flugbetrieb denkbar ist, bei dem die Passagiere ohne Pilot automatisch zu ihrem Ziel geflogen werden. Nur so wären die nötige Sicherheit und ein Flugbetrieb auch unter extremen Wetter- und Lichtbedingungen möglich. Einen solchen autonomen Lufttaxibetrieb hält Decker allerdings in naher Zukunft durchaus für realistisch.

Die Visionen scheinen zum Greifen nah

Allerdings müssen zuvor diverse technische Hürden überwunden werden, denn wie auch bei den Elektroautos, ist die Reichweite der Flüge noch sehr begrenzt. Die Akkus des Volocopters sind nach spätestens 30 Minuten leer und müssen dann ausgetauscht oder zwei Stunden lang geladen werden. Die Firmengründer sind sich aber sicher, dass es in fünf bis zehn Jahren soweit sein wird, dass man große Flotten des Volocopters einsetzt, wenn die motorisierte Mobilität am Boden sich immer schwieriger gestalten wird. Ob die Menschen dann ebenfalls für eine solche Entwicklung bereit sein werden, bleibt abzuwarten. Bei Bürgerbefragungen in verschiedenen Städten fanden Michael Decker und seine Kollegen heraus, dass viele Menschen zwar aufgeschlossen für solch eine neue Technologie sind, wenn sie leise und ohne Luftverschmutzung von statten geht, aber man hält die Fluggeräte in großer Zahl über einer Stadt für ästhetisch störend.

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