Arbeit

Die industrielle Revolution kennt kein Halten

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Nichts hat das Verhältnis des Menschen zu seiner Arbeit so stark geprägt, wie technische Innovationen. Daran hat sich seit 200 Jahren nichts geändert.

Die vorindustrielle Zeit in Deutschland

Anfang des 19. Jahrhunderts arbeiteten in Deutschland noch über 80 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft – meist als Leibeigene. Handwerkszünfte waren für Fachfremde nicht zugänglich und soziale Klassen nahezu unüberwindbar. Ein Flickenteppich aus Zollgrenzen überzog das Deutsche Reich und machte einen freien Waren- und Personenverkehr unmöglich.

In England hatte – auch durch die Erfindung der Dampfmaschine – die industrielle Revolution bereits eingesetzt und Deutschland drohte ins wirtschaftliche Abseits zu geraten und man ergriff Maßnahmen: Industriespione wurden nach England geschickt. Ingenieure, die den Auftrag hatten, die Dampfmaschinentechnik zu kopieren und in Deutschland nachzubauen. Außerdem wurde die Leibeigenschaft aufgehoben und eine freie Berufswahl für jedermann ermöglicht. Viele Regionen in Deutschland schlossen sich zu Zollvereinen zusammen, so dass nach und nach ein freier Handel möglich wurde.

Erste industrielle Revolution

Als dann auch in Deutschland Dampfmaschinen erhältlich wurden, entstanden Fabriken, in denen man nach und nach die manuellen Arbeitsabläufe durch Maschinen ersetzte. Vor allem in der Textilindustrie konnten die neuen Maschinen gewinnbringend eingesetzt werden. Erstmals war man für eine Maschinenproduktion nicht mehr auf Wasser- und Windkraft angewiesen und Fabriken konnten an jedem gewünschten Ort entstehen. Als 1935 in Deutschland die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth fuhr, war die Strecke gerade mal sechs Kilometer lang. Schnell erkannte man das ungeheure wirtschaftliche Potential eines zuverlässigen Transportsystems und schon 50 Jahre später erstreckte sich ein Schienennetz von über 5.000 Kilometer Länge über das ganze Deutsche Reich. Die neue Dampfmaschinentechnik benötigte allerdings Unmengen an Energie, so dass man bald von Holz- auf Kohlefeuerung umstellen musste.

Das schnelle Wachstum der Industrie zerstört allerdings auch die Existenz vieler Menschen, wie zum Beispiel der Tuchmacher und Weber. Die Arbeiter gerieten in große Abhängigkeit der Fabrik- und Bergwerkbesitzer, die jetzt die Regeln diktierten und dabei in erster Linie ihre Gewinne im Auge hatten. Gearbeitet wurde 14 – 16 Stunden, sechs Tage die Woche. Frauen erhielten halben Lohn und Kinderarbeit war selbstverständlich. Versicherungen für Krankheit und Tod gab es nicht und wer sich beschwerte, musste Strafen zahlen oder wurde entlassen.

Karl Marx: „Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben dafür eine Welt zu gewinnen.“

Zweite industrielle Revolution

Ab den 1870er Jahren begann die zweite Phase der industriellen Revolution, in der man immer mehr auf die Erfindungen von Wissenschaftlern und Ingenieuren setzte. Viele neue technische Erfindungen wie die Glühbirne oder das Telefon revolutionierten die Arbeitswelt aber auch das Privatleben. In der chemischen Industrie wurden vielfältige neue Verfahren für die Herstellung von Farbstoffen, Düngern, Sprengpulver oder Kunststoffen entwickelt, die bald überall nachgefragt wurden. Man begann damit, das ganze Land zu elektrifizieren. Neue Stromfernleitungen und Stromgeneratoren brachten den elektrische Strom und damit das Licht in die Städte.

Und noch eine Innovation erlebte ihre Geburtsstunde: Carl Benz erfand das Automobil mit Benzinmotor und erhielt dafür 1896 das Patent. Die Idee stieß am Anfang auf viel Skepsis, aber wurde dann doch immer beliebter. Henry Ford machte das Automobil dann Anfang des 20. Jahrhunderts massentauglich. Er war der Vorreiter einer perfekten Fließbandproduktion, in der jeder Arbeitsschritt bis ins kleinste optimiert wurde. Tausende Automobile verließen so jeden Tag das Werk und kosteten bald nur noch die Hälfte. Dabei war Ford die Zufriedenheit seiner Arbeiter sehr wichtig, denn er verstand sie als Basis für den Erfolg des Unternehmens.

Henry Ford: „Es geht um Freude an der Arbeit. Es gibt kein größeres Glück als die Erkenntnis, dass wir etwas erreicht haben.“

Dritte industrielle Revolution

In den 1970er Jahren setzte die Digitalisierung der Arbeitswelt ein. Es gab bereits Röhren- und Dioden-Computer, aber sie waren so groß, dass sie ganze Räume füllten. Durch die Erfindung der Mikroprozessoren wurde die gleiche Rechenleistung nun auf wenigen Millimetern eines Chips untergebracht und dadurch wurden Computer quasi universal einsetzbar. Es folgte die Erfindung der E-Mail und 1989 die Entdeckung der Hyper-Link-Technik, mit der die Basis für das heutige Internet gelegt wurde. Immer bessere Prozessoren beschleunigten in den kommenden Jahren die Datenverarbeitung, so dass bald alle Arbeitsprozesse digital verwaltet und gesteuert werden konnten. Bis 2000 sind 98 Prozent der Kommunikation digitalisiert. Bis 2007 liegen 94 Prozent aller verfügbaren Informationen in digitaler Form vor. Erste Wissenschaftler warnen bereits vor einer digitalen Demenz, weil wir zunehmend unsere Fähigkeit Informationen zu behalten und zu verarbeiten auf digitale Geräte auslagern. Wohin die Digitalisierung führen wird, das haben die Erfinder längst vor Augen.

Bill Gates: "Der weltweite Informationsmarkt wird … all die verschiedenen Wege zusammenfassen, auf denen Güter, Dienstleistungen und Ideen zwischen Menschen ausgetauscht werden."

Industrielle Revolution 4.0

Aktuell wird die Digitalisierung durch Vernetzung der Systeme konsequent weitergeführt. Digital gesteuerte Prozesse werden dabei immer autarker und der Mensch als Entscheider dazwischen, immer weniger gefragt.

Taxiunternehmen zum Beispiel werden überflüssig. Eine App zeigt uns stattdessen, wer in die gleiche Richtung will und was es kostet mitzufahren. Die GPS-Daten unsrer Handys machen es möglich. Sie müssen nur geschickt in eine neue Programmstruktur eingebettet werden und schon wird ein ganzer Berufsstand arbeitslos.

Weil unser Verhalten immer mehr digital erfasst wird, lässt es sich durch Algorithmen vorausberechnen. Der Mensch als Individuum wird dabei zur planbaren Konstante einer Entwicklung, die noch niemand absehen kann.

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