Umweltschutz

Sternenparks für den Südwesten

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AUTOR/IN
Oliver Wittkowski

Rettet den Sternenhimmel! Das fordern Initiativen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Einblicke in die wahrhaft finsteren Pläne der „Sternenpark“-Bewegung.

Finsterste Nacht im Pfälzerwald: Der „Papst der Dunkelheit“ ist auf der Pirsch. Professor Andreas Hänel ist Deutschlands führender Vermesser der Finsternis. Seinen mobilen Dunkelheitsmesser, den „Sky Quality Meter“, kurz „SQM“, hat er wie immer bei seinen Touren aufs Autodach geschnallt. Der Astronom aus Osnabrück sucht exquisite Sternenguckplätze. Orte mit Werten gegen 20.0 oder höher auf der Finsternis-Skala des SQM haben Potential. „Wo kann ich noch“ sagt Hänel“ einen natürlichen, dunklen Sternenhimmel erleben, wie sieht der eigentlich aus?“ Das treibe ihn an. Unter einem wirklich dunklen, brillanten Sternenhimmel „schaut man hinaus in die Tiefen des Universums.“

Gesucht: Natürlicher Sternenhimmel

Andreas Hänel und eine Initiative der Uni Kaiserslautern will den Pfälzerwald zum „Sternenpark“ machen. Eine Art Dunkelheitsreservat, in dem „Lichtverschmutzung“ durch überflüssige künstliche Beleuchtung vermieden werden soll. Diese Schutzzone soll – so die Vision – das ganze Biospährenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen umfassen.

200 Kilometer südöstlich: Hobbyastronomen kommen zum „Meteor-Camp“ auf einem einsamen Zeltplatz bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb zusammen. Sie warten auf die Nacht und den perfekten Anblick eines von Stadtstreulicht unverdorbenen Sternenhimmels. Das Meteorcamp wirbt ebenfalls für einen „Sternenpark“ im Bereich des Biosphärenreservats Schwäbische Alb. Camp-Organisator Till Credner ist Lehrer und passionierter Sternengucker. An seiner Schule hat er eine Astronomie-AG gegründet. Zwei seiner Schüler, Moritz und Antonio sind mit dabei: Zusammen erwarten sie heute den Sternschnuppenregen, der immer Mitte August kommt. Sie wollen ein 3D-Video von den Schnuppen drehen. Mit zwei Kameras, an zwei Standorten, rund 15 Kilometer voneinander entfernt. Aus der Stereokopie-Aufnahme soll eine „Jugend-forscht“-Arbeit entstehen. Das Wetter muss natürlich auch mitspielen. Zieht es sich abends doch noch zu, wäre der ganze Aufwand für die Katz.

Brauchen wir Dunkelheitsreservate?

Im Pfälzerwald ist der Dunkelmann wieder unterwegs, diesmal aber schon am Tag: Andreas Hänel hat mit wertvoller Fracht im Auto: Ein brandneues Messgerät für den Nachthimmel, den „Astronomie-Monitor“, kurz „ASTMon“. Der Astronom will, gemeinsam mit Studenten der Uni Kaiserslautern, das Spezialgerät aus Spanien auf dem Dach des „Hauses der Nachhaltigkeit“ in Johanniskreuz testen. Mit dem ASTMon lassen sich auch langfristige Trends regionaler „Lichtverschmutzung“ des Nachthimmels dokumentieren. Die Sternenpark-Aktivisten brauchen diese Daten, um Gemeinden zu überzeugen. Die sollen nämlich ihre Straßenbeleuchtung umrüsten: auf gezieltes Licht, das weniger diffus in den Himmel strahlt. Als Argumentationshilfe stricken die Studenten auch Tourismus-Konzepte: Ein „Sternenpark“ verspreche eine einzigartige, authentische Naturerfahrung dank „Sternenpark“, sowas liegt doch voll im Trend. Und das sogar mit Prüfsiegel. Verschiedene Institutionen, vor allem die „International Dark Sky Association“, kurz „IDA“, zertifizieren weltweit Sternenparks. Der „Gold“-Status von der IDA, einer Vereinigung von Astronomen und Umweltschützern ist die höchste Weihe für den dunklen Himmel: Energiesparen, Naturschutz, intakter Biorhythmus‘ von Mensch und Tier – um solche hehren Ziele geht es auch bei der Rettung des natürlichen Sternenhimmels. Manche Kommunen im Pfälzerwald stehen den „finsteren“ Plänen der Bewegung noch skeptisch gegenüber, oder können nichts damit anfangen, so Hänel: Die Einwohner wüssten häufig gar nicht, was für einen Wert sie dort haben. Für sie sei dieser Sternenhimmel natürlich. „Aber dass das vielleicht ein Wert ist für andere, die aus einer hellen Stadt kommen, das ist ihnen vielleicht gar nicht so bewusst.“

Aktivisten werben geduldig

Andreas Hänel und sein Team konfigurieren schließlich das neue Messgerät auf dem Hausdach. Drei Nächte lang werden sie an der Feinjustierung werkeln. Langzeitbeobachtungen des Sternenhimmels sollen dann zeigen, ob es in der Region tatsächlich dunkler wird, wenn die Gemeinden nach und nach ihre Beleuchtung umrüsten. Durch das Engagement der Raum- und Umweltplaner der Uni Kaiserslautern funktioniert das Networking in der Region gut. Das Umweltministerium, wie auch die Leitung des Biosphärenreservats Pfälzerwald sind der Sternenpark-Bewegung wohlgesonnen.

In Baden-Württemberg komme von der Politik noch zu wenig Unterstützung, meint Sternenpark-Aktivist Dr. Matthias Engel. Der Physiker hat die Initiative für die Schwäbische Alb 2011 gegründet und rührt nun, zusammen mit Till Credner und andern. Geduldig die Werbetrommel. Abwarten, das können Astronomie-Fans jedenfalls. Um in die Unendlichkeit zu schauen, ist Geduld das wichtigste Rüstzeug: Die Astronomie, sagt Till Credner sei eigentlich die Wissenschaft, die nicht experimentell arbeiten kann: „Wir sind auf das angewiesen, was wir beobachten können.“ Das lehre auch Demut, denn „wir müssen mit dem zurande kommen, was die Natur uns liefert und das untersuchen.

Im Sternschnuppen-Regen

22 Uhr, die heiße Sternschnuppen-Phase beginnt. Antonio und Moritz sind auf ihrem Posten, ihre Kamera ist auf das Sternbild Pegasus ausgerichtet. Ebenso die Kamera von Till Credner, der 15 Kilometer entfernt, am Sternbeobachtungsplatz Zainingen Position bezogen hat. Dann kommen sie schon, manchmal im Minutentakt, zwei oder drei Schnuppen hintereinander. Die August-Sternschnuppen stammen von einem Kometen, dessen Bahn die Erde jährlich kreuzt. Winzige Teilchen des Himmelskörpers „109P/Swift-Tuttle“ treten in die Erdatmosphäre ein – und bringen die Luft zum Glühen.

Im Meteor-Camp war das Sternschnuppen-Team um Till Credner bis halb sechs Uhr morgens auf dem Posten. Material für ihre 3D-Bilder von Sternschnuppen haben sie genug. Die Montage der Aufnahmen wird aber noch einige Wochen dauern. Unter dem Sternschnuppen-Regen haben sich die Freunde der Nacht jedenfalls eines gewünscht: dass sie bald kommen werden, die Sternenparks für den Südwesten.

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Oliver Wittkowski