Fasten

Warum Fasten heilsam ist

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AUTOR/IN
Frank Wittig

Mein Selbstversuch war positiv. Sieben Tage ohne feste Nahrung: eine intensive Erfahrung. Doch hat das Fasten noch mehr zu bieten, als gute Gefühle? Für die Recherche zum medizinischen Hintergrund fahre ich nach Berlin.

In Berlin Wannsee im Immanuel-Krankenhaus treffe ich den wohl bekanntesten Fasten-Forscher Deutschlands: Prof. Andreas Michalsen. Der sympathische Mittfünfziger hat dort eine Stiftungsprofessur für Naturheilkunde. Gleich zu Beginn zeigt er mir ein beeindruckendes Video: Zu sehen sind Mäuse mit Krebs, die Chemotherapie bekamen. Die Mäuse, die zusätzlich fasteten, vertrugen die Chemo offensichtlich besser und hatten größere Heilungserfolge. Michalsen beschreibt die Bilder der Fasten-Mäuse so: „Was man hier sieht ist vergnügtes Leben. Die sind vital und die spielen.“ Bei den Mäusen, die sich normal ernährten sah es anders aus: „Und hier sieht man natürlich ganz wenig Leben, ganz wenig Vitalität. Auch die Körpersprache ist ja eine ganz andere.“ Bei dieser amerikanischen Studie wurden in der Fastengruppe sogar Mäuse geheilt. Sehr ungewöhnlich für den aggressiven Krebs der Bauchspeicheldrüse.

Als einen Grund für diesen Erfolg identifizieren Wissenschaftler die Umstellung des Stoffwechsels bei Fastenden: Normalerweise liefert Zucker im Blut die Hauptenergie für gesunde- und Tumorzellen. Beim Fasten fehlt Zucker. Stattdessen gibt es sogenannte Ketokörper aus Fettreserven. Gesunde Zellen verwerten Ketokörper prima. Die Krebszellen jedoch können sie kaum verwerten und müssen hungern, werden so geschwächt.

Fasten lindert Nebenwirkungen der Chemotherapie

Zu den Wirkungen des Fastens bei Patienten mit Chemotherapie hat Andreas Michalsen auch eine erste Studie mit menschlichen Krebspatienten gemacht: „Die Nebenwirkungen werden tatsächlich weniger, die Lebensqualität, das Wohlbefinden wird besser. Um die Frage zu beantworten, ob das insgesamt auf den Krebs eine positive Auswirkung hat, dazu war die Studie viel zu klein. Da muss man vorsichtig sein.“

Auch bei anderen Erkrankungen kann Fasten offenbar Symptome lindern. Unter der Aufsicht von Andreas Michalsen hungern daher ständig mehrere Dutzend Patienten mit chronischen Leiden. So wie Stephanie König, die unter starkem Rheuma leidet. Sie Beschreibt ihre Beschwerden so: „Man hat Schmerzen bei den Bewegungen. Aber auch nachts, wenn man liegt im Bett hat man starke Schmerzen. Morgens sind die Gelenke sehr steif, so dass man echt Schwierigkeiten hat, Socken anzuziehen oder was zu greifen. Bei mir hat sich jetzt während dieses Aufenthalts die Hüfte deutlich verbessert. Ich bin teilweise letztes Jahr am Sock gegangen. Und jetzt laufe ich echt richtig gut.“

Einen Grund für die positiven Wirkungen des Fastens sehen Wissenschaftler in einem uralten Programm, das bei Zellen anspringt, wenn Nahrung knapp wird. Die sogenannte „Autophagie“. Eine Art Hausputz der Zelle. In der Zelle sammeln sich mit der Zeit Eiweiß-Abfallprodukte an. Falsch gefaltete Proteine etwa. Oder funktionslose Zellorganellen. Ist Nahrung knapp, wie beim Fasten, werden diese Eiweiße recycelt und in frische Zellstrukturen übersetzt. Ein Jungbrunnen für die ganze Zelle.

Fasten als Impuls für eine Lebensstil-Änderung

Andreas Michalsen empfiehlt Fasten unter anderem bei Arthrosen, Darmerkrankungen, Diabetes und weiteren Stoffwechselstörungen. Und: „Das Fasten hat auch mentale Wirkungen. Also Menschen mit leichter Depression bekommen bessere Stimmungen. Wir nutzen das Ganze auch dafür, dass Menschen mit einer stärkeren Motivation beginnen, sich gesünder zu ernähren oder sich gesünder in ihrem Lebensstil zu verhalten.“

Dabei ist es nicht einmal nötig gleich viele Tage auf das Essen zu verzichten. Auch kurze Essenspausen helfen der Gesundheit. Michalsen erklärt, unser Körper sei sehr gut darauf vorbereitet, immer mal wieder einen größeren Abstand zwischen zwei Mahlzeiten zu haben. Damit komme er wunderbar zurecht. Er komme nicht gut zurecht damit, wenn wir ihn alle sechs bis acht Stunden mit Nahrung belasteten. Ein Grund hierfür: „Es ist so, dass wir verschiedene Hormone haben und Botenstoffe, die auch für die Entstehung von Krebs oder Bluthochdruck oder Zuckerkrankheit verantwortlich sind. Und wenn wir immer mal wieder Fasten oder Mahlzeiten weglassen, dann normalisieren sich diese Stoffe und die Werte gehen nicht so hoch.“

Beeindruckt von den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen besuche ich einen weiteren Forscher, der sich speziell mit dem Einfluss des Fastens auf die Gehirnleistung beschäftigt. Die Tiere, an denen er das untersucht, sind - Fruchtfliegen.

Aber wie lässt man denn Fruchtfliegen Fasten? Die winzigen Tiere haben doch keine großen Reserven, die verhungern sofort, denke ich. Stefan Sigrist, Neurobiologe der Freien Uni Berlin, bedient sich eines Tricks: „Was wir insbesondere analysieren ist, wie die Tiere auf Spermidin reagieren. Wir wissen vom Spermidin mittlerweile, dass es alle Aspekte des Fastens in den Tieren nachahmt. Die Tiere sehen auch so aus, als hätten sie gefastet. Alles, was wir tun müssen, ist diese einfache Substanz zuzufüttern.“

Bei Fruchtfliegen ein Jungbrunnen fürs Gehirn

Und dann wird untersucht, wie sich die Gedächtnisleistung durch das Pseudofasten verändert. Dazu trainiert der Forscher die Fruchtfliegen nach der Spermidin-Kur in einer speziellen Box. Leichte Stromschläge verabreicht er zusammen mit einem bestimmten Duft. Dann folgt ein zweiter Duft. Diesmal ohne Stromschläge. Schließlich dürfen sich die Fliegen zwischen zwei Boxen mit den Düften entscheiden. Fliegen, die Spermidin bekamen, lernten besser, dem Duft mit dem Stromschlag auszuweichen. Ein viel versprechendes Ergebnis, sagt der Neurobiologe: „Wir haben uns davon überzeugen können, dass die Fliegen tatsächlich durch das Spermidin eine Art Verjüngungskur durchmachen für ihr Gehirn. Normalerweise lassen Fliegen sehr schnell darin nach Erinnerungen auszubilden. Wir sehen, dass die Tiere, die die Spermidin-Kur hinter sich haben, auch als alte Tiere in der Lage sind, sehr effektiv neue Erinnerungen auszubilden.“

Das Ganze können die Forscher auch unter dem Mikroskop nachvollziehen. Das winzige Fliegengehirn wird hier hochaufgelöst eingescannt. Grüne Regionen zeigen Gedächtnisnerven an. Nach dem Pseudofasten mit Spermidin sahen diese auch bei alten Fliegen wieder vital aus. Ein positiver Effekt aufs Gehirn – zumindest bei den Versuchstieren.

Was mich nach dieser Reise zur Fastenforschung ärgert: Obwohl das Fasten erwiesener Maßen bei so vielen Krankheiten ein wirksames und praktisch nebenwirkungsfreies Mittel ist, werden medizinische Fastenkuren nicht von den Krankenkassen bezahlt. Tja, damit kann die Pharmaindustrie kein Geld verdienen. Also gibt es keine schlagkräftige Lobby, die dafür sorgt, dass Fasten in den Katalog der Kassenleistungen aufgenommen wird. So ist das leider in unserem Gesundheitssystem.

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Frank Wittig