Experiment Fastenkur

Heilfasten für Gesunde

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AUTOR/IN
Frank Wittig

Modeerscheinung? Esoterik-Trip? Am Fasten scheiden sich die Geister. Deshalb unternehme ich für Odysso den Selbstversuch: Wie erlebe ich sieben Tage Fasten?

Ich bin schlank. Ich bin gesund (soweit ich weiß). Warum also sollte ich zum Fasten gehen? Doch es gibt einen guten Grund für diese Maßnahme: Fasten eignet sich angeblich hervorragend dazu, Konsumroutinen zu durchbrechen. Und ich bin wirklich gespannt, zu sehen, was passiert, wenn ich einmal sieben Tage ohne Alkohol, ohne Nikotin, ohne Zucker und Kaffee durchzustehen habe.

Als ich am Sonntagnachmittag bei der „Von Weckbecker-Klinik“ in Bad Brückenau in der Röhn ankomme, ist mir schon ein wenig mulmig zumute: Worauf habe ich mich da eingelassen? Werde ich das Experiment durchhalten? Oder wir der Hunger mich überwältigen und mich zum vorzeitigen Abbruch des Experiments zwingen? Man könnte auch zuhause Fasten. Doch gerade für mein Ansinnen ist es förderlich, wenn ich mich jenseits der alltäglichen Routinen bewege. Schließlich geht es hier nicht nur ums Körperliche. Der Abstand vom Alltag sollte auch auf der geistigen Ebene reinigend wirken – habe ich gelesen. Darauf bin ich gespannt.

Am ersten Tag geht es natürlich auch zur Eingangsuntersuchung. Beim Chefarzt Dr. Rainer Matejka. Er fragt mich nach Vorerkrankungen. Damit kann ich nicht dienen. Er klopft meinen Oberkörper ab, hört mein Herz ab, misst meinen Blutdruck: „Hundertzwanzig zu siebzig – damit bin ich sehr zufrieden“, sagt der freundliche grauhaarige Endfünfziger. Auch ein kleines Blutbild wird gemacht. Fasten ist anstrengend für die Organe: Die Nieren und die Leber sollten gesund dafür sein.

In der ersten Nacht kann ich kaum schlafen. Und wenn ich dennoch einnicke, bedrängen mich wirre Träume. Entsprechend gerädert beginne ich den ersten Fastentag. Und das auch noch mit einem Glas Wasser mit einer Portion Bittersalz. Schmeckt scheußlich! Aber Abführen gehört hier fest zum Programm. Wenn der Magen-Darm-Trakt leer ist, kommen von dort keine Hungersignale mehr ans Gehirn. Das soll die ganze Kur entspannter machen. Mal sehen, ob das funktioniert.

Guten Morgen: Einmal abführen bitte

Noch vor dem „Frühstück“ bin ich mit dem Ergometer verabredet. Fahrrad-Strampeln gegen immer größeren Widerstand. Die Trainerin erklärt mir, dass hier der Stoffwechsel angeregt wird, und dass das den Fastenerfolg verbessert. Ich besuche seit mehreren Jahren regelmäßig ein Fitnessstudio: Das sollte also eine der leichteren Übungen sein. Mein Frühstück anschließend besteht aus einem Glas Karottensaft und einen Spritzer Zitronensaft. Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn man weiß, das ist das Einzige, was man für den Vormittag haben wird. Aber meine Hungergefühle halten sich sehr in Grenzen. Ich bin erstaunt, wie gut das funktioniert bisher.

Dann heißt es: „Auf zur Darmreinigung“. Die Therapeutin erklärt mir: „In diesem Behälter sind 15 Liter körpertemperiertes Wasser. Das kommt über einen Zulauf in den Darm. Über dieses Darmrohr.“ Sie zeigt mir den knapp zehn Zentimeter langen „Einfüllstutzen“. Die meisten Gäste machen das hier täglich. Angeblich erleichtert die Darmreinigung das Fasten. Kopfweh und Müdigkeit sollen gemildert werden. Mit beidem habe ich allerdings eigentlich nie Probleme. Ich probiere das Ritual mit gemischten Gefühlen.

Nach dieser seltsamen Prozedur geht es in den modernen Fitnessraum der Klinik. Hier werden die Geräte mit einer Chipkarte personalisiert. Für einen optimalen Trainingsverlauf. Körperliche Aktivität ist beim Fasten wichtig. Sonst wird weniger Fett und dafür mehr Muskelmasse abgebaut. Und das kann ja nicht der Zweck der Übung sein. Dann gibt’s Mittagessen. Zumindest für das Kamerateam. Der Kameramann Björn und sein Assistent Kevin freuen sich über ihr Menü. Ich darf eine dünne Brühe löffeln. Mein Kamerateam hat Salat, Hauptgang und Dessert. In diesen Momenten hadere ich ein wenig mit meinem Schicksal.

Die Von Weckbecker-Klinik liegt in der Röhn umgeben von idyllischer Natur. Wandern, Natur beobachten, Ausspannen. In dieser Umgebung ergibt sich das ganz von allein. Am Abend des vierten Fastentages spreche ich in mein Videotagebuch:

„So. Das ist der vierte Fastentag. Es ist nachts um halb zwölf. Ich fühle mich wohl. Ich hab in der Nacht auf heute zum ersten mal richtig gut geschlafen. Mit dem Hunger ist´s kein Problem. Alles super. Das mit dem Darmeinlauf habe ich mir hier einmal gegeben. Viele Leute stehen hier drauf und finden´s richtig toll. Ich nicht. Es geht mir trotzdem gut. Ansonsten habe ich das Gefühl, mein Fastenverlauf ist eher untypisch. Körperlich und von meiner Stimmungslage war ich immer ausgeglichen, hab mich wohl gefühlt. Das scheint nicht normal zu sein. Und um einfach nochmal ein paar Beispiele zu sammeln für andere Fastenverläufe hab ich beschlossen, morgen ein paar Interviews mit anderen Gästen zu machen.“

„Ich hätte Bäume ausreißen können“

Gunda Rosen, eine pensionierte Lehrerin aus Dithmarschen in Schleswig Holstein, hat einen typischen fastenverlauf zu berichten: „Müde! Müde müde müde. Ich habe also immer die ersten zwei drei Tage geschlafen. Und dann, das hab ich hier auch wieder festgestellt, in der zweiten Woche. Da hätten sie hier ein paar Bäume aufstellen können. Ich hätte Bäume ausreißen können.“

In der Von Weckbecker-Klinik kommt beim Fasten keine Langeweile auf. Gymnastik im Schwimmbad, auf dem Hocker, mit dem Petziball. Zirkeltraining. Wandern. Es ist wichtig, den Körper auf Trapp zu halten. Damit der Stoffwechsel tüchtig weiter läuft. So fastet man effektiv. Aber auch Entspannung steht auf dem Programm: Massage, Qui Gong und progressive Muskelentspannung nach Jakobson. Sauna, Infrarot-Wärmekabine. Da bleibt eigentlich kein Wunsch offen. Nur eins hätte ich mir noch gewünscht: Etwas, das ich immer wieder in Fastenberichten gelesen habe: Ich habe kein ein Fasten-High erlebt. Dabei hätte ich mich gerne gefühlt, als hätte ich übernatürliche Kräfte. Als stünde ich mit dem ganzen Universum in Verbindung. Glasklare Gedanken. Ruhe, Heiterkeit, Leichtigkeit. Ganz so, wie ich es mehrfach in Fastenberichten gelesen habe.

Tja, das hätte ich gerne erlebt. Aber ehrlich gesagt: das Fasten-High hat sich bei mir leider nicht eingestellt. Naja. Immerhin habe ich mich die ganze Zeit über wohl gefühlt. Da kann ich eigentlich nicht meckern.

An meinem letzten Tag spreche ich in mein Video-Tagebuch: „Heute ist mein letzter Tag. Sieben Tage fasten. Sieben Tage ohne feste Nahrung. Ohne Alkohol, ohne Zigaretten, ohne Zucker ohne Kaffee. Wunderbar. Es hat was Reinigendes, das Fasten. Das hört man ja häufiger. Aber wenn man es am eigenen Leibe erfährt, ist es doch nochmal etwas Besonderes. Und auch wenn ich kein Fasten-High hatte, keine Erleuchtung wie Jesus oder Buddha, finde ich es großartig. Ich fühle mich leicht, ich fühle mich geklärt. Und es ist eine wunderbare Erfahrung.“

„Eine wunderbare Erfahrung“

Am siebten Tag dann das Fastenbrechen. Mit einer dicken Kartoffelsuppe. Was für ein Genuss. Was für eine Geschmacksfülle. Und eine ungeheure Freude in dem Bewusstsein, jetzt wieder all die Genüsse kosten zu dürfen, von denen ich eine Woche lang nur träumen durfte. Alleine für dieses Erlebnis lohnt sich eine Woche Fasten. Und ein bisschen fühle ich mich nach dieser Woche wie neu geboren.

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Frank Wittig