Waffentechnik

Fregatte Baden-Württemberg (Teil 2)

STAND
AUTOR/IN
Oliver Wittkowski

Hochautomatisiert ist die Schiffs- und Waffentechnik der neuen Bundeswehr-Fregatten. An der Marinetechnikschule büffeln die Crews der „Baden-Württemberg“ und ihrer Schwesterschiffe für den Einsatz.

Üben für den Fregatten-Führerschein: Auslaufen, Fahrmodus wechseln: Bei einem 150-Meter-Kriegsschiff mit vier Diesel-, zwei Elektromotoren und eine Gasturbine ist die Besatzung des Schiffstechnik-Leitstands schon gefordert. Die Bedienungspulte für die neuen Fregatten vom Typ 125 sind in der Marinetechnikschule Parow bei Stralsund exakt nachgebaut. Hier büffeln die Besatzungen der „Baden-Württemberg“ und ihrer drei Schwesterschiffe elf Wochen lang Schiffs- und Waffentechnik. Acht Besatzungen für vier Fregatten auszubilden, das ist der Plan. Bei diesem neuen „Mehrbesatzungskonzept“ werden die Crews im vier-Monatszyklus ausgetauscht, ohne dass die Fregatte in den Heimathafen zurück muss. Einsätze der Schiffe auf See bis zu zwei Jahren Dauer werden so möglich.

Automatisierung im Gefecht

Die Marinesoldaten in den Übungsräumen wirken an ihren Konsolen vor Monitorbildern mit virtueller Anklick-Technik eher wie Computernerds. Der Trend gehe weiter zur Automatisierung, sagt Kapitänleutnant Henry Gebhart, Leiter der schiffstechnischen Ausbildung: „Es gibt sehr viele Systeme, die autark arbeiten; Ersatzaggregate, die anspringen, wenn was ausfällt.“ Der Mensch schaue oft nur noch im Hintergrund zu „eigentlich macht Anlage sehr viel allein.“

Dann die Übung „Vorbereitung fürs Gefecht“: Es gilt, die „Standkraft“ des Schiffs zu optimieren: Da Maschinen des Hybridantriebs auf maximale Leistung bringen. Schotten dicht machen, um Gefechtsschäden auf kleinere Sektionen begrenzen. Die Schiffselektronik ist in einem „Combat-Management-System“ vernetzt, schnell und effektiv, aber auch hochkomplex. Und was, wenn das System abstürzt? „Totalausfall“ so Henry Gebhart, „wird nicht passieren.“ Es gebe so viele redundante Anlagen, „dass ein Fahren des Schiffes und bedienen grob immer noch möglich ist – so jedenfalls das Wunschdenken.“

Besatzung knapp kalkuliert

Da klingt beim Schniffstechnik-Experten etwas Skepsis an. Vor allem, weil in Extremsituationen durchaus Manpower auf dem Schiff fehlen könnte: Die 125er-Klasse fährt mit kaum 130 Mann. Früher hatten Schiffe dieser Größe eine mehr als doppelt so starke Crew. Die jungen Soldaten sehen die Sachzwänge: In der heutigen Zeit, so Obermaat Tim-Renè Schauermann, werde halt viel Personal eingespart „infolgedessen brauchen wir die Automatisierung, um überhaupt mit so wenig Leuten zur See zu fahren.“ Anders gesagt: Der Laden soll möglichst mit Minimalbesatzung, also weniger Personalkosten laufen. Künftige Manöver, in denen auch Ausfälle von Crewmitgliedern simuliert werden, sollen zeigen, wie clever das ökonomische Konzept für ein Kriegsschiff wirklich ist.

Waffen für Nah- und Fernkampf

Die Bandbreite der Waffensysteme, an denen die Crews in Parow trainieren, spiegelt wider, was die Marine Zukunft so erwartet: Das schwere Maschinengewehr kann auch senkrecht die Bordwand herunterschwenken, zum Beispiel, um Piratenboote zu „begrüßen“. Und das drei Stockwerke hohe 127-mm-Geschütz kann zur Infanterieunterstützung 100 Kilometer weit feuern. In der nachgebauten unteren Ebene des Waffensystems beladen die Soldaten das Geschütz mit Übungsmunition. An der echten GPS-gesteuerten Munition mit dem heißen Namen „Vulcano“ hat die Baden-Württemberger Firma Diehl Defence mitgewirkt.

In einer anderen Sektion des Trainingszentrums hört man Ziel- und Feuerbefehle im Sekundentakt. Hier findet die Ausbildung der Batterieleiter statt, die die Waffensysteme des Schiffs bedienen. Vier Mann sitzen in einem abgedunkelten Raum an ihren Zielkonsolen, zwei Ausbilder überwachen das Geschehen und stellen Aufgaben. Auf den Monitorschirmen flimmert ein kombiniertes Wärme-, Laser und- TV-Bild für jede Wetterlage. Ein elektronisches Überwachungssystem löst bei möglichen Bedrohungen Alarm aus, ein System zur automatischen Freund-Feind-Erkennung gibt es obendrein. Der Computer erfasst per Tracker das Ziel und verfolgt es, der menschliche Bediener des Zielsystems steuert bei Bedarf nach. Mensch und Maschine sind hier besonders eng verknüpft.

Kommandant gibt Feuerbefehl

Korvettenkapitän Thorsten Vögler leitet die Ausbildung der Batteriecrew. Auch hier, sagt er, automatisierte das System viel, mache dadurch die Bedienung leichter: „Aber derjenige, der die Entscheidung trifft, welches Ziel bekämpft werden soll, mit welcher Waffe, die Entscheidung liegt hier am Ende beim Menschen.“ Über Feuern und eventuell Töten entscheidet also auch auf den hochgradig automatisierten Fregatten wie der „Baden-Württemberg“ der Kommandant. Jedenfalls: Solange die Fortschritt der Waffentechnik so viel Reaktionszeit noch erlaubt.

Eigentlich sei das Schiff zu groß für die Fregattenklasse, sagt man hier: „Zerstörer“ wäre angemessener. Aber das klänge vielleicht zu martialisch für deutsche Ohren. Die neue Kriegsschiff-Klasse steht jedenfalls für eine Bundeswehr, die wie man so sagt „international mehr Verantwortung übernehmen“ soll. Das Land Baden-Württemberg hat seinen Namen eng verknüpft, mit dem, was die Zukunft da bringen wird.

STAND
AUTOR/IN
Oliver Wittkowski