Rüstungsindustrie

Fregatte Baden-Württemberg (Teil 1)

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AUTOR/IN
Oliver Wittkowski

Deutschlands modernstes Kriegsschiff heißt Baden-Württemberg. Crewmitglieder bereisen nun das Patenland, betreut von einem „Freundeskreis“, der für die maritime Verantwortung des eher meerfernen Bundeslands emsig netzwerkt.

Nervös und wendig pflügt die „Baden-Württemberg“, Deutschlands modernstes Kriegsschiff, durch die Wellen: als ferngesteuertes Modell auf der Brenz in Heidenheim. Am Ufer manövriert das Minischiff der Kommandant der echten Fregatte, einem 7.000-Tonnen-Stahlkoloss. Konsolen mit Joystick kennt Fregattenkapitän Björn Baggesen von seinem Arbeitsplatz, so sieht moderne Schiffstechnik eben aus. Die Probefahrt mit dem Modell beim Marineverein Heidenheim hat hochsymbolische Bedeutung: Kommandant Baggesen und 16 Crewmitglieder der nagelneuen Fregatte „Baden-Württemberg“ sind zu Besuch im Patenland ihres Schiffs. Fünf Tage lang werden sie mit ausgewählten Herrlichkeiten des Bundeslands konfrontiert, auf Initiative des „Freundeskreises Fregatte Baden-Württemberg“ um Dirk Bolte. Der ehemalige Marineoffizier will den Soldaten seine Heimat vorstellen, „die Kultur, die Kulinarik, die Denkstruktur dieses Landes.“

Die Namensgebung für das Schiff hat Dirk Bolte, gut vernetzt, schon 2006 mit dem damaligen Landeschef Günther Oettinger eingefädelt. Nun trifft die Crew hier Bürgermeister, besucht Unternehmen und Kulturdenkmäler. Die Tour sei aber mehr als ein netter Ausflug, so Kommandant Baggesen: Gerade wenn im Ausland nach der Bedeutung des Schiffsnamens gefragt wird, „solle man zumindest wissen, wofür das steht, der Name und das Wappen, das wir tragen.“

Rüstungstechnik aus dem Ländle

Solche Namens-Patenschaften sind Marinetradition. Soll man da unken, dass Baden-Württemberg für ein Kriegsschiff wirbt, voller Waffentechnik aus dem Ländle? Marcus Bärtele, auch Mitglied im Freundeskreis, baute das 1:100-Modell der Fregatte. Bärtele ist bei der süddeutschen Firma MBDA Projektleiter für den Raketenwerfer der echten Fregatte – „Effektor“, wie diese Waffen in Industriesprache heißen. Auf die Technik aus dem Land, das den Schiffsnamen stellt, sind in diesem Kreis alle stolz: Die Motoren kommen von MTU, das Überwachungssystem von Diehl, die Radartechnik von Airbus. Mehr als hundert Firmen aus dem Südwesten lieferten Produkte für das Schiff, schätzt Markus Grübel, Staatssekretär im Verteidigungsministerium – und Vorstandsmitglied des Freundeskreises. Er findet es schade, dass manche Betriebe ihre Rüstungsmitarbeit mitunter diskret behandeln, denn „Sicherheit ist für die Bürger wichtig: die Bundeswehr muss auch anständig ausgerüstet sein.“ Und dazu brauche es Firmen die Rüstungsgüter herstellen, Mittelständler, große Unternehmen. Und darum, so Grübel „kann man mit Selbstbewusstsein sagen: Wir bauen mit an Dingen, die für die Sicherheit Deutschlands wichtig sind.“

Dieser Ton kommt offenbar auch bei Leuten an, bei denen das erst mal ziemlich verwundert: Gerlinde Kretschmann, die Frau des grünen Ministerpräsidenten, taufte 2013 das Kriegsschiff, und ist ebenfalls – na klar – Ehrenmitglied im Freundeskreis. Begleitet wurden die feierlichen Marschklänge bei der Taufe aber auch von Meldungen über Bauverzögerungen des Typschiffs „Baden-Württemberg“ und ihrer drei Schwesterschiffe vom Typ 125: Am Ende 40 Prozent teuer, 30 Monate Verzug. Rund drei Milliarden Euro Kosten.

Exportschlager Radartechnik

Mitglied des Freundeskreises ist auch ein Radarexperte von Airbus Defence and Space. Gunter Menacher öffnet der Crew bei ihrer Landestour die Tür zum Rüstungs- und Raumfahrtkonzern. Die Elektroniksparte in Ulm entwickelte für die Fregatte ein neues Superradar. Das TRS-4D, eine Fusion verschiedener Ortungssysteme. Das neue System, das den Besuchern hier präsentiert wird, überwacht den ganzen Luftraum und verfolgt parallel Einzelziele. Leistungsstärker, strahlungsärmer, aber auch komplexer als bisher. Das neue Radar soll ein Exportschlager werden. Natürlich wird nur an gute Freunde verkauft – und gehofft, dass die Freundschaft hält.

Dann erfährt die Crew bei einem Vortrag im Unternehmen noch, dass die Airbus Elektronik-Sparte nun anders heißen wird. Die lange Liste der Umbenennungen und Ausgründungen wird abermals bereichert: Ein US-Finanzinvestor übernimmt den sensiblen Sensor-Bereich. Nun also: „Hensoldt“. Fregattenkapitän Björn Baggesen wundert sich und findet es „erstaunlich, wie sich so ein Betrieb wandelt und wie viele Namen er annehmen kann und Besitzer. Man verliert den Überblick.“ Und das erquickt den Kommandanten nicht: Gerade bei Aufklärungs- und Überwachungstechnik wüsste man doch gern, wer da so alles mit im Boot sitzt.

Neue Zeiten für die Marine

Dann Kontrastprogramm in einem Unternehmen, das seit mehr als hundert Jahren zu seinem Namen steht: Shopping der Familienväter beim Steiff-Werksverkauf. Auf See sind die Soldaten vier Monate von ihren Familien getrennt. Und das sehr fordernden Arbeitsbedingungen. Bei der „Reduzierung der Besatzung auf 122 Mann für eine Fregatte von 150 Metern“ so Kommandant Baggesen, „muss man sich Gedanken machen wo man überall automatisiert, wo die Abläufe von Maschinen übernommen werden. Keiner darf mehr ausfallen.“ Den Marinesoldaten geht es wie vielen Beschäftigen im zivilen Leben. Mehr Computer, weniger Menschen, aber bitte noch mehr Leistung – und hoffen, dass bloß keiner schlapp macht. Doch die junge Generation, so Veteran Dirk Bolte, sei durchaus belastbar: „Gucken sie sich mal die Jungs an, was für Einsatzspangen die schon tragen, wo die schon überall dabei waren.“ Das, so Bolte „gab es früher nicht, da war deutsche Marine konzentriert auf Nord- und Ostsee und das Einsatzspektrum war beschränkt.“ Diese, in mancher Hinsicht beschaulichen Zeiten sind vorbei. Die neue Fregatte ist für internationale Einsätze in einer deutlich unübersichtlicheren Weltordnung gebaut.

Bei der Überführung des Schiffs von der Werft nach Wilhelmshaven sind Dirk Bolte und Mitglieder des Freundeskreises dabei – für sie das höchste Glück. Mit an Bord viel Know-How – auch in Sachen Waffentechnik - made in Baden-Württemberg.

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Oliver Wittkowski