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Pflegenotstand

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Vom wohlklingenden Namen bis zum gepflegten Blumenbeet: Viele der 13.000 deutschen Alten- und Pflegeheime machen von außen einen guten Eindruck. Doch der Schein trügt.

Pflege TÜV – nicht glaubwürdig

90 Prozent der Deutschen sterben im Alten- oder Pflegeheim. Umso wichtiger ist es sich im Vorfeld über die Bedingungen objektiv zu informieren. Doch längst haben die Heime ihre ganz eigenen Marketingstrategien entwickelt, um die Senioren anzulocken. Mit Transparenz haben diese oft nichts zu tun.

Der sogenannte „Pflege-TÜV“ sollte hier Abhilfe schaffen. Ausgeführt vom medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK), sollte die Situation vor Ort objektiv untersucht werden, um dann Pflegenoten zu vergeben. Doch schnell kam Kritik auf, denn die Ergebnisse fielen reihenweise viel zu positiv aus. Der deutschlandweite Durchschnitt lag am Ende bei 1,2.

So wurde überwiegend die Dokumentation der Angestellten geprüft, nicht aber die Pflege selbst. Dadurch konnten Leistungen in die Protokolle eingetragen werden, die nie vollbracht wurden. Zudem wurden Heimleiter in die Begutachtung mit einbezogen und ob die Heimbewohner bei der Erhebung, ehrliche Antworten und nicht „sozial erwünschte“ gaben, ist anzuzweifeln.

Der MDK und das Gesundheitsministerium haben die Mängel der Pflegenoten erkannt. Bis zum 31. Dezember 2017 sollen neue Richtlinien für die Qualitätsprüfung erlassen werden.

Das Hauptproblem ist der Personalmangel

Die Deutschen werden immer älter. Die Zahl der Pflegebedürftigen liegt bei etwa 2,6 Millionen Menschen. Das sind 600.000 mehr als noch im Jahr 1999. Gleichzeitig wird die Tätigkeit des Altenpflegers immer unattraktiver. Der Beruf hat kein gutes Image, die Arbeit ist körperlich und seelisch anstrengend, hinzu kommt die geringe Vergütung: Eine Fachkraft in der Altenpflege wird schlechter bezahlt (etwa 2.400 Euro, Brutto) als eine Fachkraft in der Krankenpflege (etwa 3.000 Euro, Brutto).

Aufgrund des Personalmangels sind häufig zu wenige Fachkräfte auf den Stationen anwesend, viele Arbeitsschritte übernehmen die Altenpflegehelfer. Der von der Politik eigentlich vorgegebene Personalschlüssel lässt sich so nicht einhalten. In Baden- Württemberg sollte beispielsweise eine Pflegefachkraft für maximal vier Pflegeheimbewohner gleichzeitig zuständig sein (Pflegestufe 1). In der Realität sind es tagsüber im Schnitt 13 Bewohner, nachts sogar 45.

Bewohner werden in die Betten gepflegt

Je aktiver die Bewohner sind, umso mehr Aufwand haben die Pflegekräfte. Der Pflege-Report 2016 zeigt, dass 42 Prozent der pflegebedürftigen Bewohner (über 65, mit Demenz) beruhigende Medikamente verabreicht werden. Eine Studie in Münchner Pflegeheimen kommt zu dem Ergebnis, dass Pflegeheimbewohner in Zweibettzimmern doppelt so häufig mit Medikamenten ruhig gestellt werden. 35 Prozent der Zimmer in deutschen Heimen sind Doppelzimmer.

Auch die Toilettengänge der Patienten sind für das Personal zeitaufwändig. Ist das der Grund, für den hohen Bedarf an Inkontinenzprodukten? 76,8 Prozent (MDK Prüfbericht) der Bewohner machen Gebrauch von Einlagen, Inkontinenzhosen, usw.

Das Dilemma: Je inaktiver die Bewohner sind, umso schlechter geht es Ihnen und sie kommen in eine höhere Pflegestufe. Dafür erhält das Heim wiederum mehr Geld.

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