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Immuntherapie gegen Krebs: Neue Hoffnung und neue Probleme für Ärzte und Patienten. Welches Mittel, welche Dosis, welche Nebenwirkungen? Ein ständiges Abwägen von Risiken und Nutzen.

„Unser Wunsch wäre natürlich eine Art schwarz-weiß Medizin“ sagt Dr. Thomas Eigentler, „also dass ich für jeden Patienten genau wüsste, welche Therapie für ihn die richtige ist.“ Doch er und seine Patienten wissen, dass die Realität eine andere ist. „Ich denke, es gibt nicht DIE richtige oder DIE falsche Entscheidung“ sagt der Arzt, der jeden Tag schwer krebskranken Patienten gegenübersitzt. Entscheidungen treffen, wo es oft kein richtig und kein falsch gibt, das ist die tägliche Aufgabe von Medizinern. Bei schwer erkrankten Patienten ist ein ständiges Abwägen zwischen Lebensqualität und Therapieerfolg, zwischen Hoffnung und Enttäuschung, Erfolg und Risiko. Viele Patienten sind mit den Entscheidungen überfordert. Thomas Eigentler kennt das nur zu gut: „Ein typischer Verlauf von einem Patientengespräch ist eigentlich, nachdem wir das alles offenlegen wie die Erkrankung gerade steht, wo der Patient dann fragt: ja was würden Sie eigentlich machen?“ Umso wichtiger ist es, dass die Ärzte verantwortungsbewusst entscheiden.

Es gibt kein Orakel

So wie bei Bruno Ott. Er soll heute zum ersten Mal ein neues Medikament gegen seinen Krebs bekommen. Einen „PD1 Antikörper“, der das eigene Immunsystem aktivieren soll, gegen den Krebs im Körper vorzugehen. Vor 3 Jahren bekam er die Diagnose: schwarzer Hautkrebs, fortgeschrittenes Stadium. Nach der Operation fanden sich Metastasen. Die übliche Odyssee aus Therapien, aus Hoffnungen und Ängsten begann. Und heute? Wieder eine neue Etappe. Mit einem Wirkstoff, der zwar in Studien sehr erfolgreich und deshalb schon zugelassen ist, über den die Ärzte vieles aber noch gar nicht genau wissen: „Wir wissen zum Beispiel noch nicht, ob ein bestimmtes Merkmal auf der Tumorzelle vorhanden sein muss, um den Therapieerfolg vorherzusehen. Wir wissen auch noch nicht, wann wir tatsächlich aufhören sollen mit dieser Therapie, für wie lange man’s geben soll und in welcher Frequenz man’s geben soll. Also das sind Fragen, die wir einfach noch beantworten müssen“ Viele unbeantwortete Fragen, aber die Patienten können nicht warten, bis sie alle beantwortet sind. Und auch bei der klassischen Chemotherapie gibt es kein Orakel, das vorhersehen könnte, ob sie beim Patienten wirkt oder nicht.

Die ersten Tropfen Hoffnung

Für Bruno Ott ist es jetzt soweit: Sein Medikament ist da. Eine halbe Stunde lang soll es in seinen Körper fließen. Den Krebs bekämpfen. Die ersten Tropfen fließen. Ein besonderer Moment für Bruno Ott. Was ihm durch den Kopf geht? „Hoffentlich wirkt’s!“ sagt er und blickt auf die Infusion. „Das ist jetzt der Anfang. Jetzt bin ich gespannt und – mögen die Nebenwirkungen irgendwo wegbleiben, wenn’s geht.“ Bruno Ott spricht aus Erfahrung. Beim letzten Medikament, das er bekam, hat er am eigenen Leib erfahren, dass die Hoffnung auf Heilung auch immer ein Risiko mit sich bringt:„Ich habe mich also mehr oder weniger schon auf die Heimfahrt gefreut. Bis ich plötzlich gemerkt hab, dass irgendwas mit den Augen nicht stimmt. Also praktisch ist mir da der Kreislauf schon weggegangen und ein paar Minuten später hab ich dann eben diesen Knopf hier gedrückt und dann kamen auch schon die Nebenwirkungen vom Schüttelfrost.“ Bruno Ott nimmt an einer Medikamenten-Studie teil. L19il02 ist eine Immuntherapie, die er zusätzlich zur Chemo bekommen soll. Doch nach der ersten Infusion erleidet Bruno Ott einen Kreislaufkollaps und muss notfallmäßig in der Klinik bleiben. „Für uns war auch erstaunlich, dass der Blutdruck so tief runtergegangen ist“, resümiert Thomas Eigentler, „aber es war durchaus eine Nebenwirkung, mit der wir gerechnet haben und bei der wir auch Vormaßnahmen getroffen haben.“ Denn bei manchen Medikamenten nimmt man an: wenn keine Nebenwirkung dann auch keine Wirkung.

Keine andere Chance

Und tatsächlich: trotz der ersten heftigen Reaktion bessern sich Bruno Otts Werte. Aber nach jeder Infusion geht es ihm nicht gut. Das Abwägen zwischen Lebensqualität und Therapieerfolg beginnt. „Es wurde immer schlimmer. Insgesamt ist das Wohlbefinden einfach bergab gegangen. Und dann haben sich die Ärzte mit dem Hersteller in Verbindung gesetzt und gefragt ob man das nicht auch mit einer niedrigeren Dosis machen könnte.“ Doch mit der niedrigeren Dosis lässt irgendwann auch die Wirkung nach. Bruno Otts Werte stagnieren plötzlich – dann wächst der Krebs wieder. Zeit, auf einen neuen Wirkstoff zu setzen. Bruno Otts Blick bleibt immer wieder auf den Tropfen der Infusion hängen. „Man setzt halt seine ganze Hoffnung da rein. Hoffentlich wirkt das dann.“ Hoffnung auf Wirkung – und wenn es mit Nebenwirkung ist. „Welche andere Chance habe ich? Ich muss. Also muss ich mich mit diesen Gedanken ganz einfach arrangieren. So ist es.“

Horrende Kosten

Keine andere Chance – so empfinden es die schwerkranken Patienten. Umso wichtiger ist die Rolle der Ärzte. In der „Tumorkonferenz“ besprechen sie jede Woche Fälle wie Bruno Ott. Mit jedem neuen Wirkstoff gibt es neue Therapie-Optionen, neue Entscheidungen. Nach Jahrzehnten des Stillstands macht die Medizin gerade beim schwarzen Hautkrebs jetzt große Fortschritte – aber die neuen Medikamente sind sehr teuer. Über Hunderttausend Euro pro Patient können da in nur einem Jahr zusammenkommen. Thomas Eigentler weiß um diese Verantwortung: „Es ist schon so, dass wir uns auch darüber bewusst sein müssen über die Kosten, die wir verursachen. Deswegen wäre uns ein kürzerer Therapieintervall ja auch lieber, wenn man die Mittel zum Beispiel nur wenige Monate geben müsste. Aber da reichen eben unsere Daten noch nicht aus um zu sagen, was ist die richtige Therapiedauer für welchen Patienten.“ Die Ärzte sind auch zur Wirtschaftlichkeit angehalten – aber wie wirtschaftlich muss ein Menschenleben sein? Wenn man so rechnet, kommt Karin Vancil unser aller solidarisches Gesundheitssystem teuer zu stehen: Seit bald zwei Jahren bekommt sie das Medikament, das Bruno Ott neue Hoffnung bringen soll. Und verträgt es gut.

Das nennt man Leben

Karin Vancil ist Familienmensch. Zwei Söhne, sieben Enkel und ein Mann, der ebenfalls schwer krebskrank ist. Karin Vancil hat viel durchgemacht in ihrem Leben, sagt sie. Seit fast zwei Jahren kämpft sie nun darum, es zu behalten. Auch sie hat schon Enttäuschungen verkraften müssen. Das erste Medikament: keine Nebenwirkungen, aber auch keine Wirkung. Dann das neue Mittel: sie bekommt eine Hepatitis, erholt sich aber, dann geht es ihr immer besser unter dem neuen Medikament. Ihre Lebenseinstellung hat sich bei allem Auf und Ab nie geändert:„Ich bin lebensfroh und ich genieße das Leben so lange es geht und mach das Beste draus“ erzählt Karin Vancil lächelnd, „Ich versuche alle glücklich zu machen, indem ich mich um sie kümmere, irgendeine Kleinigkeit mache – ja, das nennt man Leben.“ Ein Leben, das sie einem sehr teuren Medikament verdankt. Bis zu 10.000 Euro kosten diese Tropfen Infusion. Zwei Jahre lang soll sie sie bekommen, so wie in der Zulassungsstudie. Doch die zwei Jahre sind bald um.

„F*ck Cancer“

„Was dann geschieht weiß ich nicht. Ich muss im August wieder in die Röhre, und dann Ende November und dann sehen wir weiter.“ Angst macht ihr das nicht. „Irgendwie geht’s ja immer weiter“, sagt sie. „Zum Guten oder zum Bösen. Man muss es nehmen wie es kommt. Ändern kann man es eh nicht.“ Egal wie lang sie ihr Medikament noch bekommen wird – Karin Vancil kämpft. Ihre Kampfangsage: schwarz und in der Haut, so wie ihr Krebs. Ein Tattoo über den gesamten Unterarm mit einer klaren Botschaft: „f*ck cancer“. Verziert mit einem Totenkopf, einer Feder und Vögeln, die wegfliegen. So soll es auch der Krebs machen, erklärt Karin Vancil. Aufgeben ist eben nicht ihr Ding. 3 Wochen später hat auch Bruno Ott seine inzwischen zweite Infusion mit dem neuen Wirkstoff hinter sich. Glücklich berichtet er: „Ich habe das Schlimmste erwartet, nichts davon ist eingetreten. Keinerlei Nebenwirkungen!“ – ein erster Erfolg für Thomas Eigentler und seinen Patienten. Doch ob das Mittel auch wirkt gegen seinen Krebs, werden beide erst in ein paar Wochen wissen. Wenn nicht, heißt es wieder: Entscheiden, wo es kein richtig und kein falsch gibt.

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