Rückversicherung

Risiko Naturkatastrophen

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AUTOR/IN
Iris Rietdorf

Naturkatastrophen sind unberechenbar und können immense Schäden verursachen. Trotzdem ist es möglich, die Risiken zu kalkulieren und mit diesem Wissen sogar Geld zu verdienen.

„Naturkatastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt. Die Natur kennt keine Katastrophen.“ (Max Frisch)

Naturgewalten – Eine Katastrophe für den Menschen

Wer kann sich nicht an das katastrophale Sommerhochwasser im Jahr 2013 erinnern? Sieben europäische Länder waren betroffen. Wochenlang regnet es ohne Unterlass. Flüsse treten über die Ufer, Deiche brechen. Es entsteht ein Schaden von mehr als 9 Milliarden Euro. Auch Siegfried Hutter ist davon betroffen. Er betreibt ein kleines, aber feines Hotel in der Nähe von Plattling. Als einer der Deiche der Isar bei Deggendorf bricht, steht bei ihm alles unter Wasser. So eine Katastrophe hat es auf dem Gut Altholz noch niemals zuvor gegeben, weiß Siegfried Hutter, der das Anwesen nun in der vierten Generation bewirtschaftet. Innerhalb von nur zwei Stunden ist das Wasser von null auf zwei Meter gestiegen. Für mehr als drei Wochen versinkt das Landgut der Hutters unter den Wassermassen der Isar. Als das Wasser sich dann langsam zurückzieht, bleiben Schlamm und Zerstörung. Monatelang wird aufgeräumt. Nicht im Entferntesten ist daran zu denken, den Hotelbetrieb wieder rasch aufzunehmen. Selbst heute, zwei Jahre später, ist noch nicht wieder alles so, wie es sein soll.

Eine Datenbank der Katastrophen

Erdbeben, Vulkanausbrüche, Stürme, Hochwasser oder Hagel – all das sind Naturereignisse, die für den Menschen zu Katastrophen werden können. Eine der weltweit wohl bekanntesten Katastrophen ist der Vulkanausbruch des Vesuv im Jahr 79 nach Christus, der das Leben der damaligen römischen Stadt Pompeji augenblicklich in den Lavamassen erstarren ließ und unter dem Ascheregen begraben hat. Das Wissen über solch historische Katastrophen verdanken wir der Überlieferung schreibkundiger Menschen, die solche Ereignisse für die Nachwelt festgehalten haben.

Heute ist es einfacher, die Informationen zu solchen Geschehnissen zu erfassen. Der Rückversicherer Munich RE hat eigens für Naturkatastrophen eine Datenbank aufgebaut. Es ist die größte Datenbank zu Schäden aus Naturkatastrophen weltweit. Ein einzigartiger Schatz, in dem mehr als 30.000 Ereignisse erfasst sind. Ereignisse, wie das Sommerhochwasser 2013, das sieben Länder in Europa getroffen hat und 9,8 Milliarden Schadenverursacht hat oder der Orkan Kyrill mit insgesamt 7,9 Milliarden Euro Schaden – und das alles zurück bis 79 nach Christus zum Ausbruch des Vesuv. Naturkatastrophen verursachen immense Schaden. Tendenz steigend. Das liegt vor allem daran, dass es immer mehr Menschen gibt, die immer mehr Werte ansammeln, sagen die Experten.

Munich RE – Forschung gegen das Risiko

Munich RE ist einer der weltweit größten Rückversicherer. Deren Geschäft ist das Risiko, denn sie versichern die Versicherer. Damit sie das tun können – und damit sogar noch Gewinn machen – müssen die Versicherer wissen, wo es welche Gefahren gibt. Ihr Vorteil ist, dass sich Naturgefahren an Naturgesetze, als physikalische Gesetze, halten, weiß Prof. Peter Höppe. Er leitet bei Munich RE die GeoRisikoForschung. Er muss aber auch wissen, welche Werte wo konzentriert sind und wie verletzbar diese Werte sind. Um das bestmöglich zu erforschen, investieren die Versicherer in die Erforschung von Naturkatastrophen. Sie arbeiten mit Forschungseinrichtungen wie dem Karlsruher Institut für Technologie oder dem Geoforschungszentrum in Potsdam zusammen. Oder mit dem IBHS, dem Institute for Business and Home Safety in South Carolina. Dort steht einer der größten Windkanäle der Welt. In ihm können problemfrei ganze Häuser in der Größe 1:1 aufgebaut werden und Windstärken bis zu 180 Stundenkilometern ausgesetzt werden. Schnell zeigen sich dann auch die Probleme in der Konstruktion. Und manchmal kommen die Forscher zu wirklich naheliegenden Lösungen, die nicht unbedingt ein Vermögen kosten. Um ein amerikanischen Haus beispielsweise sturmfest zu machen, müsste nur das Dach stabiler gebaut und befestigt werden. Und eine Haustüre, die sich nach außen öffnet, widersteht der Windlast besser. Kosten dafür: Etwa 3.000 Dollar.

Weltkarte mit farblichen Markierungen. (Foto: SWR, SWR -)
SWR -

Auf einen Blick – Eine Weltkarte der Naturgefahren

Aus all diesem Wissen ist eine Weltkarte der Naturgefahren entstanden. Ihr können die Forscher entnehmen, wie stark welche Region der Erde von welchen Naturgefahren bedroht ist. Sie sehen, wo es die meisten Probleme mit Erdbeben, Vulkanismus oder Winterstürmen gibt. Sie können aber auch Gefahren abfragen, wie zum Beispiel tropische Stürme, Hagel oder Waldbrand. Und das für nahezu jeden Ort auf der Erde. Zum Beispiel auch Freiburg. Dort hat es in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach Hagel- und Sturmschäden, aber auch Sturzfluten gegeben. Im globalen Vergleich liegt Freiburg eher auf einer mittleren bis unteren Gefährdungsstufe. Das liegt aber auch daran, dass da auch Orte in die Berechnung hineinbezogen werden wie zum Beispiel Tokyo, Los Angeles oder Miami, wo die Hurrikan-Gefahr sehr hoch ist. Vergleicht man Freiburg allerdings mit anderen Orten in Deutschland, sind die Gefährdungen in Freiburg aber relativ hoch. Das liegt vor allem an den häufiger auftretenden Gewitterereignissen. Und von denen, so nehmen die Forscher an, wird es künftig wegen des Klimawandels wohl noch mehr geben.

Naturkatastrophen – ein kalkulierbares Risiko

All das hört sich nach ziemlich unberechenbarem Risiko an. Trotzdem lässt sich das Risiko von Naturkatastrophen kalkulieren. Grundlage sind der aktuelle Stand der Wissenschaft in punkto Klimawandel, Klimamodelle, Wettersysteme, aber auch die umfassende Datenbank oder das Wissen darum, wie sich Schwachstellen ausmerzen lassen. Dass die Munich RE weltweit so große Risiken versichern kann, beruht auf der Mischung der unterschiedlichen Risiken, also Erdbeben, Hochwasser, Stürme, Waldbrände oder Vulkanausbrüche und den unterschiedlichen Gefahrengebieten, also zum Beispiel Asien, Europa oder Amerika. Denn, so Prof. Peter Höppe: „Es ist sehr unwahrscheinlich, dass in einem Jahr sowohl ein starkes Erdbeben in Tokyo stattfindet und ein Hurrikan Miami trifft.“ Das wäre ein Worst-Case-Szenario. Und nur so können globale Rückversicherer wie Munich RE die großen Einzelrisiken der Erstversicherer übernehmen. Diese Erstversicherer sind die Ansprechpartner für Privatleute wie Siegfried Hutter, der vom Sommerhochwasser 2013 völlig überrascht wurde. Auf seinem Landgut ist durch einen unvorhersehbaren Deichbuch der Isar ein Millionenschaden entstanden, der bis heute noch nicht vollständig behoben ist. Er hofft nun, dass er sein Anwesen gegen solche Elementarschäden versichern kann. Denn noch einmal möchte er nicht vor den Ruinen seiner Existenz stehen.

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Iris Rietdorf