Extremsport

Die Suche nach dem Kick

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Was treibt einen dazu mit dem Fallschirm von Brücken oder Felsen zu springen? Was bestimmt, ob wir das Risiko suchen oder vermeiden? Eine Psychologin erforscht den Spaß am Risiko.

Der Zirkus FlicFlac steht für extreme Akrobatik. Gerade trainieren die Motorradartisten. Von einer Schanze schießen die Fahrer auf ihren Enduros hoch in die Zirkuskuppel, steigen in der Luft eben mal ab und wieder auf oder machen einen Rückwärtssalto. Ein Laie denkt angesichts der atemberaubenden Motorrad-Stunts: die Artisten müssen unter enormem Stress stehen. Ständig das Risiko für einen tödlichen Unfall vor Augen wenn sie 12 Meter hoch und 20 Meter weit durch das Zirkuszelt fliegen und dabei noch Kapriolen mit ihren Motorrädern durchführen. Der Slowene Sandi Medved gehört zu der Motorradgruppe. Aber Angst oder negativen Stress empfindet er bei den Stunts nicht: „Wir lieben das, was wir hier machen. Und der Stress, den wir fühlen, ist ein guter Stress wenn wir springen. Wir genießen das. Wir suchen nach diesen Gefühlen und diesen Augenblicken. Das lässt unser Blut zirkulieren.“

Das Stresshormon Cortisol entscheidet

Wir wollen wissen, ob die Wissenschaft Erklärungen für die unterschiedlichen Risikotypen hat. An der Universität Heidelberg treffen wir Dr. Marie Ottilie Frenkel. Sie ist Sportpsychologin und ihr Forschungsgebiet sind die Extremsportler. Über hundert Probanden hat sie schon durch ein spezielles Stressexperiment in der institutseigenen Turnhalle geschleust. Die Hälfte der Teilnehmer waren Extremsportler, die andere Hälfte wurde zufällig ausgewählt. Voraussetzung für beide Gruppen war, dass die Teilnehmer keine einschlägigen Klettererfahrungen haben durften. Denn das Stressexperiment wurde an der Kletterwand in der institutseigenen Turnhalle durchgeführt: Die Probanden mussten einen zehn Meter hohen Kletterparcours bewältigen und bekamen, wenn sie oben angelangt waren, die Anweisung, sich in das Seil fallen zu lassen. Vor und nach dem Experiment wurden Speichelproben von den Probanden genommen. Das Ziel war, die Menge des Stresshormons Cortisol zu ermitteln. Dabei zeigt ein hoher Cortisolspiegel nach dem Experiment, dass der Proband starken Stress hatte, während ein niedriger Cortisolspiegel auf geringes Stressempfinden hindeutet.

Die Sportpsychologin hat die Proben ausgewertet und konnte nachweisen, dass die Extremsportler diese Situation völlig anders erlebten als eher normale Studienteilnehmer: „Es gibt die High-Sensation-Seeker – also wenn man so will die Reizsucher. Und auf der anderen Seite die Low-Sensation-Seeker. Das sind, wenn man so sagen will, die Reizflüchter. Die Unterscheidung ist, dass ein High-Sensation-Seeker bezüglich seines Cortisols kaum ausschlägt. Er geht mit einem bestimmten Cortisoleingangswert rein, die Aufgabe scheint ihn nicht zu stressen. Er berichtet das im Idealfall auch in den Fragebögen so. Und das Cortisol belegt dies schwarz auf weiß, denn das ist eine Variable, die man nicht faken kann.“

Sturz aus zehn Metern Höhe überlebt

Motorrad-Akrobaten sind definitiv Reizsucher. Bei den Sprüngen haben sie keinen negativen Stress. Und das ist gut so. Stress provoziert Fehler. Und Fehler kann man sich hier nicht leisten. Doch das Risiko bleibt. Und vor zwei Jahren passierte es. Sandi Medved verliert in der Luft in einer Höhe von zehn Metern den Kontakt zu seinem Motorrad und stürzt hinab auf die abschüssige Landerampe. Obwohl er sich perfekt abgerollt hat, bricht er sich die Wirbelsäule und entgeht nur knapp dem Querschnitt. Er liegt Wochen im Krankenhaus. Aber deshalb aufhören? Das sei ihm nie in den Sinn gekommen: „Wie jeder Athlet, egal was für eine Sportart es ist, willst du immer zurückkommen, sogar noch stärker. Und natürlich darf die Furcht nicht die Kontrolle übernehmen. Wenn das der Fall ist, muss man mit der Show aufhören. Im Krankenhaus machte ich mir schon über neue Stunts Gedanken und wollte so schnell wie möglich zurück in die Show.“

Für die Heidelberger Sportpsychologin Marie Ottilie Frenkel ist das Verhalten von Medved typisch für Extremsportler und ist vermutlich ebenfalls auf den niedrigen Cortisolspiegel zurückzuführen: „Man konnte sehen, dass er genau richtig reagiert hat. Dass er sich abgerollt hat. Das bedeutet, er muss unglaublich konzentriert gewesen sein, um die richtige Reaktion abzurufen. Das ist ihm vielleicht auch möglich, weil er kaum Cortisol ausschüttet in dieser besonders stressigen Situation wo sein Leben in Gefahr ist. Dadurch kann er viel konzentrierter sein und richtig reagieren.“

Das Gladiator-Phänomen

Aber nicht nur Akrobaten setzen sich besonderen Gefahren aus. Extremsportarten liegen im Trend. Immer mehr suchen den Kick, wollen sich in extremen Situationen beweisen. Neben den physiologischen Voraussetzungen die einige Menschen für diese Sportarten besonders geeignet erscheinen lassen – die sich etwa im Cortisolspiegel abzeichnen – sieht Frenkel auch gesellschaftliche Prozesse als Anreiz für risikoreiches Verhalten: „Wir sprechen in der Psychologie auch vom Gladiator-Phänomen. Man präsentiert sich als furchtlos, als wagemutig und von unserer Gesellschaft, von den Zuschauern wird das auch honoriert. Indem man applaudiert, indem man lobt für das, was einen einzigartig macht, was nicht jeder kann. Das kann auch etwas sein, was erklärt, warum Extremsportler zu der Risikosportart greifen.“

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