Zivilcourage

Wer für andere sein Leben riskiert

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AUTOR/IN
Ulrike Werner

Um andere aus großer Gefahr zu retten, setzen sie ihr Leben selbst aufs Spiel. Sie sind keine professionellen Hilfskräfte. Sie handeln, weil sie zufällig anwesend sind.

Viele riskieren viel für andere – eine „positive Dunkelziffer“

Sie sind einfach nur Augenzeugen, keine Rettungsprofis wie Feuerwehrleute, Rettungsschwimmer oder Polizisten. Und doch gehen sie in brennende Häuser, springen in reißende Fluten, um anderen zu helfen. Weitaus mehr Menschen riskieren ihr Leben für andere, als durch die Medien verbreitet wird. Genaue Zahlen liegen nicht vor, Psychologen sprechen von einer „positiven Dunkelziffer“. Was treibt diese Menschen dazu, sich für andere in so große Gefahr zu begeben?

Der Bystander Effekt – Wer alleine ist, riskiert mehr

Der IT-Techniker Werner B. aus Waiblingen fährt an einem Sonntag im Mai 2014 zu einer Konfirmation. Auf der A6, kurz vor der Kochertalbrücke verengt sich die Fahrbahn wegen einer Baustelle. Plötzlich sieht Werner B. auf der leeren Autobahn vor sich ein Fahrzeug, das gegen eine Betonabsperrung prallt und rechts in den Büschen verschwindet. Werner B. reagiert sofort, bringt sein Auto auf dem Seitenstreifen zum Stehen. Außer ihm weiß niemand, dass hier ein Auto verunglückt ist. Er fühlt sich verantwortlich!

Das Unglücksfahrzeug liegt sehr ungünstig, die Tür geht nur nach oben auf, ist auf Augenhöhe mit ihm. Aus dem Motorraum kommen schon die ersten Flammen. Doch Werner B. hat keine Angst. Getrieben von dem Bewusstsein: „Die Zeit wird eng!“ denkt er nur an die Menschen im Fahrzeug, die ihn brauchen.

Psychologen haben in Experimenten herausgefunden, dass Menschen besonders viel für andere einsetzen, wenn sie alleine in einer Situation sind. Das ist der sogenannte „Bystander-Effekt“. Wenn viele Menschen zusehen, wird die Verantwortlichkeit leicht weggeschoben – und niemand hilft.

Ist Riskieren Persönlichkeits-Sache?

Eine typische Helfer-Persönlichkeit gibt es nicht. Einfühlungsvermögen, innere Werte, Menschenliebe und eine schnelle Intuition sind ausschlaggebend dafür, etwas für andere zu riskieren. Auch Vorwissen spielt eine Rolle.

Wie bei Werner B. Er ist damals zum ersten Mal mit einem brennenden Auto konfrontiert. Doch er weiß: „Kein Auto explodiert so wie in einem amerikanischen Film“. Wenn ein Auto im Motorraum brennt, hat man laut ADAC acht bis zehn Minuten Zeit, bevor Hilfe lebensgefährlich wird. Werner B. kann in dieser Zeit drei Menschen befreien. Da entdeckt er eine vierte Person, die sich nicht selbst bewegen kann.

Das eigene Risiko einschätzen

Um zu helfen, müsste Werner B. selbst in die Flammen hinein – ohne Aussicht auf Erfolg. Er sucht andere Hilfsmöglichkeiten.
Psychologen, wie Dr. Kai Jonas von der Universität Amsterdam, halten das für richtig. Sie raten davon ab, in solchen impulsgesteuerten Momenten das eigene Leben auf Spiel zu setzen. Vor allem, wenn nicht einmal Aussicht auf erfolgreiche Hilfe gegeben ist. Sie empfehlen, nach anderen Hilfsmöglichkeiten zu suchen. Das setzt allerdings voraus, dass man sein eigenes Risiko einschätzen kann.

Doch besonders wenn es um Menschen geht, die einem sehr nahe sind, wird das Bewusstsein für die eigene Gefahr oft ausgeschaltet. Für sie riskieren wir alles!

Risiko-Hierarchien: für wen begeben wir uns in Gefahr?

Psychologen haben in Studien herausgefunden, dass es eine „Hierarchie des Riskierens“ gibt. Für Obdachlose oder Menschen mit Behinderungen wird wenig riskiert. Für Hunde schon mehr. Für Kinder ist der Einsatz sehr hoch, besonders für die eigenen! Denn zu ihnen hat man eine persönliche Beziehung, Hilfe- oder Schmerzensschreie sind schlecht auszuhalten, so Dr. Kai Jonas. Oft verlieren die Retter dann ihr eigenes Leben – Eltern, die ihre Kinder retten wollten, sterben mit ihnen.

Beim Unfall am 11.5.2014 handelte Werner B. für Menschen in Not, die er nicht einmal kannte. Für einen der vier Menschen konnte er nichts tun. „Die Frage stellt man sich, hätte man mehr machen können? Das ist etwas, das hätte ich so gerne gemacht, ich hätte ihm so gerne geholfen!“

Drei Menschen konnte er durch seine Hilfe vor dem Tod in den Flammen bewahren.

Er selbst meint nicht, dass er dabei sein Leben riskiert habe.

Risiko lernen: Jeder kann ein Alltagsheld werden

Für Psychologen ist Risiko ein relativer Begriff. Jede und jeder, der seine Komfortzone überschreitet, riskiert etwas. Und das schätzen Psychologen positiv ein. Man muss nicht sein Leben aufs Spiel setzen, um mutig für andere einzutreten. Ein balanciertes Maß an Risiko einzugehen, ist erlernbar. Psychologen wie Kai Jonas und seine Kollegen geben sogar spezielle Seminare zur Einübung von Zivilcourage. Denn, so ihr Ansatz: jeder kann ein Alltagsheld werden! Ängstliche Menschen können trainieren, ihre Grenzen auszudehnen. Diejenigen, die intuitiv und schnell handeln, können lernen, auf ihre eigenen Grenzen zu achten. Damit sie ihr Leben nicht unüberlegt aufs Spiel setzen.

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Ulrike Werner