Brustkrebs-Screening

Was Früherkennung wirklich nutzt

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AUTOR/IN
Katrin Krieft

Viele halten das Mammografie-Screening für einen großer Lebensretter. Über 20 Prozent der Frauen würden vor dem Brustkrebstod gerettet, heisst es. Aber was steckt wirklich hinter dieser Zahl?

Mit kaum einem Krebsfrüherkennungsprogramm haben sich Wissenschaftler so intensiv beschäftigt wie mit dem Mammografiescreening. In unzähligen Studien wurde an über 600.000 Patientinnen untersucht, ob die Untersuchung auf Brustkrebs Frauen wirklich das Leben retten kann. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Dennoch wird der Nutzen einer solchen Untersuchung von vielen zu hoch eingeschätzt – sowohl von Patientinnen als auch von Ärzten. Der Grund: In vielen Untersuchungen wird der Nutzen anders dargestellt als der Schaden.

Große Zahlen – kleiner Nutzen

Experten debattieren seit fast fünfzig Jahren über Vor- und Nachteile des Mammografiescreenings. Bereits in den 1960er-Jahren erschienen erste Studien zur Brustkrebsfrüherkennung in den USA. Es folgten Studien aus Kanada und Skandinavien. Deren Ergebnis: Das Mammografiescreening senke die Sterblichkeit an Brustkrebs – je nach Studie – um 20 bis 30 Prozent. Das hört sich zunächst viel an. Was genau das bedeutet, wird erst klar, wenn man sich statt der relativen Prozentzahlen die absoluten Zahlen anschaut: Ohne Brustkrebs-Screening sterben innerhalb von zehn Jahren fünf von 1.000 Frauen am Brustkrebs. Das haben zahlreiche neuere Studien ergeben. Gehen diese 1.000 Frauen regelmäßig über zehn Jahre zur Mammografie, sterben vier von ihnen. Eine wird gerettet. Genau hier verbergen sich die angegebenen 20 Prozent: Eine von fünf Frauen sind 20 Prozent. Schaut man sich aber die ganze Gruppe der Frauen an, die regelmäßig zur Mammografie gegangen sind, dann sieht man: Von 1.000 Frauen wird einer das Leben zusätzlich gerettet. Und das bedeutet gleichzeitig: Das Screening bringt 999 von 1.000 Frauen keinen Nutzen.

Eine grüne Figur ist umringt von vier schwarzen und vielen blauen Figuren. (Foto: SWR, SWR -)
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Und nicht nur das: Neuste Studienergebnisse legen sogar nahe, dass der Nutzen noch geringer ausfällt und womöglich sogar ausbleibt! Britische Wissenschaftler haben die Brustkrebssterblichkeit in Großbritannien über die letzten 39 Jahre beobachtet – so lange wie keine Forschergruppe zuvor. Die gute Nachricht: Es sterben heute weniger Frauen an Brustkrebs. Die Forscher wollten auch wissen, ob es einen Zeitpunkt gibt, an dem die Sterblichkeit extrem abgenommen hat und ob dies zeitlich mit der Einführung des Mammografiescreenings zusammenhängt. Die ernüchternde Antwort lautet: Nein! Die Briten fanden keinerlei Hinweise darauf, dass das Mammografiescreening die Brustkrebssterblichkeit beeinflusst habe – weder zum Guten, noch zum Schlechten.

Fehlalarm und Überdiagnose: negative Folgen des Screenings

Dass das Screening 999 von 1.000 Frauen keinen Nutzen bringt, wird in Studien und Broschüren selten so klar geäußert. Bis zum Jahr 2009 fand man zudem in kaum einer Broschüre Angaben zum möglichen Schaden eines Mammografiescreenings. Dabei zeigen gerade neuere Untersuchungen die Kehrseite des Screenings. Immerhin kommt es bei 100 der 1.000 Frauen innerhalb von zehn Jahren mindestens einmal zu einem Fehlalarm. Das heißt, die Mammografie führt zu einem Krebsverdacht, der sich erst durch weitere Untersuchungen wieder entkräften lässt. Für die Frauen bedeutet das seelische Belastungen und häufig schmerzhafte Prozeduren wie etwa die Entnahme von Gewebeproben. Doch das ist nicht alles – viele Brustkrebsformen haben gar keine schlechtere Prognose, wenn sie erst später entdeckt werden. Für die gilt: Durch die Mammografie wird nur der Diagnosezeitpunkt vorverlegt, die Frauen werden also früher und länger zu Krebspatientinnen, als es erforderlich wäre. Für viele ist eine Krebsdiagnose verständlicherweise eine große psychische Belastung. Noch schlimmer, wenn sie nicht notwendig ist: Immerhin fünf von 1.000 Frauen, die regelmäßig zum Brustkrebsscreening gehen, werden Schätzungen zufolge zu Brustkrebspatientinnen, obwohl sie ohne Screening zu Lebzeiten nie von ihrem Brustkrebs erfahren hätten. Da man aber nicht weiß, ob der Brustkrebs, den man im Screening entdeckt hat, ein aggressiv wachsender Tumor oder ein stiller Schläfer ist, werden diese Tumore mit allen, zum Teil nebenwirkungsreichen, Verfahren wie Chemotherapie und Operationen behandelt.

Nutzen und Schaden genau Abwägen

Einer durch das Screening geretteten Frau stehen also rund fünf Frauen gegenüber, die durch das Screening Leiden und Qualen der Brustkrebstherapie über sich ergehen lassen, obwohl das nicht nötig gewesen wäre. Das Dilemma: Man weiß nie, welche fünf Frauen das sind, da es sich um einen statistischen Wert handelt. Und natürlich weiß man vor der Früherkennungsuntersuchung auch nicht, zu welcher Gruppe man gehören wird: ob man umsonst therapiert wird, ob man einen Fehlalarm bekommt, ob einem die Mammografie weder nützt noch schadet oder ob man womöglich genau die eine Frau sein wird, die dadurch gerettet wird. Man sollte sich nur vorher bewusstmachen, dass es diese Möglichkeiten gibt.

Die Mammografie an sich kann Brustkrebs nicht verhindern

In vielen Köpfen ist das Screening ein echter Lebensretter: Einer aktuellen Umfrage zufolge denkt fast jede dritte Frau, dass alleine schon das regelmäßige Mammografiescreening Brustkrebs verhindern könne. Das ist allerdings ein Trugschluss: Eine Früherkennungsuntersuchung kann keinen Krebs verhindern, sie kann nur dabei helfen, eine Krebserkrankung in einem möglichst frühen Stadium zu erkennen und so unter Umständen eine aggressive Therapie zu vermeiden. Auf jeden Fall sollte man Nutzen und möglichen Schaden genau gegeneinander abwägen, bevor man sich für oder gegen die Früherkennungsuntersuchung zum Brustkrebs entscheidet.

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Katrin Krieft