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Der Mediziner Rolf Verres wünscht sich einen vorurteilsfreien Zugang zu Drogen. Ein vernünftiger Umgang mit psychoaktiven Substanzen wie Alkohol oder Cannabis sei lernbar - und verhindere Rauschkatastrophen.

Lust auf Rausch

Viele machen es. Auf der ganzen Welt: Drogen-Nehmen, Alkohol Trinken, Sich-Berauschen. Und Rolf Verres aus Heidelberg meint, das sei nicht verwerflich. Der Mediziner und Psychologe hat die Welt der Rauschzustände wissenschaftlich erforscht. Er sagt: Richtig angewendet, können Drogen das Leben bereichern. Doch auch er weiß, dass Drogen gefährlich sind. Sie können den Körper vergiften. Auch zahlreiche Unfälle und andere Katastrophen lassen sich auf den Konsum von Drogen und Alkohol zurückführen. Rolf Verres meint, das läge an mangelhafter Aufklärung: "Die Menschen wissen nicht, was das rechte Maß ist, weil die ganze Gesundheitserziehung viel zu pauschal ist. Da wird einfach gesagt, Drogen sind schlecht."

Nur für Wein-Liebhaber gibt es in Deutschland wirkliche Schulungen. Sie lernen, wie sie den Wein richtig genießen. So sind sie besser vor Maßlosigkeit geschützt. Denn ein EU-Vergleich zeigt: In Ländern mit Weinkultur moderat getrunken wird.
Das exzessive Koma-Saufen von Jugendlichen passiert eher in Ländern mit strengen Alkohol Gesetzen.

Rituale bringen Struktur

Peruanische Zeichnung von menschlichen Wesen. (Foto: SWR, SWR -)
In der peruanischen Kultur hat Ayahusaca eine lange Tradition SWR -

Der Blick in andere Welten zeigt auch, dass der Umgang mit psychoaktiven Substanzen seit vielen 1000 Jahren gepflegt wird – zum Beispiel beim Ayahusaca-Ritual in Peru. Bei diesem Ritual wird die stark halluzinogene Droge genommen, um religiöse Erkenntnisse zu gewinnen, um wichtige Fragen zu beantworten oder eine Krankheit zu behandeln. Der Schamane strukturiert das Erlebnis und führt seine Schützlinge durch die Zeremonie. Wichtig: Die Droge bekommt nur, wer vom ihm eingewiesen wurde. "Das heißt, der Schamane ist in dem Punkt wie ein Arzt, der ein Gegenüber einschätzt", so Verres. "Daraus ergibt sich dann auch die Empfehlung für die Dosis."

Diese Herangehensweise ist das Gegenteil von wilden Party-Nächten, wie sie im Westen vor allem von Jugendlichen gefeiert werden. Die Mitarbeiter der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) versuchen mit aufwendigen Kampagnen wie "Quit the Shit" oder "Kenn Dein Limit", die Situation in den Griff zu bekommen. Für ein Interview hatten sie keine Zeit. Deshalb erklärt der Leiter der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen Raphael Gaßmann die Herangehensweise: "Es gilt, die Überzeugung zu stärken, dass das Leben auch ohne diese Substanzen lebenswert ist. (…) So nach dem Motto: Du wirst nicht cooler, wenn Du jetzt anfängst Alkohol zu trinken. Du wirst nicht cooler, wenn Du jetzt wie andere in Deiner Klasse Joints rauchst. Nein! Und sicherer und besser ist es ganz ohne Drogen und Alkohol."

Doch besonders erfolgreich sind solche Verhaltensapelle BzGA nicht: Die Anzahl der Konsumenten ist trotzdem gestiegen.

Ein Portal für Jugendliche

Rolf Verres hat in seinen Studien mit Jugendlichen, Ärzten und Psychotherapeuten andere Konzepte erarbeitet. Er hat das Ziel, Drogenkonsumenten für den Rausch aufzuklären. Dass Menschen Drogen nehmen, lässt sich seiner Meinung nach nicht aus der Welt schaffen. Ist der Konsum also normal? Für Raphael Gaßmann zumindest nicht: "Wenn ich den 60 bis 70 Prozent der Menschen, die noch niemals gekifft haben, sage: 'Kiffen ist normal', dann ist das schon eine Aufforderung zum Drogenkonsum. Und es geht auch in Richtung einer Verharmlosung."

Verres will dennoch neben Risiken und Nebenwirkungen vor allem auch über Chancen und Möglichkeiten von Drogen aufklären. Eine gute Vorbereitung ist für ihn zentral: "Wichtig ist es, alles genau zu planen: In welchem Umfeld soll die Drogen- Erfahrung stattfinden? Was erwarte ich? Was ist mein Ziel? Und am allerwichtigsten ist die Frage nach der Dosis. Dafür muss ich über die Droge ganz genau Bescheid wissen."

Vor diesem Hintergrund ist das Internet-Portal "My rebound" entstanden. Hier erklären junge Menschen Jugendlichen, worauf sie beim Drogenkonsum achten sollten. Denn gefährlich ist es vor allem, wenn der Rausch in dunklen Ecken, heimlich und unwissend erlebt wird. Dazu Prof. Verres: "Wenn man einfach nur unreflektiert irgendwas in sich hineinschmeißt, was auf das Gehirn wirkt, begeht man im Grunde ein Verbrechen gegen die eigene Gesundheit."

Fakt ist: Eine drogenfreie Welt wird es wohl nicht geben. Insofern hilft es vielleicht, alte Tabus zu brechen und neue Wege zu gehen – die, wie im Fall des Ayahuasca-Rituals, gar nicht so neu sind.

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