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Abbauprodukte einer Droge im Haar galten vor Gericht bislang als wissenschaftlicher Beleg: Der Mensch, von dem die Haare stammen, muss die Droge konsumiert haben! Freiburger Forensiker haben das jetzt widerlegt.

Der prominenteste Fall in Deutschland der vergangenen Jahre war vermutlich der Fußballtrainer Christoph Daum. Mit der Haaranalyse hatte man bei ihm Kokainkonsum nachgewiesen. Auf einer Pressekonferenz hat er den Konsum dann auch zugegeben. Beim Wachstum der Haare werden Abbauprodukte der Drogen aus dem Körper in die Haare eingelagert. Der Nachweis dieser Spuren galt Jahrzehnte als gerichtsfester Beweis für den Drogenkonsum. Galt! Forscher aus Freiburg haben an der Nachweismethode gezweifelt und sie nun kritisch überprüft. Denn die Methode hatte doch erstaunliche Ergebnisse erbracht:
So zeigte vor einigen Jahren die Haaranalyse in Bremen bei Kindern aus Familien mit suchtkranken Eltern in zwei Drittel der Fälle ein positives Ergebnis. Das ganze Spektrum war in den Haarproben der Kinder vertreten: von Heroin über Valium, Methadon und Cannabis bis zum Kokain. Damit hatte keiner gerechnet. Doch die Bremer Wissenschaftler waren sich sicher: Die Kinder mussten diese Drogen konsumiert haben – und schlugen Alarm. Sie forderten die Behörden auf, mehr Kontrollen durchzuführen: Mehr Haaranalysen, um Drogendelikte mit Kindern aufzudecken!
Doch die Recherche zeigt: Viele der durch Haaranalyse Überführten streiten den Drogenkonsum vehement ab, trotz des vermeintlich wissenschaftlichen Beweises! Leicht lassen sich im Internet Dutzende solcher Aussagen finden.

Der Freiburger Forensiker Volker Auwärter kannte diese Aussagen und auch die Ergebnisse der Haaranalyse bei den Kindern. Bei ihm haben sie Zweifel an der Stichhaltigkeit der Methode geweckt: "Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder Probanden gehabt, die positiv getestet wurden und die den Konsum ganz vehement bestritten haben. Was für mich auch glaubwürdig erschien. Das war für uns der Ausgangspunk, der Sache mal genauer auf den Grund zu gehen."

Eine Schere schneidet ein Büschel Haare. (Foto: SWR, SWR -)
SWR -

Um dem Verdacht nachzugehen, dass die Drogenspuren auch von außen in das Haar gelangen können, etwa durch Körperkontakt mit Drogenkonsumenten, wählte Volker Auwärter ein ebenso einfaches wie effektives Studiendesign: Er und ein Mitarbeiter nahmen einen Monat lang täglich eine Dosis THC - den Cannabis-Wirkstoff - ein. Sie überprüften nicht nur Haare, sondern auch Schweiß und Hautfett. Sie nahmen das THC in Kapseln ein, weil sich so die Menge genau definieren ließ. Außerdem ist die Rauschwirkung geringer als beim Konsum der gleichen Menge in einem Joint.

Haare wachsen etwa einen Zentimeter im Monat. So wurden nach dem Ablauf des Selbstversuchs die ersten anderthalb Zentimeter der Haare von Volker Auwärter analysiert. Aber auch Haare, die längst vor dem Drogenkonsum gewachsen waren. Die Haaranalyse mit dem Massenspektrometer zeigte nahezu identische Belastungen mit dem THC-Abbauprodukt THC-Carbonsäure. Aus der Zeit vor- und während des Drogenkonsums.

Die Freiburger konnten die Abbauprodukte in den Haaren auch in Hautfett und Schweiß nachweisen. Damit war klar: Drogenspuren lassen sich durch Körperkontakt auf Abstinente übertragen! Damit hat die Haaranalyse ihren Ruf der Unfehlbarkeit eingebüßt, so Auwärter: "In der Gesamtheit der experimentellen Ergebnisse lässt sich sagen, dass ein THC-Carbonsäure-Nachweis im Haar nicht zwingend ein Beweis ist für einen THC-Konsum des Probanden."

Der Freiburger Forensiker ist sich sicher: Auch bei Heroin oder Kokain ist eine Kontamination von außen möglich. Damit hat die Haaranlyse in der Vergangenheit sicher zu tragischen Fehleinschätzungen geführt, so Auwärter: "Ich bin sicher, dass es hier - zumindest weltweit betrachtet zu hunderten Fehlurteilen gekommen ist, wo Menschen zu Unrecht auch schwere Rechtsfolgen erlitten haben. Die Folgen reichen von Gefängnisstrafen, die auf den Konsum stehen können, bis zum Arbeitsplatzverlust, wenn ein solcher Nachweis geführt wurde."

In Bremen war es aufgrund der Haaranalyse in einigen Fällen zum Sorgerechtsentzug gekommen. Vermutlich Fehlurteile. Zumindest was den angeblichen Drogenkonsum der Kinder anbelangt.

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