Gesundheit

Männer in der Krise

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Testosteron-"Therapien" versprechen Männern Jugendlichkeit und sexuelles Leistungsvermögen. Wertvolle Hilfe oder Geschäftemacherei?

Mit indianischen Ritualen gegen die Midlife-Crisis

Auf einem abgelegenen Hof, tief in der Eifel. Eine Gruppe Männer arbeitet im Morgengrauen "schamanisch" gegen die Midlife-Crisis. Sie haben sich in einer Schwitzhütte versammelt und stimmen rituelle Gesänge an. Angeleitet werden sie dabei von Jack Silver, einem Persönlichkeitstrainer, der auf solche schamanischen Rituale spezialisiert ist.
"Also ich bin überzeugt, dass jeder die Midlife Crisis bekommt. Das ist ja keine Krankheit," sagt er. "Die Midlife Crisis ist, wie die Pubertät, ein Übergang von einem Zeitalter ins nächste eines Menschen, beim Mann jetzt in dem Fall, und da verändert sich was. Und erstmal weiß man gar nicht genau was sich verändert. Es wird seltsam und fühlt sich irgendwie, man denkt plötzlich man ist im falschen Film oder man denkt so, oft denken die Männer so: Was habe ich den mein ganzes Leben gemacht, ist das, war das überhaupt richtig? Will ich das so weitermachen?"

Das Geheimnis des Erfolges: Offen über alles reden

Neben all den Ritualen tun die Männer hier deshalb etwas, das für Männer eher ungewöhnlich ist: Sie reden. Ganz offen über alles. Vertrauen einander. Haben keine Angst vor Blöße.

Was steckt hinter der Midlife-Crisis?

Wir wollen herausfinden was hinter der Midlife Crisis steckt, ob es für diese Krisen in der Mitte des Lebens eine körperliche Ursache gibt. Wir fahren mit einem der Männer - nennen wir ihn Max - nach Hamburg, zu Christoph Bamberger. Er ist Internist und Endokrinologe, ein Hormonspezialist. Zudem ist er ein führender Alternsforscher.
Für Max beginnt ein langer Tag mit zahlreichen medizinischen Untersuchungen. Er wird Belastungstests unterzogen, es werden Blutproben genommen, er wird per Ultraschall untersucht und von Kopf bis Fuß im Kernspintomographen durchleuchtet.

Erbe aus der Steinzeit: Ab Mitte 30 wird es ernst mit der Gesundheit!

Portrait von Prof. Christoph Bamberger (Foto: SWR, SWR -)
Prof. Christoph Bamberger, Internist an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf SWR -

Christoph Bamberger beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Alterungsprozessen im Körper. "Was wir in den letzten Jahren wirklich haben lernen müssen, ist, dass unsere Zellen und unsere Organe nicht alle gleich schnell altern," sagt er. "Es kann sein, dass bei einem, zum Beispiel, das Herz und die Herzkranzarterien sehr schnell altern und er hat perfekte Haut. So kann es zum Beispiel sein, dass jemand sehr jung aussieht und plötzlich hat er einen Herzinfarkt und die Leute wundern sich, weil er doch immer so gut aussah. Das heißt, der Mensch ist letztlich so alt wie sein ältestes Organ. Deswegen ist es auch wichtig, wenn man wissen will wo man steht, sich gründlich untersuchen zu lassen, denn der äußere Schein mag da in die eine oder andere Richtung trügen."

Die Ursache dafür liegt in der Steinzeit. Damals wurde unsere genetische Ausstattung festgelegt und damit auch unsere "Haltbarkeit": 30, 35 Jahre, so alt musste ein Mann werden. Das reicht, um Kinder groß zu ziehen und ihnen alles Wichtige im Leben beizubringen, jagen etwa. Und das war’s dann. Damit hat der Mann seinen Zweck erfüllt und ab dann muss sein Körper nicht mehr optimal funktionieren.
Das zeigt sich auch heute noch in unserem Inneren. Die Zellen des Körpers werden ständig attackiert - durch UV-Strahlen und alle möglichen Stoffe, die wir einatmen, essen oder trinken. Dadurch kann das Erbgut einer Zelle Schaden nehmen und muss repariert werden.

Solche Erbgutschäden entstehen nicht nur hin und wieder, sondern in jeder unserer Zellen zig-tausendmal jeden Tag! Ein enormer Reparatur-Aufwand, der sich nur lohnt, solange es der Erhaltung der Art dient.
Diese erstaunliche Reparaturfähigkeit des Körpers lässt deshalb mit 30, 35 Jahren allmählich nach. Dann können sich die Erbgutschäden anhäufen. Aus einer normalen Zelle kann dann eine wuchernde Krebszelle werden. Bis so ein Krebsgeschwulst so groß wird, dass es echte Probleme macht, braucht es abermals viele Jahre.
In der Steinzeit war das mehr oder minder egal - denn ein Steinzeit-Mann lebte meist nicht lang genug, um an Krebs zu sterben.
Wir können körperliche Belastung ab dem mittleren Lebensalter nicht mehr so gut wegstecken, wegen unserem Steinzeit-Erbe. Die Regenerationsfähigkeit des Körpers lässt schlicht nach.
Das spürt jeder - aber viele Männer machen trotzdem einfach weiter wie bisher.
Dabei sollten sie jetzt eigentlich viel sorgsamer mit ihrem Körper umgehen.

Ein Mann mit Blutdruckmanschette und EKG-Kabel am Oberkörper steht auf einem Trainingsgerät. (Foto: SWR, SWR -)
Max beim Belastungstest SWR -

"Die meisten Menschen haben bis zur Mitte ihres Lebens, bis vierzig, fünfundvierzig, sich nicht sehr um ihren Körper und ihre Gesundheit gekümmert, weil der Körper sich um sich selbst gekümmert hat." sagt Prof. Bamberger. "Alle Belastungen, durchwachte Nächte und Ähnliches wurden gut weggesteckt. Dann fängt der Körper an zu spüren, dass er älter wird und der Mensch eben als Ganzes dann auch. Und in der Tat ist es so, dass das gleiche schädigende Verhalten natürlich viel, viel stärker auf den Körper wirkt, mit Mitte 40 oder gar Mitte 50, als mit Mitte 20." In der Mitte des Lebens wird es also tatsächlich ernst, mit der Gesundheit.

Problem Hormonmangel?

Bei Max wird ein Organ nach dem anderen wird untersucht. Sind schon größere Veränderungen zu entdecken? Eine körperliche Ursache für die "Midlife Crisis" ist hier bislang nicht festzustellen.
Aber vielleicht findet sich ein Hinweis im Blut, genauer: im Hormonspiegel. Denn die meisten großen körperlichen Veränderungen werden von Hormonen in unserem Blut gesteuert.

Hormone steuern unser Leben

Eine Erfahrung, die jeder Mann macht. So mit 13, 14 - wenn sich das Leben plötzlich von Grund auf ändert: Testosteron heißt die magische Substanz, das männliche Geschlechtshormon, das auch die Pubertät auslöst. Bei den Mädchen ist es das Östrogen, das zu pulsieren beginnt. Die Pubertät ist ein radikaler Umbruch im Körper: Aus dem Jungen wird ein Mann - und aus den kleinen Mädchen werden richtige Frauen, wie er mit großem Interesse feststellt.
Über Jahrzehnte bestimmen die Geschlechtshormone unser Leben maßgeblich mit.
Bis es zu einer weiteren Veränderung kommt - so mit Mitte 50 - allerdings nur bei den Frauen. Beim Mann sinkt das Testosteron kaum merklich ab. Bei den Frauen dagegen gibt es tatsächlich einen Einbruch bei den Hormonen: die Wechseljahre, an denen keine Frau vorbeikommt.

Stilisierte Darstellung von einem Mann und einer Frau. (Foto: SWR, SWR -)
Der Hormonhaushalt des Mannes änder sich nur graduell. SWR -

"Insgesamt sind Frauen zeitlebens stärkeren Hormonschwankungen, zum Beispiel im Rahmen des Zyklus schon unterworfen. Und im Rahmen der Wechseljahre kommt es eben zu einem massiven Abfall der Hormonproduktion," erklärt Hormonexperte Christoph Bamberger. "So etwas haben wir bei Männern nicht. Bei Männern ist es so, dass die Produktion des wichtigsten männlichen Hormons, des Testosterons, ab dreißig graduell abnimmt. Man geht so von einem Prozent pro Jahr aus. Das heißt, es wird niemals eine Phase kommen, wo der Mann sozusagen hormonell einbricht, sondern es kann sein, dass er irgendwann mal unter seine subjektive Wohlfühlschwelle sinkt und das dann als eine Veränderung wahrnimmt, die manchmal auch Wechseljahrescharakter haben kann. Andro-Pause ist da ja so ein Begriff. Das ist aber längst nicht bei jedem Mann so. Das heißt also: Frau plötzlich, innerhalb weniger Monate, massive hormonelle Veränderung. Mann eher gleichmäßige graduelle schleichende Veränderung."

Männer und Frauen unterscheiden sich da also erheblich. Männer haben keinen hormonellen Umbruch in der Mitte des Lebens.
Die Geschlechtshormone scheinen demnach auch keinen so großen Einfluss auf den Alternsprozess zu haben - denn Altern tun wir alle, Hormonschwankungen hin oder her.

Nie leichtfertig Hormone nehmen!

Umso skeptischer sollte man gegenüber der Einnahme von Hormonen als vermeintlichem "Jungbrunnen" sein, betont Prof. Bamberger: "Es gibt dann eben das Versprechen und die Idee, dass man ein bestimmtes Hormon einfach sich bestellen und dann einnehmen sollte um jünger zu sein, sich besser zu fühlen, länger zu leben. Das ist so nicht richtig. Hormone verlängern das Leben nicht, das muss man wissen, sie verlangsamen auch per se den Alterungsprozess nicht, sie können nur zu einem besseren Befinden führen. Und dann gibt es eben auch Gefahren. Es gibt Leute, die empfindlich auf solche Hormone reagieren, bei denen möglicherweise sogar ernsthafte Erkrankungen, ja, beschleunigt werden können, nicht ausgelöst, aber beschleunigt werden können, zum Beispiel Brustkrebs bei Frauen oder auch Prostatakrebs bei Männern."

Keine körperliche Ursache für die Midlife-Crisis

Bei Max sind alle Hormonwerte normal. Und überhaupt, die Untersuchungen zeigen: Er ist gut in Schuss für sein Alter. Keinerlei körperliche Ursachen für eine Midlife-Crisis.
Für Christoph Bamberger keine Überraschung. "Es gibt keine körperlich fassbare Midlife Crisis," konstatiert Alternsexperte Prof. Christoph Bamberger, "Das gibt es nicht. Es gibt hormonelle Veränderung über die Zeit und die sind am aller häufigsten Mitte 40 bis Mitte 50 bei Männern fassbar, aber eben längst nicht bei allen."
Krisen sind im Leben jedes Menschen etwas ganz Normales - auch im mittleren Alter. Und es gibt viele Wege mit diesen Krisen umzugehen.

In dem dunklen Wald in der Eifel hat sich die Gruppe Männer um einen hohen Holzstoß versammelt. Sie tragen fackeln, entzünden das Holz und beginnen mit einem archaischen Feuertanz. "Hier können die Männer einfach sein wie sie sind," sagt Persönlichkeitstrainer Jack Silver. "Sich zeigen wie sie sind, hier brauchen sie keine Masken. Jeder ist willkommen, Du bist willkommen, so wie Du bist. Und das ist was ganz besonderes und das schafft einen großen Frieden und das ist besonders in so einer Krise ganz wichtig, dass man die Krise anerkennt, dass man sagt: ja, du hast jetzt eine Krise. Und die Krise nicht wegdrückt."

Die einen tanzen ums Feuer, andere brechen vielleicht zu einer großen Wanderung auf. Es gibt viele Rituale, mit denen Menschen auf der ganzen Welt von jeher große Umbrüche in ihrem Leben begleiten. Diese Männer haben mit ihren archaischen Ritualen einen Weg gefunden, der ihnen nicht nur hilft, sondern auch Spaß macht.

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