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Stimmungsschwankungen, Schweißausbrüche, Schlafstörungen - manche Frauen leiden so stark unter den Wechseljahren, dass nur zusätzliche Hormone helfen. Wie gefährlich ist die Hormonersatztherapie?

Ach So! Die Wechseljahre - Viele wissen immer noch zu wenig

Nadia Ralica ist eine quirlige, sportliche Frau. Sie fühlte sich immer gesund und voller Elan. Doch so ab Mitte 40 begann sich etwas zu verändern. Sie wurde vergesslich und reizbar. Im Beruf war sie weniger belastbar, ihr Chef beschwerte sich. Was war nur los?
Eine Odyssee zu verschiedenen Ärzten begann. Nadia Ralica kann bis heute nicht fassen, dass keiner auf das Naheliegendste kam: Sie war in den Wechseljahren, wie endlich eine Heilpraktikerin erkannte. So viel Unwissen bei so einem wichtigen Thema! Nadia Ralica machte eine Ausbildung zur Wechseljahresberaterin, leitete Frauen-Treffen und Kurse. Zu diesem Zeitpunkt war bereits die Studie der Womans Health Initiative (WHI) erschienen - Hormonersatztherapien in Wechseljahren, so das Ergebnis, befördere Brustkrebs und Schlaganfälle. Allen Frauen, mit denen Nadia Ralica sprach, war eins gemeinsam: eine Hormontherapie kam überhaupt nicht in Frage. Auch bei sehr starken Symptomen. Sie hatten einfach Angst.

Hormonstudie mit Folgen - Verunsicherung bis heute

Bis heute spüren niedergelassene Frauenärzte die Folgen der Studie. Viele Frauen kommen mit großen Bedenken gegen eine Hormonersatztherapie in die Sprechstunde von Dr. Werner Harflinger in Mainz. Zum Beispiel Marlis Krieg. Sie leidet seit Beginn der Wechseljahre unter schweren Hitzewallungen und massiven Schlafproblemen, ihre Lebensqualität ist sehr eingeschränkt. Vor einer Hormongabe aber fürchtete sie sich. Dabei ist wenig bekannt, dass die amerikanische Studie mit einem Wirkstoff durchgeführt wurde, der in Deutschland gar nicht mehr zum Einsatz kommt: einem synthetischen Gestagen, destilliert aus dem Urin trächtiger Stuten. "Wir sprechen hier über etwas, das es eigentlich gar nicht gibt!" sagt Werner Harlfinger.

Ultraschallbild eines weiblichen Unterleibs. (Foto: SWR, SWR -)
Ultraschallbild eines weiblichen Unterleibs SWR -

Das im Labor erzeugte US-Kunsthormon war allen Erkenntnissen nach schuld an dem erhöhten Krebsrisiko der WHI Studie. Aber das ist noch längst nicht alles. Die Deutsche Menopausengesellschaft befasst sich seit Jahren mit der Hormonersatztherapie. Sie tritt für eine grundlegende Neubewertung der Studie ein. Denn auch die Kontrollgruppe war problematisch: die Frauen hatten zum Teil Vorerkrankungen, die Hälfte rauchte, viele waren übergewichtig. Am wichtigsten ist jedoch: die meisten standen mit über 60 Jahren bereits am Ende der hormonellen Umstellung.

Hormonersatztherapie ohne Angst

Marlis Krieg nimmt inzwischen Hormone. Ihre Beschwerden sind dadurch völlig verschwunden. Zwischendurch hat sie versucht, die Therapie abzusetzen - sofort waren die Symptome wieder da. "Die Lebensqualität sinkt, sogar deutlich! Ich weiß ja jetzt, wie es ohne Hormone ist!" Und die Bedenken? "Habe ich viel weniger als früher!"
Allerdings war eine sehr umfangreiche Beratung durch Werner Harflinger die Voraussetzung für die Therapie. Für die Gynäkologen hat die Deutsche Menopausegesellschaft im August 2015 neue Anwendungsempfehlungen herausgegeben.
Dem Vorsitzenden der Gesellschaft, Prof. Alfred Mueck, ist eine intensive und individuelle Risiko-Nutzen Abwägung wichtig. Klinische Beobachtungen haben gezeigt, dass das Alter der Patientinnen eine große Rolle spielt: je früher sie einsteigen, desto besser. Manche Risiken - wie Herzinfarkt - scheinen dadurch sogar zu sinken. Bei Osteoperose ist der Nutzen unbestritten. Vorerkrankungen müssen ausgeschlossen werden. Und dann spielt die Art der Darreichung eine große Rolle. In den Wechseljahren kann man Hormone auch gut als Pflaster oder Gel verabreichen. Damit bleibt die Dosis gering und kann genau auf die Bedürfnisse der Frau zugeschnitten werden. Auch Marlis Krieg bekommt eine individuelle Kombi-Therapie aus Östrogen-Gel und Progresteron -Tabletten.
"Bei intensiver Beratung muss keine Frau sich aus Angst mit Beschwerden
quälen!" sagt Werner Harflinger. "Das wäre für mich unterlassene Hilfeleistung!"

Es geht mir gut - Wechseljahre als Chance

Nadia Ralica arbeitet nicht mehr als Wechseljahrsberaterin. Aber sie hat in dieser Zeit sehr viel gelernt. Zum Beispiel den wichtigen Unterscheid zwischen künstlichen und körpereigenen Hormonen, den die wenigsten Frauen kennen. Zu Zeiten der WHI Studie bekamen Patientinnen in aller Regel Hormone aus dem Labor. Heute können Hormone gewonnen werden, die in ihrer Struktur denen gleichen, die der Körper selber produziert. Sie werden inzwischen häufig verschrieben und von vielen Fällen besser vertragen als die synthetischen. Eine Zeit lang hat sie auch so ein Präparat genommen und es hat ihr gut getan. Inzwischen verzichtet sie aber auf Hormone. Gesunde Ernährung, viel Sport und Wechseljahrstees - damit fühlt such es Nadia Ralica wohl. Jede Frau muss selbst entscheiden - das hängt auch von der Schwere der Symptome ab. Durch WHI Studie sind unnötige Ängste vor der Hormonersatztherapie geschürt worden. Andererseits gibt es auch keine Behandlung ohne ein Restrisiko. Für Nadja Ralica sind die Wechseljahre eine Phase, in der Frauen sich intensiv kennenlernen können und schauen, was sie wirklich brauchen.
"Frauen sollten nicht verschämt sagen: hmm, ich bin in den Wechseljahren… Sondern selbstbewusst: hey, endlich bin ich auch in den Wechseljahren!"

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