Alzheimer-Medikamente

Eine schwierige und riskante Suche

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Die Suche nach Alzheimer-Medikamenten ist schwierig, teuer und riskant. Aber verführerisch: es lockt ein Milliardenmarkt.

Höchste Flop-Rate aller Zeiten

Einen verträglichen Wirkstoff gegen Alzheimer zu finden, gilt in der Pharmaindustrie als so bedeutend wie die erste Mondlandung. Bisher floppten 99,6 Prozent aller getesteten Alzheimer-Wirkstoffe - mehr als bei jeder anderen Volkskrankheit. Seit über zehn Jahren ist kein neues Präparat zu den vorhandenen vier - nicht besonders wirksamen Medikamenten - auf den Markt hinzu gekommen.

Die Pharmaindustrie steckt in einem Dilemma. Millionen Patienten weltweit warten händeringend auf ein wirksames und verträgliches Medikament. Doch wie sollen die pharmaforschenden Unternehmen Medikamente gegen eine Krankheit entwickeln, die bislang niemand wirklich versteht?

Raus aus der Sackgasse

Die meisten Alzheimer-Forscher versuchen, Wirkstoffe gegen so genannte Plaques im Gehirn von Alzheimer-Patienten zu entwickeln - verklebte Eiweißklumpen zwischen den Hirnzellen. Doch bislang sind fast alle Ansätze bei Studien an Patienten gescheitert. Bis heute gibt es keinen Beweis dafür, dass die Plaques mit dem typischen Nachlassen der Gedächtnisleistung in direkter Verbindung stehen.

Sollten die Plaques nicht die Auslöser der Krankheit sein, sondern lediglich die Spätfolgen? Haben Wirkstoffe mehr Chancen, die nicht die Eiweißklumpen zwischen den Hirnzellen ins Visier nehmen, sondern an einer anderen Stelle der biochemischen Kettenreaktion der Alzheimer-Erkrankung eingreifen?

Ein Wettrennen um Ehre und Ruhm

Auge in Auge: Prof. Hans-Ulrich Demuth und Prof. Claude Wischik (Foto: SWR, SWR -)
Auge in Auge: Prof. Hans-Ulrich Demuth und Prof. Claude Wischik SWR -

In Deutschland haben sich mit Prof. Hans-Ulrich Demuth und in Schottland mit Prof. Claude Wischik zwei Pioniere vom Mainstream abgewandt, bis dahin unbekannte Ansätze erforscht und völlig neuartige Wirkstoffe gegen Alzheimer entwickelt. Beide gründeten dazu eigene Firmen, warben Investorengelder ein und testen ihre Wirkstoffe zurzeit an Patienten.

Für die beiden Firmeninhaber ist es ein Wettlauf gegen die Zeit. Demuth und Wischik kämpfen - jeder auf seine Art - um das Wohl von Millionen Patienten, um den eigenen wissenschaftlichen Ruf und die Chance auf Milliarden-Gewinne. Beide wollen in wenigen Jahren ihr Medikament gegen Alzheimer auf den Markt bringen. Doch sind ihre optimistischen Prognosen realistisch? Sind die Berichte über den Erfolg ihrer Wirkstoffe tatsächlich ein Segen für die Menschheit oder eher ein Versprechen für ihre Investoren?

Außenseiter auf der Überholspur

Der Psychiater Prof. Claude Wischik von der Universität Aberdeen in Schottland entwickelte aus einem handelsüblichen Farbstoff - Methylenblau - einen Wirkstoff gegen eines der zwei typischen Alzheimer-Symptome: schädliche Eiweißverklumpungen in den Nervenzellen, die so genannten Tau-Fibrillen. Die Firma TauRX ist eine Ausgründung der Universität Aberdeen mit Sitz in Singapur. Finanziert durch 450 Millionen US Dollar Investorengelder ist die Markteinführung des Medikaments 2017 geplant.

Einen ganz anderen Weg verfolgt der Biochemiker Prof. Hans-Ulrich Demuth vom Fraunhofer Institut für Zelltherapie und Immunologie in Halle. Als Quereinsteiger entwickelte er am Computer einen Wirkstoff gegen ein giftiges Vorläufermolekül der krankmachenden Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn von Alzheimer-Patienten, das so genannte Pyruglutamat-Peptid. Seine Firma Probiodrug investierte bislang 100 Millionen Euro. Eines von mehreren Medikamenten soll 2020 auf den Markt kommen.

Gesucht: Medikamente gegen Alzheimer - nicht gegen "Mausheimer"

Prof. Thomas Arendt, Leiter des Paul-Flechsig-Instituts für Hirnforschung der Universität Leipzig, verfolgt die schwierige Suche nach Alzheimer-Medikamenten seit 35 Jahren und ist froh, dass er als Grundlagenforscher die Alzheimer-Erkrankung ohne kommerziellen Erfolgsdruck erforschen kann. Für odysso ordnet er die Aussagekraft der Studien der beiden Pharmaforscher ein und vermittelt, welche Hoffnungen sich Patienten und ihre Angehörigen tatsächlich machen können.

Der Psychiater und Hirnforscher hält beide Studien wissenschaftlich für interessant. Frühzeitige Hoffnungen möchte er den Patienten jedoch noch nicht machen. Aus seiner Erfahrung dauert es meist viele Jahre, bis Patienten tatsächlich von wissenschaftlichen Durchbrüchen profitieren. Was Patienten brauchen, sind wirksame, verträgliche und bezahlbare Medikamente, die gegen Alzheimer wirken. Viele Wirkstoffkandidaten zeigten im Labor an Mäusen Erfolge - sind also gute Medikamente gegen "Mausheimer", doch floppten später bei Studien an Alzheimer-Patienten.

Thomas Arendt ist daher vorsichtig und glaubt, dass es noch 20 bis 30 Jahre dauern könnte, bis geeignete Medikamente das Leiden der Alzheimer-Patienten lindern können. Er wagt jedoch keine Prognose, ob Alzheimer jemals wirklich heilbar sein wird. Für umso wichtiger hält er die Früherkennung der Krankheit und gute Pflegekonzepte.

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