Alzheimer mit 42

Der verzweifelte Kampf

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Thomas Liesen

Yvonne Herbers Erkrankung schreitet rasend schnell voran. Doch dann keimt Hoffnung auf: Ein neues Medikament sorgt in der Fachwelt für Aufsehen. Und auch Yvonne könnte davon profitieren, hofft ihr Arzt.

Die Suche nach einer Tagesklinik

Im Verlauf des Sommers 2011 verschlechtert sich Yvonnes Zustand rapide. Bei einer erneuten Prüfung ihrer Gedächtnisleistung an der Uniklinik wird das besonders deutlich. Sie kann sich kaum noch ein Wort merken. Neben der Sorge um seine Frau belastet Hans auch die Aussicht, dass sein Sohn betroffen sein könnte. Er entschließt sich, Marc das Ergebnis des Gentests und die möglichen Folgen mitzuteilen. Der 12jährige reagiert gefasst, zumindest äußerlich.

Yvonne ist mittlerweile in Frührente, verbringt ihre Tage zuhause. Sie spürt dort ihr Scheitern an vielen, ganz alltäglichen Dingen. Hans versucht beharrlich sie immer wieder aufzurichten. Im Spätsommer 2011 muss er sich eingestehen: Die Situation überfordert ihn. Er sucht und findet eine Tagesklinik, in der Yvonne acht Stunden täglich betreut werden kann. Er ist erleichtert und beklemmt zugleich. Seine Frau ist jetzt im "Heim". Es ist wie ein erster, bitterer Abschied.

Ein neues Medikament

David Prvulovic erfährt von aufregenden, noch unveröffentlichten Studienergebnissen. Der Tenor: Alzheimer lässt sich aufhalten. Amerikanische Wissenschaftler hatten Patienten drei Jahre lang sogenannte Intravenöse Immunglobuline (IVIG) verabreicht. Dabei handelt es sich um eine Antikörper-Mischung, gewonnen aus menschlichem Spenderblut, die nach Ansicht der Forscher das Amyloid im Gehirn der Patienten erfolgreich neutralisieren konnte und damit den Verlauf stoppen.
Ärzte setzen IVIG bisher gegen Autoimmunkrankheiten ein, bei Alzheimer sind diese Immunglobuline noch nicht zugelassen. Prvulovic schlägt den Herbers dennoch einen Versuch mit dem Mittel vor, ein sogenannter Off-Label-Use. Yvonne und Hans überlegen nicht lange. Es ist ihr letzter Strohhalm.
Im März 2012 beginnt die Behandlung. Als Yvonne die erste IVIG-Injektion erhält, sagt sie: "Ich habe große Hoffnungen." Ein halbes Jahr lang soll sie regelmäßig weitere Injektionen erhalten. Doch über das, was dann geschieht, wird Hans Herber später sagen: "Gut, dass ich nicht vorher wusste, was auf mich zukommt."

Der Verfall schreitet trotz Behandlung fort

Im Mai 2012 wird Yvonnes psychische Verfassung zunehmend labil. Abends und am Wochenende, wenn sie Zeit zuhause und nicht in der Tagesklinik verbringt, pendelt ihre Stimmung zwischen Aggression und Verzweiflung. An einem Samstag nimmt sie schließlich eine Haarnadel und bohrt die Enden in eine Steckdose. "Richtig mit Wut", schildert es ihr Mann. Gerade noch rechtzeitig zerrte er sie weg. Yvonne wird vorübergehend in die geschlossene psychiatrische Abteilung der Universitätsklinik eingewiesen. Sie bekommt weiterhin IVIG-Injektionen, auch Psychopharmaka, die sie beruhigen sollen. Von Prvulovic hört Hans: "Sie müssen sich damit anfreunden, dass Sie die Ehefrau und Mutter, wie Sie sie bisher kannten, nicht zurück bekommen werden."

Abbruch der Therapie

Im September wechselt Yvonne von der Tagesklinik in ein Demenzheim. Doch nach wenigen Wochen ist auch dort Schluss. Sie ist inkontinent geworden, die Heimleitung erklärt sich für überfordert. Von einen Tag auf den anderen muss Hans eine Betreuung zuhause organisieren. Auch David Prvulovic ist sichtlich schockiert von der Geschwindigkeit des Verfalls. Er bricht die Therapie ab. "Die Wissenschaft ist am Ende", sagt er. Hans nimmt sich Urlaub, wäscht Yvonne, füttert sie. Eine Agentur vermittelt ihm eine Pflegekraft, Alina, eine junge Rumänin. Ein Glücksfall, wie sich herausstellt. Denn Yvonne muss jetzt rund um die Uhr betreut werden. Sie kann das Bett kaum noch verlassen. Sie kann nicht mehr sprechen, sie verschwindet vollständig in eine Welt, zu der sonst niemand mehr Zutritt hat. Ende 2012 glaubt Hans, dass Yvonne nicht mehr lange zu leben hat. Doch im letzten Augenblick wird sie noch mal ihre letzten Kräfte mobilisieren.

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Thomas Liesen