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Kunst in der Kreiselmitte gehört zum deutschen Kreisverkehr. Ob schön oder schön doof, mag jeder selbst entscheiden. Doch seitdem klar ist, dass die Dinger Killerpotential haben, hört der kreative Kreiselspaß aber so was von auf.

Wissenschaft adelt Kreisverkehr

Er verkörpert die Magie der eleganten, ungebremsten Fortbewegung: Der Kreisverkehr. 1907 erstmals in Europa um den Arc de Triomphe angelegt, findet der "rond-point" seinen Weg aus dem sinnenfroh kreiselnden Frankreich auch über den Rhein. Allerdings kann sich der Kreisel hierzulande nicht zu recht durchsetzen: Die technisch aufwändige und scheinbar ordentlichere Ampelkreuzung bleibt viele Jahrzehnte lang das deutsche Maß der Dinge.
Erst in den 90er Jahren erlebt der Kreisverkehr - auch "Kreisverkehrsplatz" oder "KVP" genannt - in Deutschland seine wohlverdiente Renaissance: Nicht zuletzt, weil die Verkehrswissenschaft beweist, dass es auf Kreuzungen bis zu 32 "Konfliktpunkte" zwischen allen möglichen Verkehrsteilnehmern beim Links- und Rechtsabbiegen gibt. Im Kreisverkehr dagegen nur acht Konfliktpunkte, bei denen sich Fahrer in die Quere kommen können. Dazu sind KVPs meist kostengünstiger und ökologischer als die Ampelkreuzung, die zum Halten zwingt, auch wenn sonst niemand da ist.

Todesfalle Kreiselmonument?

Seither kreiseln die Deutschen auf immer mehr Kreisverkehrsplätzen, die außerorts idealtypisch als "linsenförmige Inseln" zu gestalten sind. Der Mobilist sollte da nicht drüber schauen können, damit er - so Kreiselpsychologen - den Gegenverkehr nicht sieht und daher verlangsamt. Dies wiederum lässt das Errichten von Dingen auf dem KVP sinnvoll erscheinen. Dinge, über die man nun wirklich nicht hinweg schauen kann. Dinge, die auch die unheimliche, ungenutzte Leerstelle im Zentrum des Kreisels füllen sollen.
Und so feiert die Kunst im öffentlichen Raum auf den KVPs Triumphorgien: Errichtet werden Monumente zum Ausweis regionaler Kernkompetenz, unternehmerischer Potenz oder avantgardistischen Furors auf dem Lande. Es fällt inzwischen schon auf, wenn auf sich einem Kreisel mal keine Kunst breit macht. Was soll das? Keine Idee gehabt, kein Geld, keine Ambitionen?
Doch während ganz Autoland noch im kreativen Kreiselflow schwelgt, wird klar: Die Inseln der kreativen Seligkeit bergen tödliche Gefahren: Kreiselkunst kills! Vor allem, wenn man nicht die Kurve kriegt: Belegt sind etliche schwere, auch tödliche Unfälle, bei denen Autos in die massiven Kunstobjekte rasten.

Kreiselprüfung: Muss das weg?

Eine Europarichtlinie im Rahmen des ambitionierten Konzepts "Vision Zero" (also Fernziel: Null Tote im Straßenverkehr) mahnt an, unter anderem Kreisverkehre auf ihre Verkehrssicherheit hin zu überprüfen. Vor allem Baden-Württemberg - DAS Kreiselland der Republik - handelt: 2011 Kreiselerlass des Verkehrsministeriums. Es folgte die Prüfung bestehender und geplanter KVPs auf "Hindernisse, die bei einem Anprall durch ein Kraftfahrzeug zu schwerwiegenden Unfallfolgen führen können".
Es folgt die Einordnung von mehr als 600 Kreisverkehren im Land in verschiedene Risikostufen. Jene Gemeinden, Kreise oder Regierungsbezirke, in deren Verantwortung vor allem KVPs mit "hohem Risiko" fallen, müssen sich nun etwas einfallen lassen. "Leichter Bewuchs" ist nun das fantasielose Ideal der bürokratischen Kreiselstürmer. Das bedeutet in etlichen Fällen: Erstatzloses Abräumen besonders teuflischer Vertreter der als Keiselkunst getarnten Mordmonumente.

Kreiselkunst-Fans stehen auf

Nun regt sich aber Protest im Lande: Die Dinger auf den Linseninseln haben ja tatsächlich Freunde und Fans, sind Kult oder einfach teuer gewesen. Es folgen Kommunal-Dramen um Sein oder nicht Sein der Kreiselkunst: Proteste und Demonstrationen von Bürgern, die ein Herz und Bestandsgarantie für die identitätsstiftenden Kreiselwerke vor den Toren ihrer Gemeinde fordern.
Die Regierung bringt 2013 als "ergänzende Hinweise" des Kreiselerlasses ein Bündel Alternativmaßnahmen unters Volk: Anböschung, Anpralldämpfer, zusätzliche Beschilderungen und Markierungen, Tempolimit, Beleuchtung, Rüttelstreifen, Sollbruchstellen am Kunstobjekt - all das könnte dazu führen, dass das Ding in der Kreiselmitte eventuell bleiben darf. So wird seitdem munter angeböscht, markiert, beleuchtet, markiert und gerüttelt, und so manch seltsam Ding darf nun, leicht modifiziert, tatsächlich bleiben. Der Stahlnagel auf dem Löchgauer Kreisel z.B, wurde für 10.000 Euro durch ein Plastikimitat ersetzt. Das Risikopotential wurde so entscheidend gesenkt, den polymeren Nagel kann man mit seinem Boliden ja blessurlos weghauen.

Und was hat’s gebracht?

Jahre später sollten all die kostspieligen Prüfungen, Ab- und Umbauten doch Erfolge zeitigen. Ist die Bestie Kreiselkunst gebändigt? Gibt es weniger Unfälle in den einst so hoffnungsvoll besungenen KVPs? Ein Blick die Statistik des Innenministeriums Baden-Württemberg zur Unfallentwicklung an Kreisverkehren: 2012 gab es noch 2.564 Unfälle. Im folgenden Jahr dann 2.543 Unfälle, und 2014 wieder 2.637 Unfälle. 2015 steht noch aus, doch ein eindeutiger Trend nach unten (wir erinnern uns: "Vision Zero"!) ist bislang nicht zu erkennen. Vor allem fehlt die entscheidende Zahl: Wie viele Automobilisten tatsächlich an den Kreiselkunstwerken scheitern, wird statistisch leider nicht erfasst. Also am Ende vielleicht doch viel Gekreisel um nichts?

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