Depressionsforschung

Was ist Depression wirklich?

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Wenn das Gehirn Trübsal bläst soll das am Serotoninmangel liegen. Doch das ist eine unbewiesene Hypothese. Auf der Suche nach den wahren Ursachen verfolgen Forscher derzeit verschiedene heiße Spuren.

Die Entzündungs-Hypothese

Stefan Gold ist Professor für Neuropsychiatrie an der Charité Berlin. Bei Patienten mit der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose macht er eine entscheidende Beobachtung. Nämlich, dass sehr viele dieser MS-Patienten eine Depression entwickeln. Die Frage, warum ausgerechnet diese Patienten so stark von Depression betroffen sind, führt ihn schließlich auf Entzündungsprozesse im Gehirn. Er stellt fest, dass bei MS-Patienten gewisse Gehirnregionen durch Entzündungen stark geschädigt sind, insbesondere im Hippocampus, einer Region, die für die Regulierung der Emotionen eine große Rolle spielt.

Stefan Gold geht nun davon aus, dass auch Entzündungen im ganzen Körper zur Auslösung einer Depression führen können: "Entzündungsprozesse, auch wenn sie außerhalb des Gehirns starten, führen dazu, dass im Gehirn selber bestimmte Signal-Moleküle freigesetzt werden, die die Entzündungen mit ins Gehirn tragen. Bei den Multiple-Sklerose-Patienten ist das ein anderes Szenario, weil die Entzündung selbst im Gehirn stattfindet, die Konsequenz ist aber dieselbe. In beiden Prozessen, ob im peripheren oder zentralen Nervensystem führen diese Entzündungsmoleküle im Gehirn dazu, dass die Verschaltung zwischen den Nervenzellen geschädigt, gestört und abgebaut werden. Und das in Hirnregionen, die wir sehr dringend brauchen für die Regulation unserer Emotionen. Diese Schädigungen können dann zu depressiven Symptomen wie traurige Stimmung, Rückzug, Verlust von Interesse an Dingen, die sonst Spaß gemacht haben, führen."

Warum ein verändertes Verhalten Sinn macht

Auch bei einer Grippe, die ebenfalls mit einer Entzündung einhergeht, ändert sich das Verhalten. Die Stimmung kippt, der Erkrankte zieht sich zurück, ist abgeschlafft und müde und hat keine Lust mehr am Leben teilzunehmen. Diese depressionsähnlichen Verhaltensweisen machen durchaus Sinn und haben sich im Laufe der Evolution nicht ohne Grund so entwickelt. Bei unseren Vorfahren haben sie eine wesentliche, schützende Rolle gespielt. Durch den Rückzug des Kranken wurden andere Mitmenschen vor der Infektion geschützt. Und der Kranke selbst konnte seine Ressourcen darauf konzentrieren, seine Infektion zu bekämpfen.

Konsequenzen für die Therapie

Dr. Julian Hellmann-Regen erforscht, was sich bei einer Depression auf der molekularen Ebene im Gehirn abspielt. Der Arzt und Neurowissenschaftler an der Charité Berlin sucht nach Markern mit denen sich jene Depressiv-Kranken herausfinden lassen, bei denen Entzündungen eine Rolle spielen. Ihnen könnte eine antientzündliche Therapie helfen. Das wird jetzt in einer klinischen Studie untersucht. Und zwar mit Patienten, die eine schwere Depression haben und bei denen bislang keine andere Therapie geholfen hat. Sie erhalten das Antibiotikum Minocyclin. Das antientzündliche Medikament bewährt sich bereits in der Akne-Therapie. Unter Federführung der Charité soll nun deutschlandweit an insgesamt 160 Patienten untersucht werden, wie sich das Antibiotikum auf die depressiven Symptome auswirkt.

Für diese Studie sucht die Charité noch Teilnehmer. Weitere Informationen, sowie Kontaktdaten und Teilnahmebedingen sind hier zu finden:
http://psychiatrie.charite.de/forschung/neurobiologisches_labor/klinische_studien/

Entzündungen als Risikofaktor für Depression

Die neuen Forschungen zeigen, dass Entzündungen für das Depressionsgeschehen eine beachtliche Rolle spielen. Sind Infektionen generell ein Risikofaktor für Depressionen? Prof. Stefan Gold verweist auf epidemiologische Daten, die den Zusammenhang zwischen schweren Infektionen und dem Auftreten einer Depression darlegen. Prof. Stefan Gold: "Die epidemiologischen Daten legen nahe, dass häufigere Infektionen auf alle Fälle zusammenwirken und das Risiko einer Depression insgesamt erhöhen. Die entscheidende Beobachtung ist natürlich, dass es statistische Zusammenhänge sind. Das heißt nicht jeder Patient mit einer Infektion oder vielen Infektionen, entwickelt auch eine Depression. Die spannende Frage ist ja, worin unterscheiden sich die Patienten, die eine Depression entwickeln, von denen die gerüstet sind vor den biologischen Folgen einer Depression. Hier kommen bestimmte Schutzfaktoren, sowohl psychologischer, wie biologischer Natur ins Spiel, die bei einem Patienten die Depression möglicherweise verhindern, trotz Infektion oder Autoimmunerkrankung, die bei anderen nicht vorhanden ist."
Entzündungen sind also ein Faktor für die Depression. Aber nicht der einzige.

Die Rolle der Vererbung

Aus der Zwillingsforschung ist bekannt, dass der erbliche Anteil zur Entstehung einer Depression bei 30 bis 40 Prozent liegt. Einzelne Gene hat man bislang aber nicht ausfindig machen können. Dr. Andreas Menke an der Universitätsklinik Würzburg untersucht verschiedene Gen-Varianten, die dazu beitragen, dass sich eine Depression entwickelt. Das eine Depressions-Gen gibt es allerdings nicht. Sondern verschiedene Gen-Varianten, die zusammengenommen das Depressions-Risiko bestimmen: "Wenn Sie wenige von diesen Varianten haben, brauchen Sie automatisch mehr äußere Belastungsfaktoren, um eine Depression zu bekommen. Wenn Sie viele von diesen Genvarianten haben, dann brauchen Sie relativ wenig äußere Belastungsfaktoren und manche Patienten bekommen ja auch ganz ohne Belastungsfaktoren eine Depression."

Mit einem Gentest lassen sich die Gene, die für die Entstehung einer Depression eine Rolle spielen, nicht ausfindig machen. Allerdings geben Stoffwechselprodukte im Blut Rückschlüsse auf das Erbgut. Andreas Menke untersucht einen bestimmten Rezeptor für die Stressempfindlichkeit. Ist die Funktion des Glukokortikoid-Rezeptors eingeschränkt, kommt es zur übermäßigen Ausschüttung von Stresshormonen im Blut - und einem Gefühl von Überlastung und Überforderung. Andreas Menke geht davon aus, dass bei einer depressiven Episode das Stress-Hormon-System gestört sein kann und das körpereigene Cortisol im Blut nicht mehr sinkt. Um diese Patienten zu identifizieren entwickeln die Forscher nun einen Bluttest. Damit lässt sich dann die Therapie besser auf den Patienten abstimmen.

Depression und Epigenetik

Die eine Ursache für Depression gibt es nicht. Das zeigen die neuesten Erkenntnisse der Depressionsforschung. Auch äußere, psychosoziale Faktoren und Traumata spielen eine Rolle. Forschungen in der Epigenetik zeigen, dass äußere Geschehnisse sogar Einfluss auf die genetische Ausstattung haben. Traumatische Erlebnisse zum Beispiel verändern zwar nicht die DNA, aber sie beeinflussen die Vorgänge um die DNA herum, was das Ablesen der Gene bestimmt. Das bedeutet, dass Umweltfaktoren die Gene so verändern können, dass andere Genprodukte entstehen. Durch äußere Faktoren ändert sich also das Depressions-Risiko auf genetischer Ebene. Das bedeutet auch, dass zum Beispiel Traumata das genetisch bedingte Risiko für Depression erhöhen können, andererseits läßt sich dieses Risiko durch Sport oder Psychotherapie auch senken.

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