Neurodermitis

Haut als Spiegel der Seele?

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AUTOR/IN
Sigrid Lauff

Eine große Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen mit Hautkrankheiten oft psychische Probleme haben. Doch das einfache Bild vom "Spiegel der Seele" wird hautkranken Patienten nicht gerecht.

Europaweite Studie zu Haut und Psyche

Wie eng Hautkrankheiten mit der Psyche zusammenhängen, erforscht Uwe Gieler. Er leitet die Abteilung für Psychodermatologie an der Uniklinik in Gießen. Für eine europaweite Studie befragte er mit Kollegen 3.600 Haut-Patienten, die klinisch behandelt wurden. Untersucht wurden Stimmungen, Stressempfinden und schwierige Lebenslagen. "Insgesamt haben wir bei 29 Prozent aller Hautpatienten feststellen müssen, dass sie entweder eine Depression, eine Angststörung oder Suizidgedanken haben", so Gieler.

Das sind schwerwiegende, psychiatrische Diagnosen für ein Drittel der Befragten. Kann es wirklich sein, dass so viele Hautpatienten psychisch krank sind? Und vor allem: Was kommt zuerst? Die angeschlagene Psyche oder die Haut-Krankheit, die die Psyche beeinflusst? Fakt ist: Durch die Ergebnisse der psychologischen Haut-Studie fühlen sich Betroffene stigmatisiert. So wie Stefan W. aus Brühl. Der 35jährige Versicherungskaufmann schlägt sich schon seit seiner Kindheit mit Neurodermitis herum: "Der Gang zum Psychologen wäre für mich kein Problem. Ich bin aber überzeugt, dass ich keine psychologischen Probleme habe. Das merkt man doch. und deswegen ist es eine ziemliche Vorverurteilung zu sagen: Bei Dir stimmt was nicht. Das ist ein viel zu pauschales Urteil. Das wird der Erkrankung Neurodermitis, die verschiedene Einflussfaktoren hat, einfach nicht gerecht."

Depressiver Haut-Patient?

Genauso sieht es der Hautexperte Johannes Ring. Er hat Tausende Patienten behandelt und zahlreiche Untersuchungen zu Neurodermitis gemacht. Er ist davon überzeugt, dass Hautpatienten nicht psychiatrisch krank sind: "Die Seele beeinflusst die Haut, aber Hautkrankheiten sind keine primär seelische Erkrankung. In meinen Augen tut man den Patienten keinen Gefallen, wenn man sagt: Du bist eigentlich depressiv und dann hast Du noch ein bisschen was an der Haut. Es ist umgekehrt. Der Patient hat eine Hautkrankheit, und wenn sie nicht gut behandelt wird, dann kann er schon depressiv werden. Aber das geht dann wieder vorbei, wenn es ihm wieder besser geht."

Die psychologische Haut-Studie sieht Ring außerdem kritisch: Die Befragten waren Klinikpatienten. Demnach ging es ihnen wohl wirklich schlecht. Kein Wunder also, dass sie depressiv wirkten. Zudem hält er die Herangehensweise der Psychologen für einseitig: "Da wurden Fragebogeninstrumente zur Erfassung von Zeichen von Depression von Angst und ähnlichen Diagnosen eingesetzt. Das sind ja alles standardisierte Verfahren, die jetzt zum Beispiel keine Stresshormone messen". Andere Studien zeigen nämlich, dass Neurodermitiker schneller Stresshormone ausschütten. Das erklärt die Auswirkungen der Psyche, weil durch Stress und Angst Botenstoffe wie Histamin freigesetzt werden. Dadurch wird das lästige Jucken an betroffenen Hautstellen ausgelöst. Vor diesem Hintergrund ist für Johannes Ring die rein psychiatrische Beurteilung der Pateinten viel zu einseitig: "Ich versuche, den ganzen Menschen zu sehen. Für jeden einzelnen Patienten gibt es individuelle Auslöser. Bei Vielen ist es auch eine seelische Reaktion und die muss ich ernst nehmen. Dennoch ist die Hautkrankheit keine seelische Erkrankung. Die Patienten haben eine Achillesferse an der Haut und kriegen dort ihre Probleme, wenn sie psychisch überfordert sind. Andere kriegen dann ihr Rheuma, der Dritte kriegt Magengeschwüre."

Die Seele muss beachtet werden

Doch so berät nicht jeder Arzt seine Patienten. Wie sehr Seele und Haut zusammenhängen, ist den meisten Medizinern gar nicht klar. Die Standard-Behandlung beim Hautarzt dauert 5 Minuten. Das weiß auch Stefan W.: "Ich bin zum Hautarzt gegangen und dann gab’s Kortisonsalben und vielleicht noch ein bisschen Bestrahlung. Vielmehr war da nicht. Irgendwann ist man an dem Punkt, wo man sieht: es wird eigentlich immer schlechter." Deshalb ist es wichtig, dass sich die Behandlung der Patienten verändert. Der Hautarzt sollte auch die Seele beachten. In dieser Hinsicht hat die psychologische Haut-Studie von Uwe Gieler Einiges bewirkt: "Die Studie hat es uns ermöglicht, dass wir Verhandlungen starten konnten, damit die Kommunikationsausbildung für die Hautärzte verbessert wird. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir durch die Studie auch erreichen konnten, dass mehr Gesprächsangebote von Hautärzten an Patienten gemacht werden."

In jedem Fall hängen Haut und Psyche eng zusammen. Das akzeptiert auch Stefan Wehr. In einer Schulung hat unter anderem gelernt, besser mit Stress umzugehen. Jetzt meditiert er jeden Tag und hat die Neurodermitis im Griff.

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Sigrid Lauff