Fäkalienalarm

Werden wir auf unseren Fäkalien sitzen bleiben?

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Weniger Gülle und Klärschlamm soll auf die Äcker - zum Wohle der Umwelt. Aber durch das neue Gesetz drohen Probleme mit der Entsorgung.

Fäkalientourismus auf der Autobahn

In der Kläranlage werden all unsere Fäkalien wieder aus dem Abwasser gefischt. Die finale Entsorgung dieser Hinterlassenschaften findet allerdings nicht in der Kläranlage statt, sondern an den verschiedensten Orten in ganz Deutschland. Die Betreiber von Kläranlagen haben die Aufgabe, den Klärschlamm zu entwässern und transportfertig zu machen. Allerdings besteht er dann, wenn er auf die großen LKW`s verladen und zu seiner endgültigen Verwertung in Verbrennungsanlagen transportiert wird, immer noch zu 75 Prozent aus Wasser. Da die Verbrennungskapazitäten für Klärschlamm in Kohlekraftwerken, Zementwerken oder Müllverbrennungsanlagen in der Region nicht selten begrenzt sind, müssen unsere Fäkalien oft über viele hundert Kilometer bis zu ihrem Bestimmungsort transportiert werden. Zum Beispiel wird aus Baden Württemberg Klärschlamm bis nach NRW oder bis weit in den Osten zur Verbrennung transportiert.

Endstation Acker

Aus Rheinland-Pfalz werden ebenfalls große Mengen menschlicher Fäkalien über die Autobahn in andere Bundesländer zur Verbrennung transportiert. Allerdings gibt es hier noch einen anderen Entsorgungsweg, nämlich die Verwendung der Fäkalien zur landwirtschaftlichen Düngung. 60 Prozent der Fäkalien in Rheinland-Pfalz gelangen so auf den Acker. Im Prinzip eine gute Sache, weil Fäkalien reich an Bodennährstoffen sind, die auf diesem Weg wieder in den natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden. Allerdings ist die Klärschlammdüngung in den letzten Jahren immer mehr in die Kritik geraten, weil der Klärschlamm nicht nur Nährstoffe, sondern auch Schadstoffe enthält. Es geht um Schwermetalle und eine immer größer werdende Anzahl an organischen Schadstoffen. Die Befürworter der Klärschlammausbringung verweisen darauf, dass der Klärschlamm bevor er zur Düngung verwendet werden darf, auf Schadstoffe untersucht wird und auch die Ausbringmengen- und Ausbringzeiten per Gesetz reglementiert sind. Dennoch warnen Bodenkundler vor einem Restrisiko.

Die Risiken der Klärschlammdüngung

In Deutschland konnten Wissenschaftler in mehreren Studien Schadstoffe aus der Klärschlammdüngung im Boden nachweisen. So auch in einer Untersuchung der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg: An unterschiedlichen Standorten hatte man Bodenproben auf Klärschlamm-gedüngten Äckern entnommen und mit Bodenproben ohne diese Form der Düngung verglichen. Zwar waren nirgends die Grenzwerte überschritten, aber man konnte zeigen, dass sich viele Schadstoffe im Boden anreichern, weil sie nicht abgebaut werden. Insbesondere warnen die Experten vor der Vielzahl der organischen Schadstoffe – die Rede ist von Tausenden – für die es keinerlei Grenzwerte gibt und über deren Auswirkungen auf die Böden man noch überhaupt nichts weiß. Dieses potentielle Risiko gelte es zu vermeiden.

Das „Aus“ der Klärschlammdüngung

2017 wurde eine neue bundesweite Düngemittelverordnung eingeführt, die das Ziel hat, unsere Böden und das Grundwasser vor Schadstoffen und einer Übersättigung mit Nährstoffen zu schützen. Viel Umweltschützer atmen auf, weil man die Ausbringzeiten und die maximalen Ausbringmengen für Klärschlamm reduziert hat. Im Oktober 2017 ging der Gesetzgeber noch einen Schritt weiter und führte zusätzlich noch eine neue Klärschlammverordnung ein, die Gemeinden über 50.000 Einwohnern das Düngen mir Klärschlamm in Zukunft ganz verbietet. Betroffen von diesem Verbot sind in ganz Deutschland 500 Kläranlagen und zwar alle großen, in denen 66% des deutschen Klärschlamms anfallen. „Ein Sieg für die Umwelt“ sagen die einen – „ein Wahnsinn“ sagen die anderen, denn wo soll jetzt der ganze Klärschlamm hin, der bislang auf den Äckern entsorgt wurde?

Wohin mit unseren Fäkalien?

Diese Frage stellen sich viele Kläranlagenbetreiber, von denen einige bereits jetzt befürchten, dass sie in Zukunft auf ihren Fäkalien sitzen bleiben werden. Denn außer der Verwendung in der Landwirtschaft gibt es im Prinzip nur die Möglichkeit alles zu verbrennen. Bereits jetzt sind die Verbrennungsmöglichkeiten in Verbrennungsanlagen in Deutschland aber relativ ausgelastet, was sich auch in den Preisen für die Verbrennung bemerkbar macht, die seit einigen Jahren stark steigen. Da außerdem immer wieder von der Politik gefordert wird, die Kohlekraftwerke aus Klimaschutzgründen ganz zu schließen, würde dies zu einer zusätzlichen Verknappung der Verbrennungskapazitäten führen. Das heißt die Menge des Klärschlamms, der verbrannt werden soll, wird in Zukunft stark ansteigen, während die Verbrennungsmöglichkeiten abnehmen werden.

Ein Engpass in der Entsorgung unserer Fäkalien ist deshalb sehr wahrscheinlich.

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