Regionale Ernährung

Kann regionale Ernährung funktionieren? (Teil 1)

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AUTOR/IN
Monika Kovacsics

Ist regionale Ernährung in unserer globalen Versorgungswelt nur eine schöne Utopie oder tatsächlich machbar? Und unter welchen Bedingungen?

Regionale Lebensmittel – kein zertifizierter Begriff

Die Gründe für regionale Produkte sind vielfältig: ein großer Prozentsatz von Lebensmitteln, auch Bio-Produkte, werden von weit her gekarrt und haben einen ungünstigen ökologischen Fußabdruck. Umweltbewusste Verbraucher bevorzugen deshalb kurze Wege. Andere wollen mit dem Kauf regionaler Produkte heimische Produzenten und lokale Märkte stärken. Und vielen geht es auch darum, einen direkten Bezug zu ihren Lebensmitteln zu haben, damit sie wissen, wo ihr Essen herkommt.

Aber was sind regionale Lebensmittel überhaupt? Dafür gibt es keine einheitliche Definition. Deshalb wird das Label „Regionale Produkte“ oft als Marketinggag benutzt. Kontrollen sind schwierig, ein Zertifikat gibt es nicht. Für den Verbraucher ist es also schwer zu erkennen, was hinter den Regionalprodukten im Supermarkt wirklich steckt.

Selbst für den Regionalexperten Christian Hiß ist eine Definition schwierig. Der Landwirt aus Freiburg hat die Arbeitsgemeinschaft Regionalwert gegründet. Diese Gemeinschaft unterstützt mit Einzahlungen von Bürgern solche landwirtschaftliche Betriebe, die mehr für die Region produzieren wollen. Seiner Ansicht nach fließen über 200 Kriterien in ein regionales Produkt ein. Das macht es schwer regionale Produkte zu definieren oder gar zu zertifizieren.

Hilfreich ist der Tipp, im Hofladen einzukaufen, wo Landwirte ihre Produkte aus eigenem Anbau direkt vermarkten. Aber kann regionale Ernährung überhaupt funktionieren?

Regionale Ernährung – wissenschaftlich betrachtet

Die Studie einer Nachwuchs-Wissenschaftlerin gibt Aufschluss. Sarah Joseph von der Hochschule für Logistik in Hamburg (KLU, Kühne Logistic University) wollte herausfinden, wie realistisch regionale Ernährung überhaupt ist. Ausgerechnet in Hamburg, dem Hauptumschlagsplatz von Lebensmitteln aus aller Welt, hat Sarah Joseph eine radikale Idee: Kann sich eine Millionenstadt wie Hamburg aus der Region ernähren? Diese Frage macht sie zum Thema ihrer Masterarbeit.

Als Definition wählt sie dafür den Umkreis von 100 Kilometern Radius um die Stadt Hamburg. Sie benutzt Datenmaterial vom Statistischen Bundesamt und aus der landwirtschaftlichen Fachliteratur. Zudem informiert sie sich direkt vor Ort auf Bio-Höfen im Umfeld von Hamburg. Ihre Fragestellung fasst sie sogar noch enger: Lässt sich ganz Hamburg mit Bio-Lebensmitteln aus der Region versorgen?

Bei einer Besiedelungsdichte von fast 300 Personen pro Quadratkilometer könnte das eng werden. Denn Bio-Anbau braucht mehr Land. Sarah Joseph rechnet mit einem Viertel mehr Fläche für den Bio-Anbau. Für ihre Berechnungen geht sie außerdem von insgesamt neun verschiedenen Ernährungsstilen aus. Mal mit mehr, mal mit weniger Fleisch, mal komplett vegetarisch, mal nach dem Speiseplan auf Grund der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Das Ergebnis

Die Studie zeigt unerwartete Möglichkeiten auf: „Das wichtigste Ergebnis ist, dass 80 Prozent der Bevölkerung innerhalb eines 100 Kilometer Umkreises mit Bio-Produktion versorgt werden könnten“, erläutert Sarah Joseph. Weitere Erkenntnis ihrer Studie ist die Bedeutung des Fleischkonsums. Je weniger Fleisch verzehrt wird, desto mehr regionale Ernährung ist möglich. „Wenn man zwei fleischfreie Tage einlegt, könnten sich 90 Prozent der Bevölkerung aus dem Umland versorgen. Bei drei bis vier fleischfreien Tagen – so wie es die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt – könnten es sogar 100 Prozent sein.“

Sarah Joseph betont, dass ihren Berechnungen Fakten und Daten zugrundeliegen, dass aber ihre Annahmen hypothetisch sind. Zum Beispiel die verschiedenen Ernährungsstile, mit denen die Wissenschaftlerin rechnet. Ein Speiseplan mit ausschließlich Bio-Lebensmitteln oder ein Ernährungsstil, der den Fleischkonsum begrenzt, hat mit den tatsächlichen Ernährungsgewohnheiten einer Bevölkerung wenig zu tun.

Dennoch lassen sich die Berechnungen der Studie mit den entsprechenden Zahlen auch auf andere Städte übertragen. Je nach Bevölkerungsdichte und den örtlichen Voraussetzungen wird es nicht überall zu 100 Prozent reichen, aber mehr Potential für Regionale Ernährung ist wohl überall drin.

Die Realität – Beispiel Freiburg

In der „Öko-Stadt“ Freiburg spielt Regionale Ernährung eine große Rolle. Die Kunden, die zum Beispiel auf dem Wochenmarkt beim Münsterplatz einkaufen legen Wert auf die Nähe zum produzierenden Landwirt, auf Nachhaltigkeit und kurze Wege. Die Nachfrage ist groß. Trotzdem liegt die regionale Versorgung der Freiburger gerade mal bei 20 Prozent.

Das liegt daran, dass die meisten umliegenden Landwirte eben nicht ausschließlich für den Regionalen Markt produzieren. Sondern auch für den bundesweiten Vertrieb und sogar für den Weltmarkt. Offensichtlich bestehen Schwierigkeiten und Hürden, wenn es darum geht den heimischen Markt zu beliefern.

Regionale Landwirtschaft in der Praxis

Friedbert Schill ist Landwirt bei Freiburg in vierter Generation. Der heimische Markt ist ihm wichtig. Er sieht es als seine Verantwortung, dass er auf seinen 60 Hektar solche Produkte erzeugt, die er für jene Menschen macht, die sich um ihn herum bewegen und die mit ihm leben. Deshalb verkauft er den Wein von seinen Reben direkt ab Hof. Aus seinem Getreide backt er Brot, das er in der eigenen Straußenwirtschaft anbietet. Aber der größte Teil seiner Produkte geht in den überregionalen Markt. Seine Bio-Karotten liefert er an einen Großhändler, der wiederum verkauft weit über die Region hinaus. Ähnlich geht es mit seinem Getreide. Ein Teil geht zwar in eine nahegelegene Mühle, wird aber von dort auch über die Region hinaus vermarktet. Auch seine Sojabohnen werden über einen Großhändler bundesweit vermarktet. Für Friedbert Schill rechnet sich eine komplette Regionalwirtschaft jedenfalls nicht: „Ich muss meine Wirtschaftsweise den Gegebenheiten in denen ich mich befinde und die ökonomischen Zwänge, von der Arbeitswirtschaft her muss es irgendwie passen.“

Wenn ein Betrieb wie Friedbert Schill mehr für den regionalen Markt produzieren wollte, müsste er mehr Sortenvielfalt anbauen und den Vertrieb ganz anders strukturieren. Dafür sind aufwendige und kostspielige Veränderungen nötig.

Was geht? Forderungen des Regionalexperten

Trotz aller Hürden und festgefahrenen Strukturen wäre in Freiburg eine höhere Quote an Regionalen Produkten möglich, schätzt Christian Hiß: „50 Prozent bei allem und 70 Prozent der hier wachsenden Frischprodukte wäre sicher kein Problem.“ Hiß fordert ein besseres Management bezüglich Vielfalt im Anbau. Die Bodenfruchtbarkeit muss in der Region bleiben und die genetische Ressource, das Saatgut der Region, muss erhalten bleiben. Er fordert auch eine bessere Ausbildung der Landwirte. Gerade in Bezug auf Vielfalt auf dem Acker. Leistungen wie zum Beispiel der Erhalt der Bodenfruchtbarkeit müssten in die Bilanzen der Buchhaltung eines landwirtschaftlichen Betriebes einfließen und honoriert werden.

Subventionsgelder müssten nicht nur in große Monokulturen fließen, sondern auch in kleinere Betriebe, die auf mehr Vielfalt setzen und auf den heimischen Markt umstellen.

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Monika Kovacsics