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Gestresst, gefrustet, einsam? - Für viele ein Anlass, sich in eine Psychotherapie zu begeben. Doch manchmal wäre ein Coach oder sogar eine Massage hilfreicher. Wann also ist was sinnvoll?

Vor rund 20 Jahren war der Gang zum Psychotherapeuten für viele Menschen ein Tabu. Das hat sich geändert. Mehr als jeder vierte Erwachsene in Deutschland erleidet innerhalb eines Jahres eine psychischen Erkrankung. Die Betroffenen erleben eine Krise in ihrem Leben mit Angstzuständen, Traurigkeit bis hin zur völligen Lähmung, aus der sie nicht alleine herausfinden. Mit ihren belastenden Problemen gehen heute immer mehr Menschen zum Psychotherapeuten oder zu einem Coach, um wieder in die Spur zu kommen.

Immer mehr Menschen gehen zum Psychotherapeuten oder zum Coach

Seelische Hoch und Tiefs kennt fast jeder. Die meisten Menschen kommen mit diesem Auf und Ab alleine zurecht: Sie tauschen sich mit ihrem Lebenspartner oder Freunden aus und finden so wieder zu einem inneren Gleichgewicht. Doch wenn eine psychische Krise über Wochen andauert, ist professionelle Hilfe ratsam - von einem Psychotherapeuten oder einem Coach. Gerade die Nachfrage nach Coaching hat stark zugenommen. Doch was ist wann sinnvoll?

Unterschiede zwischen Coaching und Psychotherapie

  • Coaching richtet sich an „gesunde“ Personen, im Gegensatz zur Psychotherapie. Wenn ein Problem einen psychischen Krankheitswert hat, gehört derjenige in die Hände einer Psychotherapeutin oder eines Arztes und nicht in die Hände eines Coaches. Ebenso, wenn der Leidensdruck eine längere intensive Betreuung erfordert. Ein Coach ohne therapeutischen Hintergrund darf Patienten mit psychischen Krankheiten nicht behandeln, sonst macht er sich strafbar.
  • Psychotherapie ist eine gesetzlich geschützte Profession. Beim Coaching wird mit gesunden Leuten gearbeitet, die auch in aller Regel arbeitsfähig sind.
  • Coaching ist gesetzlich nicht reglementiert. Eine spezifische Qualifikation ist nicht erforderlich, jeder kann sich Coach nennen. Deshalb ist es gar nicht so einfach, einen guten Coach zu finden.
  • Anders als bei der Psychotherapie zahlt der Klient ein Coaching immer aus eigener Tasche.
  • Coaching widmet sich vorwiegend den Problemen, die aus der Berufsrolle heraus entstehen, die ohne entsprechendes Fachwissen des Coaches nicht bearbeitet werden können. Coaching ist aber auch für private Probleme geeignet.
  • Coaches arbeiten meist viel mehr mit dem Hier und Jetzt, während es bei einer Psychotherapietherapie nicht immer, aber oft auch um die Vergangenheit geht.

Doch wann ist jemand "krank"?

Ärzte und Psychotherapeuten stellen normalerweise eine Diagnose nach der ICD-10 Krankheitsklassifikation der WHO (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems = ICD). In Kapitel V sind die psychischen anerkannten Erkrankungen aufgelistet. Nur wenn eine Diagnose nach ICD 10 vorliegt, wird die Psychotherapie von den gesetzlichen Krankenkassen auch bezahlt.

Zu diesen Krankheiten gehören zum Beispiel Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, Depressionen und psychosomatische Beschwerden, ebenso wie Drogensucht oder Angststörungen.

Ein Mann sitzt vor einem Psychiater der sich Notizen auf einem Klemmbrett macht (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Psychische Krankheiten erfordern professionelle Hilfe. Coaching ist im Grunde nur für gesunde Menschen zur persönlichen Weiterentwicklung gedacht. Thinkstock -

Verschiedene Formen von Psychotherapie

Eine Psychotherapie ist auf jeden Fall angebracht, wenn eine normale Lebensführung nicht mehr möglich ist. Welche Therapieform genau angezeigt ist, hängt vom Einzelfall ab. Mal hilft eher eine Verhaltenstherapie, mal eine tiefenpsychologisch fundierte oder eine analytische Psychotherapie. Diese Therapien sind auch erstattungsfähig. Wissenschaftlich anerkannt sind auch die Gesprächstherapie oder die Systemische Psychotherapie. Von den gesetzlichen Kassen werden diese Therapieformen allerdings nicht übernommen, von privaten Krankenversicherungen oft aber schon.

Wann gilt eine Psychotherapie als erfolgreich?

„Wenn die Beeinträchtigung unter einer psychischen Erkrankung so reduziert werden konnte, dass die Menschen wieder ihr normales Leben führen können, dann würden wir eine Behandlung als erfolgreich ansehen. Die Dauer bis dahin kann sehr unterschiedlich sein: es gibt Probleme, die man in 5 bis 6 Sitzungen in Griff bekommt. Die normale Behandlungsdauer ist bei uns 25 bis 40 Sitzungen.“, sagt Prof. Winfried Rief, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Philipps-Universität Marburg.

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