Psychotherapie

Wie wirkt Psychotherapie?

STAND
AUTOR/IN
Cora Richter

Welchem Patienten hilft was am besten und am schnellsten? Das wollen Forscher vom MPI in München in der derzeit größte Psychotherapie-Studie weltweit herausfinden.

Weltweit größte Psychotherapie-Studie – die Vermessung der Seele

Doch wie wirkt Psychotherapie? Subjektiv empfinden Patienten im Idealfall eine Besserung. Aber was ist mit der biologischen Wirkung? Lassen sich auch objektiv Veränderungen im Körper der Patienten nachweisen? Und auf welchen Ebenen?

Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München (MPI) sind Prof. Dr. Dr. Martin Keck (Studienleiter) und Dr. Kopf-Beck seit August 2017 auf Spurensuche: wie Psychotherapie biologisch auf unseren gesamten Körper wirkt. Der Chefarzt und Direktor der Klinik am Max-Planck-Institut für Psychiatrie und der Psychologe wollen Veränderungen das heisst die Wirkung von Psychotherapieverfahren im Labor nachweisen.

Bisher hatte man nur die subjektive Einschätzung des Patienten sowie der Ärzte und Psychotherapeuten, die das Ergebnis der Psychotherapie – also Prä- und Postvergleich – beurteilen. Also wird bis jetzt die Wirksamkeit einer Behandlung mittels Fragebögen aufgrund der Symptomatik festgemacht und nach einer statistischen Berechnung in „Effektstärken“ angegeben. Es gibt bereits einige Psychotherapiestudien, aber die Fallzahlen sind meistens zu gering. Das Besondere an der MPI-Studie ist ihr Umfang. Denn es sollen 1.000 Patienten untersucht werden. Die Studie ist auf die nächsten acht Jahre angelegt und wird eine enorme Datenmenge liefern. Bisher wurden circa 50 depressive Patienten untersucht. Die Studienteilnehmer leiden an einer mittelschweren bis schweren Depression und sind zwischen 18 und 75 Jahre alt.

Rund vier Millionen Menschen leiden in Deutschland unter einer schweren behandlungsbedürftigen Depression. Depression ist eine Volkskrankheit, denn laut Studien ist jeder fünfte Deutsche betroffen. Die Studienteilnehmer erhalten unterschiedliche psychotherapeutische Verfahren zur Behandlung der Depression. Ein Drittel der stationären Patienten erhält per Zufall ausgewählt eine Schematherapie, ein weiteres Drittel wird mit kognitiver Verhaltenstherapie behandelt, das letzte Drittel bekommt eine individuell unterstützte Behandlung. Jeder Patient nimmt acht Wochen an 32 Psychotherapie-Sitzungen teil, die stichprobenartig im Nachhinein durch Videoaufnahmen analysiert werden. Gemäß den Leitlinien erhalten die depressiven Patienten zusätzlich zu der Psychotherapie auch Psychopharmaka.

Antidepressiva wirken schneller und Psychotherapie wirkt länger

Denn wenn die Depression ein mittleres oder schweres Ausmaß erreicht hat, ist die Kombination von Pharmakotherapie und Psychotherapie am sinnvollsten. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Die medikamentöse Therapie – die Pharmakotherapie – wirkt zunächst schneller. Das ist auch sehr wichtig, dass die Patienten schnell eine Besserung erfahren können, die sie auch in die Lage versetzt überhaupt bei einer Psychotherapie mitmachen zu können, die anstrengend ist. Die Psychotherapie wirkt im Vergleich zu Antidepressiva langsamer. Denn es werden hier neuronale Lernvorgänge angestoßen, das braucht seine Zeit. So werden neue Nervenzellverbindungen, neue Synapsen gebildet. Aber dafür hält sie länger und ist nachhaltiger. Die beiden Effekte lassen sich laut Prof. Martin Keck klar abgrenzen. Denn am MPI gibt es ein weltweit einzigartiges Labor, indem für die Patienten die bestmögliche, individuelle, medikamentöse Therapie anhand von Bestimmung der Plasmakonzentrationen definiert wird. So wird jeder Patient in jeder Untersuchungsgruppe für ihn individuell pharmakologisch perfekt behandelt.

Sodass der einzige Unterschied nachher darin liegen wird, welche Psychotherapie er bekommen hat. Und so können die MPI-Forscher die Wirkeffekte dann unterscheiden.

Psychotherapie wirkt in jeder Zelle unseres Körpers

Vor und nach den Psychotherapie-Sitzungen wird den Patienten regelmäßig Blut abgenommen. So lässt sich der Zusammenhang zwischen der psychischen Störung und der Symptomverbesserung (nach der Therapie) objektiv kontrollieren. Prof. Keck ist der Meinung, dass sie wie in allen anderen medizinischen Disziplinen auch objektive Messparameter – Laborparameter – brauchen. Die Münchner Wissenschaftler schauen auch, inwieweit sich die Therapie auswirkt auf die Aktivität der Patienten, dafür erheben sie u.a. die Schlafmuster. Aber im Blut werden auch der Stoffwechsel, Hormone, das Immunsystem und die Gene umfangreich erfasst. Denn Psychotherapie kann genauso wie Stress und Trauma sogar Gene an- und abschalten. Davon ist Prof. Martin Keck überzeugt. Zwar weiß Prof. Martin Keck und sein Team nur noch nicht genau welche, doch sie haben die Hypothese: es wird sich einiges im Stresshormonsystem abspielen. Psychotherapie wirkt in jeder Zelle unseres Körpers und macht dort Veränderungen. Durch die vielen Untersuchungen wird ein individuelles Profil der Patienten erstellt.

Psychotherapie ist Lernen

Psychotherapie ist nichts anderes als ein neues Lernen von Verhaltensweisen. Und im Fall der Depression ein neues Lernen der Stimmungsregulation, der Emotionsregulation.

Lernen bedeutet, dass das Gehirn unter anderem neue Nervenzellverbindungen – sogenannte Synapsen – ausbildet. Das ist die neuronale Plastizität, auf der Lernen beruht. Lernen hinterlässt Spuren im Gehirn, das wissen wir zum Beispiel aus der frühkindlichen Entwicklung. Ein Verhalten, das zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Erkrankungen wie einer Depression beiträgt, ist erlernt.

Im Laufe einer Psychotherapie wird es als krankmachend identifiziert. So erarbeitet der Patient gemeinsam mit seinem Therapeuten Alternativen – das Gehirn lernt neues Verhalten. Psychotherapie soll das „Wieder-Erlernen“ also die Normalisierung von Emotionsregulation bewirken. „Wir versuchen durch gezielte Prozesse Verhaltensweisen, die beim Patienten Leid verursachen, die er über die Jahre so gelernt hat, neuronale Netzwerke umzuprogrammieren oder zu überschreiben. Und ihm neue Verhaltensweisen, die weniger Leid verursachen, die ihm helfen in der Genesung, zu lernen und dann einzuüben und letztendlich im Alltag zu integrieren“, erläutert Dr. Johannes Kopf-Beck.

Psychotherapie bewirkt Veränderungen im Gehirn

Mittels Magnetresonanztomographie (MRT) erforschen die Münchner Wissenschaftler die Emotionsregulation ihrer depressiven Patienten. In der Studie werden sie dafür im MRT mit drastischen Bildern, die für ihre Leidensgeschichte eine Schlüsselrolle spielen, unter Anweisung eines Psychotherapeuten konfrontiert. Die Erinnerung erzeugt eine Stressreaktion im „Furchtzentrum“ des Gehirns, in der Amygdala. Nach erfolgreicher Therapie bewerten Depressive solche Negativbilder sichtbar positiver als vorher. Und auch die MRT-Messung einer Vorstudie bei einer Art „Rechentest“ zeigt ein deutliches Ergebnis. Rot zeigt hier die Rechen-Aktivität der Netzwerke im Gehirn, hellblau die Entspannung. Vor der Psychotherapiebehandlung können Patienten, die schwer depressiv sind eine höhere kognitive Leistung wie das Kopfrechnen gar nicht vollziehen, weil sie so gefangen sind in ihrem Netzwerk – mit Grübeln. Sieben Wochen später – nach einer erfolgreichen Behandlung – sieht man, wie die Rechenleistung wieder vollkommen da ist. Und gleichzeitig sieht man, wie die Patienten entspannen können. Mittels moderner, bildgebender Verfahren wie MRT können die Wissenschaftler dem Gehirn bei der Arbeit zu sehen. Und die Erfolge von Therapien sind im Gehirn daran ablesbar, dass die Gefühlszentrale, die Amygdala, nicht mehr so überempfindlich auf emotionale Reize reagiert. Die Hirnaktivität verringert sich in den Regionen, die für Angst und Furcht zuständig sind. Dieser Rückgang der Aktivität ist mit einem verbesserten psychischen Wohlbefinden verbunden.

Vision: Personalisierte Psychotherapie statt Standardtherapie

„Aktuell weiß man noch zu wenig darüber, welcher Patient von welcher Form der Psychotherapie wie und warum profitiert. Das möchten wir ändern“, erläutert der Studienleiter Prof. Martin Keck. Ziel der Studie ist die Klärung der Frage: welchem Patienten hilft was am besten und am schnellsten. Und nicht, dass eine Therapie besser ist als die andere. Laut Prof. Martin Keck leiden die Patienten leider oft extrem lange bis eine Therapie endlich greift. Etwa ein Drittel der Patienten bleibt beeinträchtigt, andere werden mit Rest-Symptomen entlassen und ein Drittel der Depressiven erlebt Rückfälle. Der Chefarzt des MPI für Psychiatrie in München erwartet durch seine große Psychotherapie-Studie, dass sie die Behandlung Schwerkranker deutlich verbessern können. Denn wenn zukünftig Psychotherapeuten im Vorfeld ihrer Behandlung objektive Anhaltspunkte für den Erfolg oder Misserfolg bestimmter Therapien haben, lässt sich viel Leidenszeit für die Betroffenen vermeiden bzw. diese verkürzen. Ziel ist eine effektivere Behandlung und dass die Therapie nachhaltig wirkt, zum Wohle des Patienten! Also eine individuelle Behandlung nach Maß.

Die neurobiologischen Erkenntnisse helfen auf dem Weg zu einer personalisierten Medizin

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass bis zum Jahr 2020 Depressionen und verwandte Störungen, die die Stimmung massiv aus dem Gleichgewicht bringen, weltweit zur zweithäufigsten Volkskrankheit werden, gleich nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

STAND
AUTOR/IN
Cora Richter