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Psychopharmaka werden auch bei Gorillas, Orang Utans und Schimpansen im Zoo eingesetzt. Zum Beispiel vor Operationen oder einem Transport. Aber auch zur Behandlung von Verhaltensstörungen. Das ist jedoch sehr umstritten.

Silberrücken Kibo Was uns der Fall Kibo über Psychopharmaka bei Menschenaffen im Zoo lehrt

In der Stuttgarter Wilhelma haben die Zoo-Experten beschlossen, einem Gorilla-Männchen Psychopharmaka zu verabreichen. Ziel der Medikation ist die Vergesellschaftung eines Gorilla-Jungtieres mit der Erwachsenengruppe.
Im Affenhaus der Stuttgarter Wilhelma ist der mächtige Silberrücken Kibo das Leittier der Gorillagruppe. Er bestimmt die Rangordnung. Doch wie verhält sich ein Silberrücken im Zoo, wenn ein unbekanntes Jungtier neu in seine Gruppe kommt?

2013 wagen die Zoo-Experten so eine Zusammenführung. Das Gorillamädchen Claudia aus der Waisenaufzuchtstation ist mit ihren drei Jahren reif genug für eine Gruppe mit Erwachsenen. Deshalb soll sie mit Kibos Gruppe vergesellschaftet werden. Die erste Begegnung von Kibo und Claudia findet in einem abgeschlossenen Raum statt. Sowohl der Silberrücken, als auch das Jungtier verhalten sich perfekt: Kibo zeigt sich neugierig, Claudia unterwürfig. Die Experten wagen den nächsten Schritt. Über eine vergitterte Tür zwischen den Gehegen haben Claudia und Kibo Tuchfühlung, können sich sehen, riechen, betasten. Jede Annäherung findet unter der Beobachtung der Verhaltensforscherin Iris Weiche statt. Die ersten Begegnungen stimmen hoffnungsvoll. Nun darf Claudia durch eine kleine Schiebetür zu Kibos Gruppe hinüberschlüpfen. Doch immer wenn Kibo Claudia sieht, wird er unruhig und aggressiv. Der Silberrücken greift das Jungtier sogar an und schleudert es herum. Zu gefährlich, befindet die Verhaltensforscherin. Immer wieder muss sie die Begegnungen abbrechen und dafür sorgen, dass das Jungtier in Sicherheit gebracht wird.

Die Zoo-Experten entscheiden schließlich, dass Kibo mit Psychopharmaka besänftigt werden soll. Man will damit eine gefahrlose Begegnung mit Claudia ermöglichen. Letztlich ist die Integration des Jungtieres in die Gruppe das Ziel. Das ist in anderen Zoos unter dem Einsatz von Psychopharmaka bereits gelungen.
Wissend um diese Erfahrungen greift der Zootierarzt Dr. Tobias Knauf-Witzens zu Beruhigungsmitteln und behandelt damit Kibo. Es sind Psychopharmaka, wie sie auch in der Humanmedizin eingesetzt werden. Über ein halbes Jahr zieht sich die Behandlung hin. Kibos Wesen verändert sich, er wird zwar ruhiger, doch seine Aggressionen gegenüber Claudia bleiben. Trotz Psychopharmaka akzeptiert er das Jungtier nicht.
Die Beteiligten - der Tierarzt, die Verhaltensforscherin, die Kuratorin für Primaten, die Tierpfleger und der Zoodirektor - beschließen die Vergesellschaftung abzubrechen. Der Versuch ist gescheitert. Das Jungtier Claudia wird schließlich in den Zoo nach Dublin verschickt, wo sie heute in der Gruppe eines freundlicheren Silberrückens lebt.

Auf die Indikation kommt es an

Bei einer Umfrage des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) gaben acht Zoos an, Psychopharmaka eingesetzt zu haben. Als Indikation bei Menschenaffen werden bei zwei Drittel der Fälle Narkose und Transport angegeben, bei einem Drittel sind es Verhaltensauffälligkeiten, bzw. Störungen wie Automutilation und Inappetenz, was so viel bedeutet wie Selbstverletzung und Nahrungsverweigerung.

Diese Umfrage ist eine der wenigen offiziellen Erhebungen, die es zu Psychopharmaka bei Zootieren gibt. Es ist aufgelistet in welchen Fällen Psychopharmaka bei Menschenaffen gegeben werden. Operationen, Narkose und Transport sind Indikationen, die zum Wohl des Tieres im Zoo nötig erscheinen. Anders verhält es sich mit Indikationen wie Inappetenz oder Automutilation. Also wenn Tiere die Nahrung verweigern, sich die Haare ausreissen oder sich selbst verletzten. Bei solchen Verhaltensstörungen ziehen viele Zoo-Experten einen Humantherapeuten zu Rate. Ob solche Störungen mit Psychopharmaka behoben werden sollen, steht allerdings zur Diskussion.

Was sagt die Verhaltensforschung?

Die Verhaltensforscherin Prof. Dr. Julia Ostner an der Universität Göttingen, angesiedelt am Deutschen Primatenzentrum Göttingen, erforscht das Verhalten von Primaten im Freiland. Sie weiß, je höher eine Affenart entwickelt ist, desto sensibler reagiert sie auf Gefangenschaft und artfremde Haltung. Die Gabe von Psychopharmaka in Zoos sieht sie eher kritisch. Wenn Menschenaffen die Nahrung verweigern oder sich selbst verletzen handelt es sich um Störungen, die so in der Natur nicht vorkommen, erklärt sie.

Auch die Gabe von Psychopharmaka zur Vergesellschaftung von Menschenaffen sieht Julia Ostner kritisch: "In dem Fall will man ja ein Verhalten manipulieren, etwas herbeiführen, was anscheinend in diese Gruppensituation nicht passt. Aber ich würde aus biologischer Sicht erstmal sagen, man sollte nicht am Verhalten drehen."
Deshalb sei es wichtiger, die Zoos so zu gestalten, dass man über Psychopharmaka gar nicht erst nachdenken muss. Dazu gehört viel Platz im Zoo, sowohl in den Innen- als auch in den Außengehegen, mit genügend Rückzugsmöglichkeiten von den eigenen Artgenossen und von den Besuchern.

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