Bessere Patientenversorgung Possenspiel um die Gesundheitskarte

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Gesundheitskarte und digitale Patientenakte könnten die Medizinversorgung vereinfachen und Leben retten. Doch Lobbyisten sehen Geschäftsmodelle bedroht und verzögern die Einführung.

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Vom Leuchtturmprojekt zum Rohrkrepierer

2001 musste der Pharmariese Bayer den Cholesterinsenker Lipobay vom Markt nehmen. Es war zu Todesfällen durch unerwünschte Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gekommen. Als Problem erwies sich die mangelnde Dokumentation der Medikamente, die die Betroffenen eingenommen hatten. Daraus entwickelte sich die Idee der elektronischen Gesundheitskarte: Die Krankengeschichte und alle medizinischen Maßnahmen sollten digital dokumentiert werden, um die Sicherheit zu erhöhen und Risiken zu vermeiden. Bundeskanzler Gerhard Schröder nannte das damals ein Leuchtturmprojekt. Aber tatsächlich war es bisher eher ein Rohrkrepierer.

Gesundheitskarte soll gefährliche Wechselwirkungen erkennen

Im Schnitt sieben Medikamente nimmt ein Deutscher pro Tag, wenn er 60 ist. Schon hier sind mögliche Wechselwirkungen kaum zu überblicken. 20.000 Tote im Jahr sind die Folge, sagen Experten. Viele müssten nicht sterben, wenn vorhandene Information besser genutzt würde. Das wusste auch schon Ulla Schmidt – vor 15 Jahren Gesundheitsministerin – und setzte sich für die Einführung der Gesundheitskarte ein.

Ein Schlüssel zur kompletten Patientenakte sollte die Karte werden. Mit phantastischen Möglichkeiten für Forschung und Kontrolle in der Medizin. Immer überall alle Informationen bereitstellen – das war die Vision." In zehn Jahren wird es uns als ganz selbstverständlich vorkommen, dass das in Benutzung ist. Aber das dauert halt seine Zeit", sagte Ulla Schmidt vor 15 Jahren.

Sie hat die Trägheit des Gesundheitssystems unterschätzt. Die Gesundheitskarte sollte den Zugang zu Laborwerten, zu gesammelten ärztlichen Informationen bieten, teure und belastende Doppeluntersuchungen vermeiden, den Medikationsplan enthalten – und automatische einen Check der Wechselwirkungen durchführen. Ob in der Apotheke, im Krankenhaus, beim Zahnarzt oder beim Hausarzt: Überall sollte es Zugriff auf alle medizinischen Informationen zum Patienten geben. Nur ein kleines Problem gibt es bei diesem Projekt: Passiert ist bisher praktisch nichts.

Hohe Anforderungen an die Datensicherheit

Dr. Tino Großmann arbeitet in Koblenz bei der CompuGroup Medical Deutschland GmbH. Das ist eine Firma, die digitale Lösungen für Kunden in der Gesundheitsbranche anbietet. Sie hat die "Telematik-Infrastruktur" entwickelt, die die Datensicherheit bei der Gesundheitskarte sicherstellen soll. Denn, so Großmann: "Gesundheitsdaten sind sehr intime Daten. Ein Patient, der sich beim Arzt befindet, möchte, dass hier absolute Vertraulichkeit herrscht. Das gilt auch für die Nachbearbeitung oder die Verwendung dieser Informationen." Informationen beispielsweise über eine psychische Erkrankung könnten sonst dazu führen, dass ein Arbeitgeber einen Patienten nicht einstelle oder dass beim Abschluss von Versicherungen Probleme entstünden, so Großmann.

Sicherheitssystem mit zwei Schlüsseln

Das Sicherheitssystem beruht auf zwei "Schlüsseln". Der Arzt hat eine Chip-Karte und der Patient die Gesundheitskarte, ebenfalls mit Chip. Beide müssen in ein spezielles Lesegerät. Nur so können medizinische Daten im Internet gespeichert oder ausgelesen werden. Das Lesegerät ist mit einem Computer und dem sogenannten "Konnektor" verbunden. Medizinische Daten aus dem Computer werden im Konnektor verschlüsselt und im Internet abgespeichert.

Tino Großmann ist sich sicher: Diese Daten können nicht gehackt werden: "Ich kenne keine Sicherheitsstruktur, die sicherer ist als die Telematik-Infrastruktur hier in Deutschland. Wir setzen Verfahren ein, die mit den heute vorhandenen Rechnerleistungen nicht überwunden werden können." Und wenn in Zukunft die Rechenleistungen der Computer – wie zu erwarten sei – deutlich steigen würden, so Großmann, könnten auch hier Verfahren verwendet werden, die die Sicherheit in der Telematik-Infrastruktur weiter gewährleisten würden.

Nur mit beiden Karten zusammen lassen sich die Daten auch wieder auslesen. Der Patient entscheidet dabei über ein Bildschirm-Menü, welche Daten sichtbar werden sollen. So kann er verhindern, dass etwa der Zahnarzt etwas über seine psychischen Probleme erfährt. Nur die freigegebenen Daten werden im Konnektor entschlüsselt und stehen auf dem medizinischen Bildschirm zur Verfügung.

Systematische Verschleppung der Gesundheitskarte

So zumindest sah der Plan aus. Tatsächlich wird das Potenzial der Karte bisher nicht genutzt. Auf der Karte stehen bisher nur die Stammdaten der Versicherten und die Versichertennummer. Der Laie fragt sich: Wie kann es sein, dass eine Technik, die allein schon bei den Medikamentenwechselwirkungen Tausende Leben retten kann, nicht eingesetzt wird?

a) Nicht alle Beteiligten sind an Transparenz interessiert

Prof. Arno Elmer ist Gesundheitswissenschaftler mit einem Beratungsinstitut in Berlin. Er hat die Geschichte der Gesundheitskarte über weite Strecken verfolgt und kennt die Gründe für die jahrelange Verzögerung: "Da gibt es sicher viele Gründe – die zwei Hauptgründe vielleicht: Auf der einen Seite lässt zunehmende Transparenz im Gesundheitswesen auch Qualität besser messbar werden. Und da können natürlich diejenigen, die von sich wissen, keine gute Qualität zu liefern, etwas dagegen haben."

b) Zusatzverdienste würden durch das neue System entfallen

Ein anderer Grund liege in der Bedrohung von Geschäftsmodellen, die in der nicht-digitalen Welt der Medizin etabliert seien. Der Gesundheitswissenschaftler nennt als Beispiel das bisher übliche Einscannen von Papierrezepten. Damit verdienten die Apotheken Geld. Mit der Gesundheitskarte und den darauf gespeicherten elektronischen Rezepten falle dieser Arbeitsschritt und der damit verbundene Verdienst weg. Ein Grund für die Apotheken, die Karte zu boykottieren.

Lobbyverbände hintertreiben die Einführung

Die Gematik, die "Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte", wurde vor 15 Jahren gegründet, um die Karte einzuführen. Für Kenner des Gesundheitssystems ein Witz. Schließlich besteht die Gematik aus all den Lobbyverbänden, die die Karte gar nicht wollen:

  • Deutsche Krankenhausgesellschaft
  • Kassenärztliche Bundesvereinigung
  • Zahnärzte-Kammer
  • Apothekenkammer

Hier wurden die Böcke zu Gärtnern gemacht: Ärzte wollen sich nicht auf die Finger schauen lassen. Apotheker fürchten Umsatzeinbußen. Zahnärzte machen gern mal ein Röntgenbild mehr – der Röntgenapparat muss sich ja amortisieren. Krankenhäuser verdienen an überflüssiger Medizin.

Informationsmonopol sichert Geschäftsmodelle

Und alle behalten ihre Informationen am liebsten für sich. Das Informationsmonopol sichert Geschäftsmodelle. So steht denn auch auf der Website der Gematik etwas schwammig formuliert: Weitere Anwendungen würden "schrittweise" eingeführt.

Wir wollten von der Gematik Genaueres wissen. Doch die Gematik fand innerhalb von sechs Wochen keinen Termin für uns finden.

Gesundheitswissenschaftler Arno Elmer hat von 2012 bis 2015 als Chef der Gematik vergeblich versucht, die Einführung der Gesundheitskarte voranzutreiben. Er ist an der Macht der Lobbyverbände gescheitert. Er sagt: "Ein Grund ist natürlich, dass die einzelnen Sektoren – also die Ärzte, die Apotheken, die Krankenhäuser, aber auch die Krankenkassen für sich Geschäftsmodelle haben, die durch einen besseren Austausch von Daten zwischen diesen Bereichen wegfallen würden. Und deshalb sind viele dieser Verbände einfach auch dagegen."

Ab 2019 immerhin "Notfalldaten" geplant

Nach Plan sollen im Jahr 2019 immerhin sogenannte "Notfalldaten" auf der Gesundheitskarte gespeichert werden. Informationen zu Allergien, Arzneimittelunverträglichkeiten, Diabetes oder Herzschrittmachern. Doch die elektronische Patientenakte, die ein enormes Potenzial für Patientensicherheit und Transparenz im Medizinbetrieb bietet, scheint immer noch in weiter Ferne.

Übrigens: Die "Arbeit" an der Gesundheitsakte hat in den letzten 15 Jahren etwa 1,8 Milliarden Euro verschlungen.

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