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Durch Biohacking verändert sich das Verhältnis zwischen Arzt und Patient. Letztere recherchieren und erheben Gesundheitsdaten selbst, kümmern sich um die eigene Gesundheit.

“Drastisch wird den Zuschauern vor Augen geführt, wozu Vernachlässigung des Körpers führen kann“. Das Filmzitat von 1968 zeigt, wie die Bevölkerung früher mit erhobenem Zeigefinger zu gesundem Verhalten ermahnt wurde. Heute werben Biohacker wie Max Gotzler oder Simone Dr. Koch um ihre Follower. Sie wollen, dass gesundes Verhalten keine Last mehr ist, sondern Spaß macht. Dadurch verändert sich auch die Rolle der Ärzte und Ärztinnen.

Die Gynäkologin und Umweltmedizinerin Simone Koch sieht eher Vorteile, wenn Patienten informiert sind und ihre Daten großenteils selbst erheben: „Damit komme ich nicht in die typische Weißkittel-Situation, dass der Patient nur bei mir einen erhöhten Blutdruck hat, sondern ich kann sehen, wie es ihm wirklich in seinem Alltag geht.“ Doch manche Biohacker gehen laut Dr. Koch zu weit, zum Beispiel mit dem eigenmächtigen Einsatz von Hormonen.

Simone Dr. Koch im Interview (Foto: SWR, SWR-Eigendreh)
Influencerin Simone Dr. Koch SWR-Eigendreh

Von der Muckibude zum Biohacking

Die Bewegung des Biohackings startete um 2005 in den USA. Das healthy Business gibt es aber schon länger. Schon seit den 70er Jahren interessierten sich immer mehr Menschen für trainierte und gesund wirkende Körper. Seit den 80ern boomt das Geschäft mit Muki-Buden, Nahrungsergänzungsmitteln, Solarien und immer neuen Fitness-Trends. Möglichkeiten für Selbstvermessung und Selbst-Experimente steigerten sich durch die rasante Entwicklung der vernetzten Technologien. Nicht nur Technik, sondern auch der Austausch mit Gleichgesinnten über Social Media spielt mittlerweile eine zentrale Rolle. Ziel ist es, dass nicht das System den Menschen, sondern der Mensch das System beherrscht.

Aerobic-Tänzerinnen mit Trainer (Foto: SWR, SWR-Eigendreh)
Gesundheits-Trend der 80er: Aerobic SWR-Eigendreh

Achtsamkeit und Meditation

Lifestyle-Biohacker wollen lernen, ihre Emotionen zu kontrollieren und ihr Gehirn zu beeinflussen. Deshalb spielen Meditation und Achtsamkeitsübungen bei täglichen Routinen eine wichtige Rolle. Ziel ist es, die Gehirnwellen herunter zu regulieren. Das so genannte Berger Experiment macht deutlich, dass allein schon beim Schließen der Augen schnelle Beta-Wellen „länger“ werden. Beta-Wellen deuten auf Alltags-Stress.

Die „längeren“ Wellen nennen sich Alphawellen, und sie zeigen auf, wie das Gehirn entspannt. Genau diese Prozesse passieren bei Achtsamkeitstraining und Meditation. Die neurowissenschaftliche Forschung zur Meditation zeigt, dass durch diese Entspannung Langzeiteffekte auftreten können. Das heißt, wenn Menschen regelmäßig meditieren, dann können sich die Aktivität bestimmter Regionen im Gehirn auf Dauer verändern.

Menschen beim Meditieren (Foto: SWR, SWR-Eigendreh)
Meditation verändert das Gehirn SWR-Eigendreh

Herausforderung und Routinen

Fakt ist: Sich um die eigene Gesundheit zu kümmern, muss man sich leisten können. Wer Ergebnisse will, muss viel nachmessen, trainieren und auch einiges investieren. Denn neben Zeit kosten Selbstvermessungs-Gadgets, Sportgeräte und Blutanalysen einiges an Geld. Doch die Belohnung winkt in Form von Kraft und Freude, Extase und Flow. Die Frage ist, warum Menschen Anstrengung brauchen, um sich so richtig wohl zu fühlen? Zum einen zeigt die Flow-Forschung, dass Herausforderungen Spaß machen, wenn wir sie bewältigen. Des Weiteren brauchen Menschen Routinen und Wiederholung, um sich wirklich zu fokussieren und Teile des Gehirns zu entspannen. Verantwortlich seien spezielle Prozesse im Gehirn, sagt der Hirnforscher Lukas Volz. Nur so könnten Menschen lernen, ihr Bewusstsein eigenständig zu verändern.

Hirnforscher Lukas Volz setzt Proband Kappe zur Vermessung der Hirnwellen auf (Foto: SWR, SWR-Eigendreh)
Hirnforscher Lukas Volz misst Gehirnwellen SWR-Eigendreh

Linktipps:

Wie Meditation das Gehirn verändert

Wie man Gewohnheiten verändern kann

Buchtipp:

Buchtitel: Der tägliche Biohacker

Autor: Max Gotzler

Verlagsangaben: FinanzBuch Verlag, 2020, ISBN 978-3-95972-200-1

Sonstiges: 500 Seiten, 24,99 Euro

Buchtipp:

Buchtitel: Wie Insulin uns alle dick oder schlank macht

Autor: Prof. Dr. Stephan Martin

Verlagsangaben: Becker Joest Volk Verlag, 2020, ISBN 978-3-95453-193-6

Sonstiges: 272 Seiten, 24,95 Euro

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