Angriff auf die Psyche

Bekommen wir Corona in den Griff?

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Ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie leiden viele Erkrankte unter den Spätfolgen, auch die psychische Belastung ist enorm. Und jetzt nimmt die dritte Welle an Fahrt auf.

Long Covid: Die Langzeitfolgen nach einer Corona-Erkrankung

Nach einer Corona-Erkrankung trifft es jeden zehnten Patienten: Langzeitfolgen der Krankheit, die über Monate anhalten können. Es trifft jungen Menschen ebenso wie Ältere: Kopf- und Muskelschmerzen, Tinnitus, Vergesslichkeit, Verlust des Geruchssinns, Kurzatmigkeit und mehr. Die Langzeitfolgen, die so viele Formen annehmen können, haben inzwischen einen Namen: „Long Covid“.

Einer der Patienten, die den schweren Krankheitsverlauf überlebt haben, ist Wolfgang Gerteisen, den odysso mehrere Monate während seiner Erkrankung begleitete. Der sportliche Mittsechziger bekam nach seiner Infektion immer schlechter Luft, kam ins Krankenhaus und musste schließlich wochenlang künstlich beatmet werden. Zuerst über den Mund, dann über einen Luftröhrenschnitt. Mehrere zusätzliche Infektionen, an denen viele Covid-Patienten sterben, überstand er. Er nahm stark ab, litt an Muskelabbau. Insgesamt lag Wolfgang Gerteisen drei Monate auf der Intensivstation und benötigte anschließend zwei Monate Reha-Aufenthalt. Auch elf Monate später ist seine Leistungsfähigkeit erst wieder zu 80 Prozent hergestellt. Seine Frau hat nach den Erfahrungen einen Verein für Menschen gegründet, die an Covid-Folgen leiden: Leben mit Corona.

Noch weiß niemand, ob es nach einer Covid-Erkrankung bleibende Schäden geben wird. Bei einem Großteil der Patienten, hat Infektiologe Siegbert Rieg vom Uniklinikum Freiburg beobachtet, komme es nach drei bis vier Monaten zu einer deutlichen Besserung. Ein kleiner Teil der Patienten leide jedoch nach einem halben Jahr noch an den Langzeitfolgen, vor allem Fatigue und neurologischen Beschwerden.

So funktionieren die neuen Impfstoffe

In Deutschland sind zwei verschiedene Arten der Impfung zugelassen: Die sogenannten mRNA-Impfstoffe von Biotech/Pfizer und Moderna und die Vektorimpfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson. Sie funktionieren anders als herkömmliche Impfstoffe, bei denen es sich um geschwächte Versionen natürlicher Krankheitserreger handelt. Allen ist jedoch eines gemeinsam: Durch eine Impfung wird das Immunsystem des Körpers in die Lage versetzt, sich gegen die neuen Eindringlinge, die Corona-Viren, zu wehren.

Der mRNA-Impfstoff nutzt die Boten-RNA, die die Bauanleitung für jedes Eiweiß des Körpers enthält. Im Impfstoff ist die Anleitung für den Bau eines harmlosen Teils des Corona-Virus enthalten, den der Körper nun selbst herstellt: das Spikeprotein. Der Körper erkennt die Proteine als Eindringlinge und bekämpft sie, indem er Abwehrzellen bildet. Kommt es nun zu einer Infektion mit Covid-19, wird die Immunabwehr aktiv; die Viren können nicht in die Zellen eindringen und sich dort vermehren.

Beim Vektorimpfstoff wird die Information für den Bau des Spikeproteins von einem für Menschen harmlosen Virus in den Körper transportiert. Der Bauplan ist hier nicht in der mRNA enthalten, sondern in DNA. Im Zellkern werden die Informationen in mRNA „übersetzt“; nun können die Zellen ebenso wie beim mRNA-Impfstoff das harmlose Spikeprotein herstellen, das die Immunantwort des Körpers auslöst.

Die Information, die die beiden Impfstoffe in den Körper transportieren, werden übrigens nicht ins menschliche Erbgut eingebaut.

Doch es gibt viele Vorbehalte gegen die Impfungen. Grund dafür sind unter anderem die schlechten Erfahrungen mit dem Impfstoff „Pandemrix“, der 2009 gegen das Schweinegrippe-Virus verabreicht wurde. Er kam auf den Markt, nachdem er an nur 1600 Menschen getestet worden war. Monate nach der Verwendung häuften sich Fälle von Narkolepsie (Schlafkrankheit). Heute ist bekannt: Die ersten Symptome traten schon kurz nach der Impfung auf, die Diagnose erfolgte wesentlich später. Die Erkrankung ist keine Folge der Impfung, sondern eine schwere Nebenwirkung. Der Impfstoff ist inzwischen nicht mehr zugelassen.

Die dritte Corona-Welle: Mutationen breiten sich aus

Seit Anfang 2021 verbreitet sich die Virus-Mutation B.1.1.7, die sogenannte britische Variante, auch in Deutschland. Sie ist wesentlich ansteckender als die bisher bekannten Corona-Viren. Trotz aller Versuche, die britische Variante in Deutschland einzudämmen, lag ihr Anteil bei den Infektionen zweieinhalb Monate später bei 50 Prozent. Dieser Anteil wird laut Hartmut Hengel, Virologe am Uniklinikum Freiburg, noch zunehmen. Und: Der Anteil der jüngeren Patienten wird steigen, da von ihnen bisher nur wenige geimpft sind. Die Klinik stellt sich für die gerade beginnende dritte Welle auf explodierende Fallzahlen und mehr Schwerkranke ein.

Dass ein Virus mutiert, ist völlig normal. Solche Mutationen entstehen, wenn bei der Vermehrung des Virus, beim Kopieren dessen Erbguts, ein Schreibfehler passiert. Problematisch werden solche Varianten erst dann, wenn sie – wie beispielsweise die britische Variante – aggressiver sind oder wenn eine Variante entsteht, gegen die die bisherigen Impfstoffe nicht wirken. Beispiel brasilianische Variante: Gegen sie wirken die Antikörper, die nach der Impfung oder einer früheren Infektion mit Corona-Viren gebildet werden, wesentlich weniger. Denkbar sind auch Varianten, gegen die die Impfstoffe nichts mehr ausrichten können.

Die einzige Möglichkeit, dieser Gefahr zu begegnen, ist das rechtzeitige Erkennen gefährlicher Mutationen, bevor sie sich ausbreiten können.

Covid-19: Die Suche nach Medikamenten

Eine Impfung zu finden und zu verabreichen, damit das Corona-Virus keine Chance hat, ist eine Strategie, die die Bundesregierung mit viel Geld unterstützt. 740 Millionen Euro allein erhielten die Entwickler und Hersteller. Für die 80 Firmen die nach einem Corona-Medikament suchen und eine Förderung beantragt haben, stehen gerade einmal 50 Millionen Euro zur Verfügung. Zu wenig, um die teuren Zulassungsstudien und den Produktionsaufbau zu ermöglichen. Dabei gibt es vielversprechende Strategien: Das Virus selbst zu töten, ist nicht möglich, da es kein Lebewesen ist, keinen eigenen Stoffwechsel hat, der sich angreifen ließe. Ein Virus ist auf eine Wirtszelle angewiesen, die es nutzt, um sich zu vermehren. Letztlich wird die Zelle zerstört und die neuen Viren suchen weitere Zellen.

Die Biotech-Firma AiCuris aus Wuppertal setzt darauf, die Virusvermehrung zu hemmen. Dazu wird ein Medikament eingesetzt, das aus einem Schafsvirus gewonnen wurde und beim Menschen die Abwehrzellen aktiviert. Letztlich bekämpft so das Immunsystem die Viren schneller, als diese sich vermehren können.

An der Uni Tübingen haben Bioinformatiker entdeckt, wie sich das Virus stoppen lässt, wenn es in der Zelle bereits begonnen hat, sich zu vermehren. Für die Vermehrung benötigt es bestimmte Enzyme, die die Wissenschaftler identifiziert haben und die sie jetzt blockieren wollen. Doch für die Suche nach den Substanzen, die dies leisten, fehlt das Geld.

Inflarx in Jena hat ein Medikament entwickelt, das das Immunsystem beeinflusst. Eiweiß C5a, das im menschlichen Blut vorkommt, fanden sie heraus, spielt eine wichtige Rolle bei Entzündungen und verursacht gefährliche Blutgerinnsel. Das Medikament von Inflarx käme zum Einsatz, wenn die Infektion bereits weit fortgeschritten ist und das Immunsystem nicht aktiviert, sondern gebändigt werden muss. Es könnte dazu beitragen, die Sterblichkeit bei schwerstkranken Patienten zu senken. Derzeit befindet sich das Medikament in der Phase 3-Studie (klinische Phase).

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung will nun die Projekte im Bereich Medikamenten-Entwicklung begutachten und eventuell die Fördersumme aufstocken, so das Ministerium gegenüber odysso.

Corona-Hotspots: Heime in der Krise

Als das Corona-Virus sich verbreitete, wütete es besonders in Alten- und Pflegeheimen. Schnell wurden die Einrichtungen für Besucher geschlossen – auch der Kontakt zu den nächsten Angehörigen war nicht mehr möglich. Dennoch infizierten sich auch weiterhin besonders viele der rund 800.000 Bewohner vollstationärer Einrichtungen. Mit verheerenden Folgen: Rund 60 Prozent aller an Covid-19 Verstorbenen waren Bewohner von Pflegeheimen oder wurden von Pflegediensten versorgt, so eine Studie der Universität Bremen. Die Sterblichkeit war rund 50-mal so hoch wie beim Rest der Bevölkerung.

Pflegewissenschaftler Michael Isfort bezeichnet die Abschottung der Heimbewohner als Folter: Ohne den Besuch von Angehörigen isolierten sich viele Menschen selbst, manche hörten auf zu essen oder zu trinken. Wichtig sei zu beachten, dass Angehörige oft eine co-therapeutische Funktion hätten.

Für Michael Isfort ist die Corona-Krise im Pflegebereich in Wahrheit eine Pflegekrise. Seit Jahren Personalmangel, zu wenige Schutzausrüstungen, zu wenige Informationen zum Infektionsschutz gehörten zu den Gründen für die vielen Ausbrüche. Er weist darauf hin, dass es auch Heime gab, die offensichtlich ein gutes Schutzkonzept hatten: Sie kamen gut durch die Krise.

Die Heimbewohner und die über 80-Jährigen gehören wegen der hohen Infektionsraten und der hohen Sterblichkeit zur Gruppe derer, die zuerst geimpft wurden. Ebenso die Mitarbeiter in den Heimen. Dennoch sind mit der Impfung die Probleme noch nicht vorbei: Erst wenn alle Beteiligten geimpft sind, also auch die Angehörigen und andere Besucher, endet die Isolation, es sind wieder ganz normale Kontakte möglich und für die Pflegekräfte normales Arbeiten.

Krisenbewältigung mittels Resilienz

Die Welt befindet sich seit der Verbreitung des Corona-Virus im Ausnahmezustand – viele kämpfen um ihre wirtschaftliche Existenz, um ihre Gesundheit; das gesellschaftliche Leben liegt brach, die Vereinsamung nimmt zu. Viele leiden extrem darunter – auch Kinder und Jugendliche, die ihre Freunde vermissen, keinen geregelten Schulalltag mehr haben und oft an Zukunftsängsten leiden.

Menschen, die mit diesen Bedingungen gut zurechtkommen, gelten als resilient, sie besitzen also genügend seelische Widerstandskraft, um die Krise zu meistern. Resilienz schützt sie davor, durch die Stresssituation psychisch krank zu werden.

Warum manche Menschen resilient sind und andere nicht, erforscht Michèle Wessa, Professorin für Klinische Psychologie an der Uni Mainz: Wer beispielsweise schon als Kind oder Jugendlicher lerne, mit Krisen umzugehen, sei als Erwachsener oft eher resilient. Sozialwissenschaftlerin Severine Thomas hat herausgefunden: Hilfreich für die seelische Stabilität sind neue Hobbies, die eigene Kreativität entdecken, aber auch Optimismus, Humor und die stabile Beziehung zu einem anderen Menschen.

Die gute Nachricht: Resilienz ist trainierbar. Michèle Wessa und ihr Team haben deshalb das frei zugängliche Onlinetraining „AUFKURSBLEIBENkompakt“ ins Internet gestellt. Der Kurs ist eine Bewältigungsstrategie, um sich der derzeitigen Krise – und auch anderen Krisen – nicht hilflos ausgeliefert zu fühlen. Und er soll dazu beitragen, auch psychisch gesund zu bleiben.

Leere Innenstädte – Corona als Brandbeschleuniger

Die ersten, unmittelbaren Folgen der Krise sind in den Innenstädten offensichtlich: Immer mehr Läden stehen leer. Die Nachfrage nach Büroflächen sinkt vielerorts. Es ist nicht so, dass Corona der alleinige Grund für den Niedergang deutscher Fußgängerzonen ist. Der Boom des Onlineshoppings und die Digitalisierung der Arbeitswelt sind keine neuen Entwicklungen. Aber die Pandemie beschleunigt die Krise. Zu lange haben sich die Städte auf die Sogwirkung von Einzelhandel und Büroflächen verlassen.

"Monofunktionalität ist Gift für die Stadtentwicklung", sagt auch Christoph Mäckler, Frankfurter Architekt und Gründer des Instituts für Stadtbaukunst an der TU Dortmund. "Europäische Städte leben von sozialer und funktionaler Vielfalt", sagt er. Seine Vision eines krisenfesteren, lebendigen Stadtteils will er zusammen mit dem Frankfurter Stadtrat Mike Josef auf dem zentral gelegenen Römerhof verwirklichen. Bislang gibt es hier einen Betriebshof, Gewerbe, ein Ordnungsamt und Kleingärten. Nun sollen 2.000 Wohnungen entstehen. Außerdem ist eine Schule, Sportanlagen und Geschäfte geplant – ein gemischtes Viertel, in dem alles, was man im Alltag braucht, auf kurzem Weg erreichbar ist.

Mehr Dichte, mehr Nutzungsmix, mehr soziale Mischung – das lässt sich in Zukunft auch in zentralen Lagen realisieren. Davon ist Prof. Karsten Tichelmann aus dem Fachbereich Architektur der TU Darmstadt überzeugt. Er schätzt das Potenzial, das sich durch intelligente Umnutzung und Verdichtung erschließen ließe, auf rund zwei Millionen Wohnungen bundesweit. In und auf Parkhäusern und leerstehenden Bürogebäuden lassen sich Wohnungen oder soziale Einrichtungen bauen. In ehemaligen Kaufhäusern könnten multifunktionale Zentren entstehen: Einzelhandel im Erdgeschoss, Kultur- und Eventflächen sowie öffentliche Institutionen, Bibliotheken oder Verwaltungen darüber. Schneidermeister, Designer oder andere kleine Manufakturen könnten dort neue Räume finden. Es gibt gute Beispiele, doch es gibt auch große Hürden.

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