Geldpolitik Bargeld ist Freiheit

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Ließe sich das Böse auf der Welt mindern, wenn wir uns vom "Fluch des Bargelds" befreien würden? Der Trend zum „Bar-Exit“ könnte auch ganz andere Gründe haben.

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Kies, Kohle, Knete, Bimbes, Asche, Zaster, Pinke Pinke – alles buntschillernde Synonyme für das abstrakte Tauschmittel „Geld“. Allerdings beziehen sich diese Kosenamen doch vor allem, auf das, was man ganz haptisch „auf der Kralle hat“ oder auch „rüberwachsen lassen kann“: Auf das Bare, als das einzig Wahre. „Bargeld lacht!“ In diesem knappen Ausspruch steckt die ganze sonnige Sinnlichkeit des wirklich Relevanten und Wahrhaftigen.

Wir Deutschen sind – man ahnt es schon – in Gelddingen altmodisch und natürlich Europameister der Barzahlung: Wir schätzen daran besonders die gute „Ausgabenkontrolle“. Bar zahlen sei außerdem „einfach, sicher und schnell.“ Und gebe ein „schönes Gefühl“. Der Gang durch den deutschen Alltag ohne Bares ist kaum vorstellbar: Ob Flohmarkt-Schnäppchen, Bratwurst auf die Faust, Trinkgeld-Schälchen vor öffentlicher Toilette, oder der Bettler am Straßenrand… gerade bei sehr menschlichen Gesten geht hierzulande nur „Cash“.

Aus für den 500er

Allerdings: Schon von Goethe – der ja selber eine Art Banker war – sind dunkle Zweifel an dieser scheinbar unproblematischen Bezahlform überliefert: Er macht Mephisto persönlich zum Erfinder und Werbestrategen des Papiergelds (Faust II, 1.3.). Auf den „Faust“ beruft man sich zwar nicht in der europäischen Zentralbank: Doch die will schon mal den größten Euro-Lappen aus dem Verkehr ziehen: Etwas Schwefeliges haftet dem 500er wohl an: Denn Riesensummen passen so in handliche Köfferchen. Sehr praktisch für Kriminelle, Geldwäscher, Drogenhändler, Terroristen. Stehen nur kleinere Banknoten zur Verfügung, bedeuten das: Die Bösen brauchen für ihr dunkles Treiben dickere, auffälligere Koffer.

Außerdem geistert die Idee der Bundesregierung herum, Bargeld-Zahlungen nur bis 5.000 EUR zu erlauben. Das Ziel: Im Gegensatz zu „Cash“ hinterlassen Überweisungen klare Spuren. Gift für Finsterlinge.

Elektronische Zaster-Zukunft?

Für die Banken sind Geldlappen ohnehin teuer, wegen der Logistik und Versicherungskosten. So mehren sich in etlichen Ländern mehren Einschränkungen fürs Barzahlen. Sehr lustvoll marschieren die Skandinavier in die elektronische Zaster-Zukunft: Da geht auch bei Kleinstvieh – Kaffee, Streichhölzer am Kiosk – die Karte. Ebenso beim Kauf einer Obdachlosen-Zeitung. Und in Kirchen gibt es dort tatsächlich schon digitale Klingelbeutel. Es geht also doch! Ließe sich das Böse mit dem „Bar-Exit“ wirklich mindern? Experten sind da skeptisch: Ob das Aus für große Scheine hilft, ist zweifelhaft: Die USA haben als größte Note den 100-Dollar-Schein. Und sind dennoch das größte Geldwäsche-Land der Erde. Und die Obergrenze für Bargeldkäufe? In Staaten, in denen es solche Grenzen gibt, blüht die Schattenwirtschaft. Die Bösen nutzen Scheinfirmen. Oder Darlehen, die sie nie zurückzahlen. Auch gibt es weltweite informelle Überweisungssysteme ohne Aufzeichnungen, und natürlich das „Darknet“. Da wird „Cash“ immer weniger wichtig.

Geld abheben – keine Chance!

Die Kampagne gegen das Bare hat also noch andere Gründe, so legen etliche aktuelle Studien nahe: Existiert der Zaster nur noch elektronisch, kann der Kunde kann der Bank sein Geld nicht mehr entziehen – auch nicht bei steigenden Negativzinsen. Das wiederum, so das Kalkül, treibt die Menschen in den Konsum und kurbelt so – quasi unter Zwang – die Wirtschaft an. Mit diesem Argument wirbt zum Beispiel der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff ganz unironisch für eine bargeldlose Zukunft. Allerdings: Ist das gesamte Eigentum und jede Transaktion elektronisch erfasst, würde der Bürger absolut „gläsern“. Privatsphäre – ade!

„Bar-Exit“ wäre Trauerspiel

Ein kritischer EZB-Direktor spricht da sogar von einem „Anti-Bargeld-Kartell“ aus Ökonomen und Technokraten. Andere Insider von einem globalen „Krieg gegen das Bargeld“. Ist das nicht ein bisschen zu finster gemalt? Vielleicht wird ja mal wieder der Untergang des Abendlands beschworen, nur weil Gewohntes zu verschwinden droht. Und doch: Mit dem Bargeld-Aus würde das Böse auf der Welt wohl nicht gemindert, dafür aber Freiheit und Privatsphäre stark eingeschränkt. Also: Lacht das Bargeld nicht mehr, dann vielleicht auch bald nicht mehr der Bürger.

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