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Das Corona-Virus ist endgültig auch bei uns angekommen. Wie wird die Entwicklung weitergehen? odysso klärt über die Hintergründe auf und versucht, die Gefahren realistisch einzuschätzen.

Von der ersten Infektion im chinesischen Wuhan im Dezember 2019 bis zur weltweiten Ausbreitung dauerte es nicht einmal drei Monate. Anders als bei Grippeviren gibt es gegen das neuartige Corona-Virus „SARS-CoV2“ keinen Impfstoff und keine Immunität.

Das ist neu am neuartigen Corona-Virus

Der winzige Eindringling aus der Gruppe der Corona-Viren stellt den Körper auf eine harte Probe: Da das Virus für das menschliche Immunsystem völlig neu ist, wird es von der körpereigenen Abwehr nicht erkannt und kann ungehindert Zellen angreifen. So war es auch bei SARS, das 2002/2003 ebenfalls in China zum ersten Mal auftrat. Anders als „SARS-CoV“, das schwere akute Atemwegssyndrom, entwickelt sich das neuartige Corona-Virus aber nicht in den tiefen, sondern in den oberen Atemwegen. Die Patienten sind auch dann schon infektiös, wenn die Krankheit COVID 19 noch gar nicht ausgebrochen ist. Kurz gesagt: Wer infiziert ist, merkt dies zunächst nicht, kann aber in den bis zu 14 Tagen, bis die Krankheit ausbricht, andere Menschen schon anstecken. Das macht die neue Virus-Variante um so vieles gefährlicher als der SARS-Ausbruch 2002, der relativ schnell eingedämmt werden konnte.

Die Viren des neuartigen Corona-Virus verbreiten sich über Tröpfcheninfektion: Die Tröpfchen schweben aber nicht permanent in der Luft, sondern werden durch Husten oder Niesen in die direkte Umgebung abgegeben oder gelangen auf die Hände. Zweiter Verbreitungsweg ist die Schmierinfektion. Daher die Empfehlungen: in die Armbeuge niesen oder husten und: immer wieder Händewaschen! Schutzmasken schützen übrigens nicht sehr – sie eignen sich allenfalls für Kranke.

Hände waschen ist eine sehr gute Vorsichtsmaßnahme gegen eine Infektion mit dem neuartigen Corona-Virus.  (Foto: Imago, imago images / SKATA)
Hände waschen ist eine sehr gute Vorsichtsmaßnahme gegen eine Infektion mit dem neuartigen Corona-Virus. Imago imago images / SKATA

Schutzkleidung wird dringend benötigt

Viele Krankenhäuser sehen sich gut vorbereitet auf die steigende Anzahl von Corona-Patienten, immer vorausgesetzt, die Fallzahlen steigen nicht sprunghaft an. Daher setzen Ärzte vor allem darauf, Infizierte zu isolieren und Verdachtsfälle unter Quarantäne zu stellen. So können sie weitere Ansteckungen hinauszögern. Für schwere Fälle stehen in den Krankenhäusern intensivmedizinische Behandlungsplätze zur Verfügung – dann kommen Sauerstoffmasken und Atmungsgeräte zum Einsatz oder im schlimmsten Fall Herz-Lungen-Maschinen.

Wichtig ist in den Krankenhäusern und Arztpraxen der Schutz des Personals – und genau dies bereitet erste Probleme: Schutzkittel und Schutzmasken werden knapp. Die meisten Schutzmittel kommen ausgerechnet aus China, das Corona-bedingt als Lieferant ausfällt. Die Uniklinik Freiburg beispielsweise setzt nun auf Hersteller in Weißrussland und Irland. Doch die Corona-Fallzahlen steigen überall und damit auch der Bedarf an Schutzkleidung.  

Winzige Eindringlinge: So attackieren Viren

Viren sind 100-mal kleiner als Bakterien, sichtbar nur im Elektronen-Mikroskop. Sie haben keinen Stoffwechsel, keine eigene Methode zur Fortbewegung: Sie gelten nicht einmal als Lebewesen. Ihr einziger Daseinszweck: fremde Zellen zur Vermehrung zu nutzen und danach zu zerstören. Um sich fortzupflanzen, brauchen Viren einen Wirt, denn sie selbst können weder ihr Erbgut kopieren noch ihre eigene Protein-Hülle herstellen.

Ein willkommener Wirt ist der Mensch: Schafft es ein Virus, unerkannt an den Abwehrzellen des Immunsystems vorbeizukommen und in eine Zelle einzudringen, beginnt sein Zerstörungswerk. Die Zelle kopiert unwissentlich das Erbgut des Virus und produziert  tausende neuer Viren. Diese brechen regelrecht aus der sterbenden Zelle aus, nur um weitere Zellen zu befallen. Die Wirtszelle zerlegt sich dann in kleinste Bestandteile, die von umliegenden, noch gesunden Zellen genutzt werden können, um der Invasion der Viren zu widerstehen.

Der Bau der Viren, ihre Fähigkeit, sich ständig zu verändern, und ihre Überlebensstrategie machen es so schwer, eine Behandlung zu finden. Da Viren, anders als Bakterien, nicht über eine Zellwand verfügen, wirkt gegen sie kein Antibiotikum, denn mit Antibiotika werden die Zellwände der Bakterien angegriffen.

Bisher kann die Vermehrung der Viren mit Medikamenten nur eingedämmt werden. Die Bekämpfung der Eindringlinge muss aber die körpereigene Abwehr übernehmen.

Viren – so alt wie die Menschheit

Mit den Auswirkungen von Virus-Infektionen waren Menschen zu allen Zeiten konfrontiert. In Ägypten wurde schon 1500 vor Christus eine Virusinfektion dokumentiert. Und an Pharao Ramses V. Mumie sind deutlich die Pockennarben in seinem Gesicht zu erkennen. Im Mittelalter wurden die Pocken zur schlimmsten Infektionskrankheit. Weltweit starben noch im 20. Jahrhundert rund 400 Millionen Menschen an der Viruskrankheit, gegen die Edward Jenner 1796 eine Impfung entdeckt hatte. Bis 1980 gelang es schließlich, die Pocken auszurotten.

Grippeviren sind völlig unberechenbar und daher gefährlich. Sie verbreiten sich am häufigsten über Tröpfcheninfektion.  (Foto: Imago, imago images / 7aktuell)
Grippeviren sind völlig unberechenbar und daher gefährlich. Sie verbreiten sich am häufigsten über Tröpfcheninfektion. Imago imago images / 7aktuell

1918 ging die „Spanische Grippe“ um die Welt – eine Pandemie (weltweite Epidemie), an der geschätzt bis zu 50 Millionen Menschen starben, mehr als im Ersten Weltkrieg. Heute wird vermutet, dass das menschliche Grippevirus schon länger kursierte, aber eine Kreuzung mit einem Vogelgrippevirus entstand. Möglicherweise verursachte die Spanische Grippe auch eine Überreaktion des Immunsystems, an der besonders viele junge Menschen starben.

Sicher ist: Grippeviren sind gefährlich, da sie sich ständig verändern; sie können vom Tier auf den Menschen überspringen und umgekehrt. So geschehen bei der Schweinegrippe 2010, die zwar mit der Spanischen Grippe verwandt ist, jedoch wesentlich glimpflicher verlief als befürchtet. Auch das SARS-Virus, das 2002/2003 rund 800 Menschenleben forderte, war vermutlich von einem Tier auf den Menschen übergesprungen. 

Ebenso verhält es sich mit dem HI-Virus und dem Ebola-Erreger – beide stammen ursprünglich von Tieren, die zwar Träger des Virus sind, aber nicht daran erkranken.

Die Pandemiepläne kommen zum Einsatz

Normalerweise schlummern sie in den „Schubladen“ – nun kommen angesichts der rasanten Verbreitung des neuartigen Corona-Virus die Pläne des Bundes und der Länder auf den Tisch. In den Plänen ist der genaue Umgang mit einer hochansteckenden Infektionskrankheit festgehalten; sie werden auf die aktuelle Situation nur noch angepasst. Die Maßnahmen von Bund und Ländern sind übrigens für jedermann verpflichtend; Grundlage hierfür ist das Infektionsschutzgesetz.

 

In Phase 1 geht es darum, infizierte Personen zu erkennen und isoliert unterzubringen. Weitere Ansteckungen sollen so weit wie möglich vermieden oder verzögert werden. Möglich sind Quarantäne, Veranstaltungsverbote, Schließung von Schulen und Kindergärten und mehr.

In nächsten Phase geht es vor allem darum, Menschen zu schützen, die besonders gefährdet sind oder bei denen ein besonders schwerer Krankheitsverlauf zu befürchten ist.

Phase 3 bedeutet, dass ein allgemeines Infektionsrisiko für die Bevölkerung besteht. Nun müssen vor allem schwere Krankheitsfälle und eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindert werden. Behandelt wird nur noch, wer dringend Hilfe braucht. Zu diesem Zeitpunkt können ganze Zonen abgeriegelt werden; öffentliche Einrichtungen würden geschlossen. Ist der Höhepunkt der Pandemie erreicht oder überschritten, beginnt die Folgenminderung und Erholung.

Wie reagieren Firmen auf die erhöhte Ansteckungsgefahr

Auch Unternehmen bereiten sich derzeit auf einen erhöhten Krankenstand vor und versuchen gleichzeitig, die Ansteckungsgefahr im Arbeitsalltag zu verringern. Auf Händeschütteln verzichten fast alle. Dienstreisen, Messen und Meetings werden teilweise abgesagt. Besucher müssen gerade bei großen Betrieben Selbstauskünfte über Kontakte und Reisen geben, bevor sie auf das Firmengelände gelangen.

Die Stadtwerke Mainz haben als wichtiger Versorgungsbetrieb zu einer besonderen Maßnahme gegriffen: Die Leitstelle wurde auf zwei Standorte aufgeteilt – die Mitarbeiter haben keinen Kontakt miteinander. Andere Firmen setzten auf räumliche Trennung der Mitarbeiter, damit sich im Falle einer Infektion nur eine begrenzte Gruppe anstecken kann. Nicht alle Betriebe sind wie die Stadtwerke Mainz wichtig für die Versorgung der Bevölkerung; bei vielen geht es aber darum, den Betrieb so weit wie möglich aufrecht zu erhalten, um größeren wirtschaftlichen Schaden zu verhindern.

Das Virus sorgt für Panik

Schon in Phase 1 des Pandemieplans spielten sich in Deutschland Szenen ab, die sich wenige Wochen zuvor wohl kaum jemand vorstellen konnte: Hamsterkäufe bei Lebensmitteln und Desinfektionsmitteln, fallende Börsenkurse, Panikreaktionen auf einen einzelnen Nieser.  Ist das berechtigte Vorsicht oder kopflose Panik?

Es gibt viele Fälle, in denen übertriebene Meldungen und falsche Einschätzungen  Ängste auslösten: die Schweinegrippe, die Vogelgrippe, SARS und andere. Zum Glück kam es in keinem Fall so schlimm wie vorhergesagt.

Das Muster sei einfach, sagt der Risikoforscher Prof. Dr. Gerd Gigerenzer. Der plötzliche Tod vieler Menschen sei ein sogenanntes Schockrisiko – eine Situation, die Angst auslöst. Das steht im Gegensatz zu Risiken, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken, beispielsweise Unfälle oder Krankheiten.

Durch die Pandemie werden Menschen sterben, aber noch viel mehr Menschen werden künftig gegen den Erreger immun sein und so bei künftigen Krankheitswellen die Ansteckungsrate vermindern. Impfstoffe werden entwickelt, antivirale Medikamente derzeit erprobt. Auch das neuartige Corona-Virus wird, wenn die Krankheitswelle ihren Höhepunkt überschritten hat, wohl ihren Schrecken verlieren.

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