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Kampfroboter kennen kein Mitleid. Wird der Krieg der Zukunft mit künstlicher Intelligenz und Cyberpropaganda ausgetragen? odysso zeigt, warum heute wieder aufgerüstet wird.

Roboter und Drohnen an die Waffen?

Der kleine Raupenroboter der israelischen Rüstungsfirma General Robotics passt locker in einen Rucksack. Er kann Treppen überwinden, hat einen Rundumblick, er kann sein Ziel identifizieren und verfolgen – und er kann schießen. Und zwar schneller und genauer als der beste Scharfschütze. Was zunächst aussieht wie ein harmloses Spielzeug, ist eine tödliche Waffe.

Roboter DOGO funktioniert ebenso wie die transportable Waffenstation Pitbull ferngesteuert. Die ferngesteuerten Waffen sollen Spezialeinheiten bei Antiterroreinsätzen unterstützen. Sie senden Bilder, bevor die Soldaten unbekanntes Terrain betreten und sich in Gefahr begeben müssen. Auf dem Bildschirm können Ziele durch Antippen ausgewählt werden – und die Roboter schießen zuverlässig. Das Besondere: Die Roboter sind mit lernfähiger Software ausgestattet, mit künstlicher Intelligenz also. Diese soll es ermöglichen, dass Bilderkennung, Bewegungsverfolgung, Zielüberwachung und Waffensteuerung immer präziser werden und sich selbst verbessern.

Künstliche Intelligenz kommt auch bei Killerdrohnen zum Einsatz. Anhand einer nicht einmal handtellergroßen Drohne demonstrieren Wissenschaftler in ihrem fiktiven Kurzfilm „Slaughterbots“ wie eine solche Drohne selbstständig ihr Ziel anfliegen und mit Sprengstoff töten könnte.

Viele Experten halten es für denkbar, dass intelligente Waffensysteme künftig eigene Entscheidungen treffen können. Die entsprechende Software könnte schon in wenigen Jahren vorliegen. Um den Einsatz solcher autonomen Waffensysteme zu verhindern, wäre eine internationale staatliche Übereinkunft nötig, die diese Technologien regelt bzw. bannt. Ähnlich, wie es bei Chemiewaffen oder Landminen der Fall ist. Doch bisher fehlt eine solche Einigung.

Schlachtfeld Internet: Trolle im Anmarsch

Wer in sozialen Netzwerken unterwegs ist, macht früher oder später Bekanntschaft mit ihnen: Trolle. Lästig sind sie immer, gefährlich manchmal. Auch die Bundeswehr muss sich mit den Folgen der Troll-Attacken befassen, wenn gezielt Falschnachrichten in Umlauf gebracht und verbreitet werden. Bilder, Filme, Audiodateien, Texte – was sich fälschen lässt, wird gefälscht. Und dies professionell und teilweise täuschend echt.

Ein Beispiel war im September 2019 die Falschnachricht, deutsche Panzer seien auf einen jüdischen Friedhof im litauischen Kaunas gefahren. Es blieb nicht bei einem manipulierten Bild: Damit sich die gezielte Desinformation besonders gut verbreitete, in diesem Fall über die Nachrichtenseite der litauischen Regierung, war deren Server gehackt worden.

Mit gezielten Falschinformationen lenken die Verursacher die Meinung der Bevölkerung in eine bestimmte Richtung. Im Fall Litauens sollte die russische Minderheit gegen die stationierten NATO-Truppen aufgestachelt werden.

Viele Troll-Attacken haben auch die politische Beeinflussung vor Wahlen zum Ziel. Rund 20 Prozent aller politischen Informationen, so das Oxford Internet Institute 2019 im Bundestag, seien inzwischen gefälscht und würden hunderttausendfach geteilt.

Deepfakes: Die perfekte Video-Fälschung

Videos, Live-Übertragungen im Fernsehen oder im Internet galten bisher als zuverlässige Informationsquellen. Doch längst ist es möglich, mittels intelligenter Software, Videos so zu manipulieren, dass das gefälschte Ergebnis täuschend echt aussieht. Politiker, Promis, Wirtschaftsbosse – es genügen ein paar Minuten vorhandenes Videomaterial von zwei Personen, um einer Person Worte in den Mund zu legen, die sie nie gesagt hat oder sagen würde. Die Software analysiert die Sprechgewohnheiten aus beiden Videos, die Künstliche Intelligenz trainiert, damit die Fälschung möglichst echt aussieht, und kombiniert dann die gewünschten Teile der Videos. Fertig ist ein sogenanntes Deepfake.

Was nach einer Aufgabe für Spezialisten klingt, kann heute schon jeder mit einem guten PC und einer kostenlosen Software. Eine Möglichkeit, Deepfakes zu enttarnen, existiert dagegen noch nicht. Die Gefahr, dass die existierende Technik missbraucht wird, um politisch, militärisch oder wirtschaftlich zu manipulieren, ist sehr reell.

Digitale Verteidigung: Die Cybertruppe der Bundeswehr

Längst besteht die Bundeswehr nicht mehr nur aus Heer, Marine und Luftwaffe: Eine über 13.000 Soldaten starke Cybertruppe kümmert sich um die IT-Sicherheit der Streitkräfte. Das Kommando wehrt Cyber-Angriffen ab und baut die militärischen Netze so aus, dass Angreifer es so schwer wie möglich haben.

Doch die Verteidigung ist im Netz ist nicht alles. Nach einem geheimen Strategiepapier der Bundesregierung vom Mai 2019 könnte die Bundeswehr (aber auch andere Sicherheitsbehörden) aktiv gegen Cyberangreifer vorgehen. Hackback/Gegenschlag wird dieses Vorgehen genannt. Zur Gefahrenabwehr könnten deutsche Sicherheitsbehörden auf ausländischen Servern aktiv werden. Angriffe sollen zurückverfolgt werden, Daten auf dem angreifenden Server gelöscht oder ganze IT-Systeme lahmgelegt werden.

Die technischen Möglichkeiten hat die Bundeswehr, nur darf sie es nicht. Genehmigen muss solche Einsätze der Bundestag. Doch dies setzt voraus, dass die Bundestagsabgeordneten über den konkreten Einsatz informiert werden – was bei Aktionen im Cyberraum, die von Geheimhaltung leben, nicht sinnvoll wäre.

Dazu kommt, dass der Cyber- und Informationsraum (CIR) der Bundeswehr mitunter mit Polizei und Nachrichtendiensten zusammenarbeitet. Dies ist jedoch selbst im Fall von Cyberangriffen nicht erlaubt. Eine gesetzliche Regelung den Handlungsrahmen des CIR wäre nötig, lässt jedoch noch auf sich warten.

750 Millionen für eine Fregatte

Neben dem nötigen Ausbau der Cybertruppe gibt es nach wie vor die konventionelle Verteidigung. Und die ist, da sind sich viele Militärexperten einig, weiterhin nötig. Konventionelle Hardware diene der Abschreckung und sei weit weniger anfällig als die IT-Infrastruktur. Doch teuer ist beides, die Fregatte „Baden-Württemberg“ beispielsweise: 2007 wurde sie geplant, 2011 der Bau begonnen, 2019 in Dienst gestellt. Eine Zeitspanne, die genügte, damit die Technik bei Inbetriebnahme schon wieder als veraltet gilt. Ca. 750 Millionen Euro kostete das leicht bewaffnete Kriegsschiff, das für Überwachungs- und Antipirateneinsätze gedacht ist. Drei weitere Fregatten der Klasse F125 werden folgen.

Die Renaissance der Atomwaffen

Kalter Krieg, Proteste gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen, schließlich die Verschrottung der Atomwaffen: Alles Vergangenheit? Die Gefahr, die von nuklearen Waffensystemen ausgeht, ist heute in der deutschen Öffentlichkeit lange nicht mehr so präsent wie noch vor einigen Jahrzehnten. Doch die Waffen existieren nach wie vor. Weltweit stocken Atommächte ihr Arsenal sogar auf. Und in Deutschland lagern etwa 20 taktische US-Atomwaffen auf dem Fliegerhorst in Büchel in Rheinland-Pfalz.

Die Atomwaffen von heute haben eine extrem hohe Sprengkraft, kleine Nationen wie Pakistan oder Nordkorea bauen ihr Arsenal aus, andere versuchen waffenfähiges Uran anzureichern. Die Gefahr eines Angriffs oder eines Beinahe-Atomkriegs durch Fehlreaktionen wächst wieder - auch durch das Ende der Abrüstungsverträge.

Im Februar 2019 stiegen die USA aus dem INF-Vertrag (Intermediate Range Nuclear Forces) aus, der, 1987 zwischen den USA und der UdSSR geschlossen, als historisches Rüstungskontrollabkommen galt und elementar für die europäische Sicherheit war. Nun dürfen wieder landgestützte Mittelstreckenraketen stationiert werden. 2021 endet auch der New-START-Vertrag über die Begrenzung strategischer Langstreckenwaffen.

Wo steckt die Friedensbewegung?

Mit dem Abbau des Atomwaffen-Arsenals verschwand die Friedensbewegung aus der Öffentlichkeit. Sie hatte es in Deutschland vor allem in den 1980er Jahren, zu Zeiten des NATO-Doppelbeschlusses, geschafft, die Menschen zu Hunderttausenden zum Protestieren auf die Straße zu bringen.

Atomwaffen sind nach Ansicht von ICAN, der internationalen Bewegung gegen Atomrüstung, aber noch immer eine reelle Gefahr. Nur werden sie heute weniger als Bedrohung wahrgenommen, der Klimawandel dafür um so mehr. ICAN setzt sich heute dafür ein, dass Kommunen die Ächtung von Atomwaffen fordern. Massenproteste gegen die nukleare Rüstung, so die Einschätzung der ICAN-Aktivisten, am ehesten dann wieder geben, wenn in Deutschland wieder atomare Mittelstreckenraketen stationiert werden sollten.

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