STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Selbstlosigkeit ist eine große Tugend - und hat doch ihre Schattenseiten: Hilfsbereitschaft, die dem eigenen Ego dient und andere entmachtet, kann schaden und krankhaft werden.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
22:00 Uhr
Sender
SWR Fernsehen

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es - dachte Else Buschheuer und engagierte sich - für Obdachlose und Flüchtlinge; sie arbeitete in der Altenpflege und als Entwicklungshelferin. Bei einem Einsatz in Kalkutta änderte sich jedoch ihr Blick:

Die Erfahrung, in diese Elendskulisse zu gehen und abends ins Hotel hatte für Else Buschheuer etwas voyeurhaftes. Sie hatte dort eine gewisse Macht: Sie verteilte Tabletten oder machte als Sparkassenangestellten sogar kleinere chirurgische Eingriffe.

Slum in Neu-Delhi (Foto: Imago, imago/ Michael Gottschalk/photothek.net)
Not und Elend gibt es viel auf dieser Welt, wie hier in einem Slum in Neu-Delhi, Indien. Doch Helfen-Wollen ist immer eine Gratwanderung. Es gibt auch pathologischen Altruismus aus egoistischen Motiven. Imago imago/ Michael Gottschalk/photothek.net

Was ist selbstloses, altruistisches Handeln?

Vielleicht ist der Altruismus der größte Egoismus? Will ich vielleicht doch Macht ausüben, vermeide ich die Augenhöhe, will ich runterschauen auf jemanden, will ich die vorher-nachher-Show, habe ich die Vision, einen Bettler neu einzukleiden, damit er hübsch aussieht?

Ihre Zweifel hat sie in einem Buch gnadenlos seziert: "Helfen wollen – eine narzisstische Ego-Show?" Klingt provokant.

Else Buschheuer (Foto: SWR, Odysso / Oliver Wittkowski)
Anderen helfen zu wollen kann auch egoistisch motiviert sein, sagt Else Buschheuer aus eigener Erfahrung. Odysso / Oliver Wittkowski


Selbstlose Hilfe erwartet keinen Dank


Für die amerikanische Anthropologin und Buddhistin Joan Halifax ist Altruismus unsere beste Eigenschaft – aber sie hat eine Schattenseite:

"Diese Schattenseite gründet in unseren Bedürfnissen, vor dem Hintergrund unserer menschlichen Erfahrungen – und diese Bedürfnisse reflektieren unser Ego. In einer „reinen“ altruistischen Tat gibt es nicht das „ich“ und den „anderen“. Es gibt nur die Besorgnis, die direkt zu mitfühlendem Handeln führt."

Joan Halifax

Stolz und Aktivismus - Die Schattenseiten des Helfens

„Selbst-lose“ Hilfe im buddhistischen Idealsinn erwartet keinen Dank, kennt keinen Stolz. Joan Halifax vergleicht altruistisches Handeln daher mit einer Gratwanderung: Wir erleben eine erhabene Situation, doch sind wir immer auf der Kippe, gefährdet durch unser eitles Selbst:

Sie erinnert sich, wie sie einst auf die Frage ihres buddhistischen Lehrers, was sie so mache, all ihre guten Taten aufzählte:

„Ich dachte, das sei brillant, doch mein Lehrer sagte: Du bist ein schlechter Bodhisattva! Denn erstens war ich immer so stolz auf das was ich für andere tue. Und zweitens entmachtete mein Aktivismus die anderen, das kam einfach aus meinem Ego."

Joan Halifax
Joan Halifax  (Foto: SWR, Odysso / Oliver Wittkowski)
Hilfe kann auch mehr schaden als sie nutzt, wenn man den anderen dafür entmündigt, sagt Joan Halifax. Odysso / Oliver Wittkowski

Pathololgischer Altruismus ist schädlich

Joan Halifax erlebte als Entwicklungshelferin, wie Hilfsorganisationen – in ihrer Retterrolle - die einheimische Bevölkerung in die Unselbstständigkeit trieben. Auch das kann pathologischer Altruismus sein: Hilfe, die alles an sich reißt, den anderen entmachtet. Und so mehr schadet als nutzt. 

Auch Else Buschheuer kennt das: Sie nahm Flüchtlinge auf und erwartete, dass ihre Schützlinge dankbar ihre Wertmaßstäbe erfüllen:

"Ich habe doch meine Vorstellung gehabt, was aus den jungen Männern werden wird: wie sie sich verhalten, wie sie sich kleiden, wie sie deutsch sprechen, damit ich stolz sein kann. Ich hatte all diese pseudomütterlichen Gefühle, die auch einen gewissen Druck ausgeübt haben, ohne dass ich mir dessen bewusst war. "

Else Buschheuer

Selbstdiagnose: Helfersyndrom


Sie könne besser geben als nehmen, sagt sie über sich. So fühlte sie sich oft ausgenutzt, obwohl sie sich selbst zum Ausnutzen freigab. Selbstdiagnose: Helfersyndrom.

Mit diesem Begriff beschrieb der bekannte Psychotherapeut Wolfgang Schmidbauer die Selbstüberforderung von Menschen - vor allem in sozialen Berufen - die in Aggression oder Burnout münden kann.

Wer hilft, weil er lieber andere abhängig sieht, als sich selber; wer den Retter spielt, um zu sich selbst zu erhöhen – dessen Helferdrang kann pathologisch, krankhaft werden.

Bettler in Indien (Foto: SWR, Odysso / Oliver Wittkowski)
Pathologischer Altruismus kann für Helfer auf die Dauer zu einer echten Überlastung führen. Odysso / Oliver Wittkowski

So treffen sich Psychologie und Buddhismus in der Kritik unseres eitlen Selbst. Kein Zufall, dass Else Buschheuer Qigong praktiziert: Körper-Seelen-Kultivierung mit buddhistischem Touch: Auch hier gilt es, sich von Ego und Erwartungen zu lösen. Doch so ganz „selbst-los“ zu sein, ist ihre Sache nicht:

"Die wirkliche Gefahr beim Helfen ist meines Erachtens ein schwaches Selbst und nicht ein starkes Selbst. Denn ein schwaches Selbst will sich ja füttern aus den anderen. Ein starkes Selbst kann in Balance bleiben und dann auch wirklich angemessen helfen."

Else Buschheuer

Was unsere innere Balance fördert, ist unsere Motive beim Helfen genau zu erforschen, sagt Joan Halifax. Und so aufrichtig wie möglich zu handeln:

In allem, was wir tun, findet sich unser Ego! Was mir wichtig erscheint, ist, das anzuerkennen und daraus zu lernen: Es geht nicht darum, der perfekte, selbstlose Altruist zu sein. Wir müssen unsere elementare Menschlichkeit anerkennen, einschließlich unserer Schwächen, Fehler und Enttäuschungen.

Joan Halifax

Else Buschheuer hilft weiterhin - in der Bahnhofsmission: Aber sie hat dazu gelernt: Sie macht Probleme anderer nicht sofort zu ihren eigenen, setzt klare Zeitrahmen. Und akzeptiert ihre eigenen Grenzen und Schwächen. Ein Glück für all die Menschen, denen sie noch helfen wird.   

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG