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Verkehrsplaner arbeiten an Mobilitätskonzepten für die Stadt, die freien Zugriff auf alle Verkehrsmittel ermöglichen, ohne dass man sie besitzt und man öfter aufs Auto verzichten kann.

Es ist keine grundsätzliche Entscheidung gegen das Auto, wenn sich Verkehrsexperten wie Prof. Christoph Hupfer Gedanken über alternative Verkehrskonzepte mit weniger Autos machen. Es geht ihnen schlicht darum, Flächen für die Fußgänger und Radfahrer zurückzugewinnen. Zirka ¾ unserer Straßenflächen in der Stadt werden durch Autos belegt, so schätzen die Karlsruher. Dabei sind Autos erstaunlich ineffektiv. Bahn, Bus und Fahrrad bieten ein Vielfaches an Transportleistung pro Fläche.

Dort wo zwei oder drei Autos parken - und ein Auto steht im Durchschnitt 23 Stunden pro Tag – dort könnten genauso Grünflächen, Café-Tische oder Parkbänke stehen und das würde deutlich mehr zur Attraktivität des öffentlichen Raums beitragen.

„Eine Fläche kann man nur einmal vergeben und wir sollten uns gut überlegen, was wir draufstellen.“

Prof. Christoph Hupfer, Verkehrsexperte

Ohne Autos geht es zwar oft nicht, aber viele Familien besitzen zwei, drei oder mehr Autos. Für die geringe Zeit, in der man auf Autos zurückgreift, würde in den meisten Fällen allerdings auch ein Car-Sharing Wagen ausreichen. Dadurch könnte enorm viel öffentlicher Raum frei werden. Wertvoller Platz, der dringend gebraucht wird, denn nach wie vor verlagern viele ihren Wohnsitz in die Stadt, weshalb dort die Flächen ständig nachverdichtet werden.

Ein Flächenvergleich - 70 Menschen unterwegs mit Auto, Fahrrad oder Bus (Foto: Cycling Promotion Fund)
Welches Verkehrsmittel braucht wieviel Platz? Cycling Promotion Fund

Mobil ohne eigenes Auto

Egal ob Stuttgart, Paris, London, Jakarta oder Schanghai - fast alle Großstädte auf der Welt kämpfen gegen das zunehmende Verstopfen der Innenstädte durch Autos und den Verlust an Lebensqualität. Oft geht es dabei auch um eine Verbesserung der Luft. Feinstaub, Stickoxide und eine starke Aufheizung im Sommer erfordern mehr Grünflächen und weniger Straßen und Beton.

Das Ziel sind deshalb intelligente Mobilitätskonzepte, die keinen eigenen PKW erfordern und trotzdem eine gute Mobilität bieten. Eine solche Lösung könnte eine Verkehrs-App sein, die alle Mobilitätsangebote einer Stadt, vom E-Scooter, Fahrradverleih, über Busse und Bahnen bis hin zum Car-Sharing zentral zusammenfasst.

In Karlsruhe wird aktuell eine solche App getestet und das Besondere daran ist, dass sie offen für alle Anbieter ist. Jeder Nutzer kann so nach Eingabe des Ziels übersichtlich sehen, welche Verkehrsmittel ihm zur Verfügung stehen, wie schnell sie sind und was sie kosten.

Auch das Buchen und Bezahlen aller Angebote läuft zentral über die App. Und es soll außerdem bald möglich sein, dass jeder Nutzer seine Vorlieben individuell einstellen kann, je nachdem, wieviel er zum Beispiel zu Fuß gehen will oder kann. Ziel ist es, dass man auf alle Verkehrsmittel nach Lust und Laune zugreifen kann, ohne solche selbst besitzen zu müssen. Dadurch würden beträchtliche Mengen an öffentlichem Raum wieder frei werden.

Blick auf die Verkehrs-App, die direkte Vergleichsmöglichkeiten zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln bietet. (Foto: SWR)
Die Verkehrs-App „regiomove“ bindet alle Mobilitäts-Anbieter vom E-Scooter bis zum Stadtmobil übersichtlich in eine App ein.

ÖPNV

Eine Bedingung gibt es allerdings für ein solches intelligentes Mobilitätskonzept: Es müssen erst einmal gut funktionierende alternative Angebote in der Stadt zur Verfügung stehen, die mit dem Auto konkurrieren können. Ein gut getakteter ÖPNV zum Beispiel, der überall schnell erreichbar und dabei zuverlässig, sauber und sicher ist.

Ein bundesweiter Vergleich der ÖPNV-Angebote konnte hier zeigen, dass der Preis meist nicht entscheidend ist, sondern die Qualität (ÖPNV-Report 2017). Anhand solcher Untersuchungen, könnten gezielt Verbesserungen des ÖPNV in allen Städten realisiert werden, damit mehr Menschen vom Auto auf Busse und Bahnen umsteigen.

Menschen steigen aus der Stadtbahn (Foto: SWR)
Nur ein ÖPNV der schnell, sicher und sauber ist, wird zur Konkurrenz für Autos

Die Fahrradinfrastruktur steckt in den Kinderschuhen

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Radwegenetz der Städte. Noch folgt der Verkehr in vielen Kommunen dem alten Leitbild der „autogerechten Stadt“, das in der Nachkriegszeit entwickelt wurde. Es führte wie zum Beispiel in Stuttgart dazu, dass wichtige Verkehrsachsen zwar mit bis zu fünf oder sechs Autospuren ausgebaut wurden, aber Radwege komplett fehlen.

Dadurch ist das Radfahren oft sehr gefährlich. Selbst in Fahrrad-freundlichen Städten wie Freiburg gibt es viele für Radfahrer gefährliche Orte. Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen, weil zum Beispiel rechtsabbiegende LKW`s den Radfahrer im toten Winkel nicht sehen können. Die Radinfrastruktur wurde in der deutschen Verkehrsentwicklung Jahrzehnte lang vernachlässigt. 2020 richtete man deshalb an sieben Universitäten in Deutschland Fahrrad-Professuren ein, um diesen Nachholbedarf in der Erforschung und Städteplanung auszugleichen. Denn nur gutausgebaute und sichere Radwege machen das Fahrrad zu einer echten Konkurrenz für das Auto.

Große Verkehrskreuzung ohne eine einzige Fahrradspur (Foto: SWR)
Fünf bis sechs Autospuren, aber keine einzige Radspur – so hat Radfahren in der Stadt keine Chance sich zu entwickeln

Sind Pop-up-Radwege die Lösung?

Eine Umverteilung der Verkehrsflächen vom Auto zum Fahrrad- oder Fußverkehr ist allerdings nicht ohne Widerstand zu erreichen, da durch die Verknappung der Autospuren, der Autoverkehr zähflüssiger wird. Viele Kommunen schrecken deshalb vor schnellen Änderungen zurück und neue Radwege müssen jahrelange Planverfahren durchlaufen, bevor sie realisiert werden können.

Mit dem Konzept der Pop-up-Radwege wurde während des Lockdowns im Frühjahr 2020 allerdings in vielen Städten das langwierige Planungsverfahren sehr verkürzt. Quasi über Nacht entstanden aus Autospuren, Fahrradspuren. Weil das Radfahren unter Pandemiebedingungen plötzlich sehr wichtig war, konnten sich viele Stadtbezirke zu dieser mutigen Entscheidung durchringen.

Noch stehen die Pop-up-Radwege, die zunächst nur vorübergehend eingerichtet wurden, allerdings sehr in der Kritik. Sie zeigen aber, dass schnelle Veränderungen möglich sind. Die Auswertung der Verkehrszählungen und die juristische Auseinandersetzung werden zeigen, ob Pop-up-Radwege auch weiterhin ein Mittel sein können, um Veränderungen, auf die viele Radfahrer lange gewartet haben, endlich einzuleiten. Nachhaltige Veränderungen werden aber wahrscheinlich nur durch eine konsequente Neuausrichtung der Prioritäten im Verkehr möglich sein.

Einfahrt in den pop-up Radweg (Foto: SWR)
Eine Autospur wird zum Pop-up Radweg

Linktipps:

Mobilität in Deutschland“ Report im Auftrag des Bundesverkehrsministerium über das Mobilitätsverhalten der Deutschen

Filmempfehlung: „The Human Scale“, Trailer auf youtube. Der Film erzählt davon, wie das Auto unsere Lebensumwelt verändert

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