Vergessen, um zu Erinnern

Auf der Spur des Vergessens

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Unser Gehirn muss vergessen, damit wir uns erinnern. Ein jüngst entdecktes Gen und Menschen, die sich an jeden Tag ihres Lebens erinnern, spielen dabei und in der Alzheimer-Forschung eine entscheidende Rolle.

Warum Vergessen wichtig ist

Auf der Suche nach der „Formel des Vergessens“ haben Neurowissenschaftler der Universität Basel ein Gen entdeckt, das eine entscheidende Rolle beim Prozess des Vergessens spielt. Möglich war diese Entdeckung ausgerechnet mit Hilfe von Menschen, die nicht vergessen können und sich an jeden Tag ihres Lebens erinnern.

Diese Menschen mit dem Hyperthymestischen Syndrom sind durch die Flut ihrer Erinnerungen oft überfordert. Für ihre außergewöhnliche Gehirnleistung fehlt bisher jede wissenschaftliche Erklärung. Die Neurowissenschaftler Prof. Andreas Papassotiropoulos und Prof. Dominique de Quervain an den Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel gingen von der Überlegung aus, dass dieses Syndrom des „Nicht-Vergessens“ eine genetische Ursache hat.

Anders als gemeinhin angenommen ist Vergessen keine Fehlleistung des Gehirns, sondern ein Prozess, der ständig abläuft. Das Gehirn ist gewissermaßen darauf angelegt zu vergessen. Von den unzähligen Sinneseindrücken, die das Gehirn wahrnimmt, speichert es nur einen kleinen Teil. Die meisten Sinneseindrücke werden wieder vergessen. Nur so kann das Gedächtnis die Balance zwischen Erinnern und Vergessen halten und gut funktionieren.

Dieser Prozess des Vergessens verbraucht Energie. Bei den Personen mit dem Hyperthymestischen Syndrom scheint das anders zu sein. Noch hat das neuentdeckte Gen von den Personen, die nicht vergessen können, keinen Namen. Aber es ist das erste Mal, dass eine Ursache für das Hyperthymestische Syndrom gefunden wurde. Und mehr noch: das entsprechende Gen könnte der molekulare Schalter sein, der den Prozess des Vergessens reguliert.

Das Gedächtnis ist auf Vergessen angelegt (Foto: SWR, SWR)
Erinnern und Vergessen sind zwei Seiten einer Medaille SWR

Das Gehirn als Google-Maschine – Menschen, die nicht vergessen

Die Amerikanerin Jill Price kann sich an jeden Tag ihres Lebens erinnern, seit sie 14 Jahre alt ist. Wenn sie nach einem bestimmten Datum gefragt wird, schildert sie den Tag in jedem Detail. Jill Price scheint eine Gedächtniskünstlerin zu sein. Aber die Flut der Gedanken ist für sie oft eine Belastung. Auch schlechte Ereignisse in ihrem Leben wird sie nicht los. Die junge Frau ist verzweifelt und sucht Hilfe.

Im Jahr 2000 wendet sie sich an den renommierten Neurowissenschaftler Prof. James McGaugh an der University of California, Irvine. Er trifft sich mit ihr, macht zahlreiche IQ- und andere Tests. Mit einem Chronik-Jahrbuch stellt er sie auf die Probe und ist verblüfft: „Sie kann sich nicht nur an jeden Tag ihres eigenen Lebens erinnern, sondern weiß auch, was an diesem Tag sonst an Ereignissen stattfand, und auch an die am Tag zuvor und einen Tag später!“ James McGaugh nennt das Phänomen HSAM (Highly Superior Autobiographical Memory). In Deutschland wird es Hyperthymestisches Syndrom genannt. Welche Mechanismen hinter diesem „weit überlegenen autobiographischen Gedächtnis“ stecken ist unklar.

2006 erscheint zum ersten Mal eine Publikation. Etliche melden sich und meinen ebenfalls dieses Syndrom zu haben. James McGaugh diagnostiziert weitere 4 Probanden: „Einer von ihnen sagte, es funktioniert wie eine Google-Suchmaschine. Du gibst etwas ein und dann – chickchickchik- ist es da: Das Jahr, der Monat, der Tag, es verdichtet sich, macht Peng und dann hab ich’s. Und zwar ziemlich schnell, einfach chickchickchick!”

Publikationen und Talkshows machen das Syndrom publik. Viele melden sich bei James McGaugh. Er diagnostiziert weitere HSAM-Personen, jetzt sind es mehr als 60. Aber eine wissenschaftliche Erklärung für dieses phänomenale Erinnerungsvermögen gibt es immer noch nicht.

Ihr Gehirn funktioniert wie eine Google-Suchmaschine (Foto: SWR, SWR)
Prof. James McGaugh entdeckt Menschen mit außerordentlichem Gedächtnis SWR

Dem Vergessen auf der Spur

Das Hyperthymestische Syndrom ist äußerst selten. Als der Neurowissenschaftler Prof. Andreas Papassothiropoulos vor einigen Jahren einen Aufruf startet ist, unter Tausenden kein Einziger, keine Einzige dabei, die den ersten Test besteht. Papassothiropoulos schätzt die Wahrscheinlichkeit des hyperthymestischen Syndroms auf 1:1 Million.

Es ist in der Tat eine faszinierende Kuriosität, aber vielleicht könnte darin auch der Schlüssel zu den tiefsten Geheimnissen unseres Gedächtnisses liegen, dem Vergessen. Die Neurowissenschaftler in Basel kommen schließlich auf eine Idee. Prof. Dominique de Quervain war vor mehr als 20 Jahren als Postdoctorand bei James McGaugh gewesen. Über ihre Forschungen sind sie all die Jahre in Kontakt geblieben.

Zwischenzeitlich hat James McGaugh die DNA-Proben von 60 HSAM-Probanden in den USA sichergestellt. Für seine Kollegen in Basel stellt sich das jetzt als Riesenchance heraus. Im Jahr 2010 schickt James McGaugh 21 seiner DNA-Proben an seine Kollegen in die Schweiz. Aber zu dieser Zeit ist die Genomanalyse noch aufwändig und teuer. Also lagern die DNA-Proben im Kühlkeller der Psychiatrischen Kliniken bei minus 80 Grad Celsius. Mehr als zehn Jahre lang. Erst als die Genomsequenzierung schneller und billiger wird, können sie die DNA-Proben eingehend untersuchen. Im Februar 2022 werden sie fündig.

Im Genom der Probanden mit dem Hyperthymestischen Syndrom finden sie eine Auffälligkeit, ein ganz bestimmtes Gen. Mit dieser Erkenntnis ist klar: Es geht nicht unbedingt darum, warum sich die Personen mit dem hyperthymestischen Syndrom an so vieles erinnern. Jetzt verfolgen die Wissenschaftler die eigentliche Fragestellung, nämlich warum wir vergessen!

Zehn Jahre lagerten die DNA-Proben bei Minus 80 Grad Celsius (Foto: SWR, SWR)
Das neuentdeckte Gen als Grundlage für die Entwicklung von Medikamenten gegen Alzheimer und Demenz SWR

Gentransfer im Wurmlabor – der Weg zum Medikament gegen Alzheimer und Demenz

Für die „Formel des Vergessens“ untersuchen die Neurowissenschaftler, welche Funktion das neuentdeckte Gen im Gehirn hat. Diese Frage klären sie an einem Modellorganismus, dem Fadenwurm C.elegans (Caenorhabditis elegans). Dieser Winzling - kleiner als 1 cm und mit bloßem Auge gerade noch zu erkennen - hat zwar kein Gehirn, aber 302 Nervenzellen, deren Funktion bekannt ist. Man weiß, dass der Wurm Lernen und Vergessen kann.

Die Forscher teilen die Würmer in zwei Gruppen ein und vergleichen das Verhalten der Würmer mit und ohne menschliches Gen. Ziel ist jene Substanz, jenes Protein herauszufinden, mit dem sich das menschliche Vergessen hemmen lässt. Die Experimente im Wurmlabor sollen die Entwicklung von Medikamenten beschleunigen gegen Alzheimer, Demenz und andere Erkrankungen, bei denen das Vergessen eine Rolle spielt.

Fadenwürmer erhalten menschliches Gen (Foto: SWR, SWR)
Mit Gentransfer zum Schlüssel des Vergessens SWR

Linktipps:

Fragebogen zum autobiographischen Gedächtnis

Um festzustellen, ob jemand die außergewöhnliche Gedächtnisleistung HSAM besitzt, entwickelte James McGaugh aufwendige Diagnose- und Testverfahren. Zur ersten Feststellung gehört der Fragebogen zum autobiographischen Gedächtnis:


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