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Er ist Seelentröster und Stressventil. Aber er verändert uns auch, macht krank und süchtig. Dennoch ist Alkohol gesellschaftlich weitgehend akzeptiert und ein Milliardengeschäft.

Wenn Frauen zu viel trinken

Alkoholkonsum – allein oder in der Gruppe, im Verein, in der Kneipe und manchmal auch bei der Arbeit – das war lange Zeit überwiegend Männersache. Doch dieses Bild gehört der Vergangenheit an. Frauen greifen heute häufiger zum Glas – entsprechend viele konsumieren gefährlich hohe Mengen oder sind bereits alkoholabhängig. Heute kommt statistisch gesehen eine alkoholkranke Frau auf 2,5 Männer, Tendenz steigend. Der riskante Konsum ging bei den Männern in den vergangenen 20 Jahren zurück, stellt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung fest; bei Frauen blieb er weitgehend unverändert.

Auffällig ist: Zu viel trinken die unter 25-Jährigen sowie Männer und Frauen zwischen 45 und 65 Jahren, und zwar das Dreieinhalb- bis Vierfache dessen, was die Deutsche Gesellschaft für Ernährung für tolerierbar hält.

Die Gründe, weshalb bei den Süchtigen der Anteil der Frauen steigt, sind vielfältig. Vermutet werden Stress im Beruf, Doppelbelastung durch Job und Haushalt, aber auch traumatisierende Erlebnisse und ein verändertes Selbstbewusstsein. Den „typischen“ Weg in die Sucht und die Probleme, die aus der Allgegenwart und der Bewerbung von Alkohol im Alltag entstehen, schildert Autorin Andrea Noack in ihrem Buch. Dazu kommt: Die Alkoholindustrie hat die Frauen als Zielgruppe entdeckt. Besonders stark beworben werden Produkte, die eher von Frauen konsumiert werden, beispielsweise Liköre.

Das Gehirn trinkt mit

Es gibt Situationen, in denen steigt die Lust auf Alkohol. Welche das sind und was dabei im Gehirn vorgeht, erforschen Wissenschaftler des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim: Negativer Stress ist bei Abhängigen einer der Auslöser, also beispielsweise bei schwierigen Problemen oder Stress bei der Arbeit. Und auch der Suchtdruck selbst verursacht physischen Stress. Im Gegensatz dazu gibt es den positiven Stress, beispielsweise Ausdauersport, der das Verlangen nach Alkohol eher reduziert.

Messbar sind die Reaktionen wie erhöhter Puls, Muskelspannung, Schwitzen der Hände. Doch Alkoholkonsum verursacht auch Veränderungen im Gehirn: Was es mit Alkohol verbindet, zum Beispiel eine Flasche Bier oder Wein, erkennt es irgendwann besonders schnell, weil es genau darauf trainiert ist. Und schon steigt der Suchtdruck, das Gehirn verlangt nach der Belohnung.

Die gute Nachricht: Das Gehirn kann sich auch wieder erholen, haben die Forscher herausgefunden. Wer aufhört zu trinken, hat gute Chancen, dass sich physische Veränderungen im Gehirn wieder zurückbilden.

Alles schön dank Alkohol?

Alkohol löst die Zunge und die Hemmungen und: Wer Alkohol trinkt, findet nicht nur die Menschen in seiner Umgebung plötzlich viel attraktiver, sondern auch sich selbst. Es wird mehr gelächelt, alles ist lockerer. Die Grundzutaten einer Party also.

In mehreren Versuchen stellten Wissenschaftler fest: Tatsächlich finden Menschen unter Alkoholeinfluss andere Menschen schöner; auch nicht-symmetrische Gesichter gelten plötzlich als attraktiv. Doch das Gehirn lässt sich austricksen. Bei Kontrollversuchen mit Placebos – in diesem Fall Getränken, die zwar nach Alkohol rochen, aber keinen enthielten – reagierten die Versuchspersonen genau gleich. Sie fanden die Menschen in ihrer Umgebung und auch sich selbst toll und attraktiv. Und das bei Null Promille!

Ohne Alkohol: Der Körper erholt sich

Pro Tag sollten Männer nicht mehr als 24 Gramm Alkohol trinken, Frauen nicht mehr als zwölf – das ist die Empfehlung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Doch die Deutschen übersteigen diese Empfehlung für die maximal tolerierbare Dosis mit 40 beziehungsweise 29 Gramm bei Weitem. 40 Gramm entsprechen etwa zwei Flaschen Bier.

Viele Experten plädieren für kompletten Verzicht, da Alkohol auch in geringsten Mengen Schaden im Körper anrichtet: Über 200 Krankheiten, von Herz-Kreislauferkrankungen bis Schädigungen des Nervensystems, können durchs Trinken entstehen. Besonders schwerwiegend wirkt sich Alkoholkonsum in der Schwangerschaft aus: Hier reicht bereits einmalig eine geringe Menge, um das Kind zu schädigen.

Alkohol löst im Magen Entzündungen aus; er schädigt die Leber, die versucht, ihn unschädlich zu machen; er beeinträchtigt die Nerven-Verbindungen im Gehirn und lässt Gehirnzellen absterben.

Doch es gibt auch gute Aussichten für alle, die mit dem Alkoholkonsum aufhören wollen: Hat der Körper durch Abstinenz die Gelegenheit, können sich geschädigte Organe auch wieder erholen, beispielsweise der Magen, das Gehirn oder das Herz.

Alkohol hat eine starke Lobby

Die Deutschen trinken zwar weniger Alkohol als noch vor 40 Jahren, schneiden im internationalen Vergleich aber immer noch schlecht ab: Mit durchschnittlich elf Litern reinen Alkohols pro Jahr gehört Deutschland zu den Hochkonsumländern. Und die deutsche Alkoholindustrie sorgt dafür, dass es auch so bleibt. Über 600 Millionen Euro werden jährlich ausgegeben, um Werbung für alkoholhaltige Getränke zu machen; die Bundesregierung versucht mit Aufklärungskampagnen dagegenzuhalten. Immerhin sterben in Deutschland jedes Jahr etwa 70.000 Menschen an den Folgen von Alkohol.

Verbote für Alkoholwerbung gibt es wenige: Die Werbung darf sich laut Jugendschutzgesetz nicht an Kinder und Jugendliche wenden und in Kinos erst nach 18 Uhr gezeigt werden. Weitere Beschränkungen gibt es nicht, obwohl gerade Kinder und Jugendliche besonders gefährdet sind. Bundesregierung und Alkoholwirtschaft setzen auf die eigene Verantwortung der Verbraucher und Selbstbeschränkungen der Industrie.

Alkohol gehört auch für Politiker bei öffentlichen Auftritten ganz selbstverständlich dazu. Und die Alkohollobby pflegt Kontakte und Einfluss, um Beschränkungen zu vermeiden. Immerhin geht es für die Branche um Umsätze von jährlich über 44 Milliarden Euro (2019) – allein in Deutschland.

Bier für Afrika

Satte Gewinne verspricht der afrikanische Markt. Dort lebt zwar die muslimische Bevölkerung abstinent, doch unter den 1,3 Milliarden Einwohnern gibt es genug andere, die als Kunden in Frage kommen. Vor allem drei große Konzerne haben den Markt unter sich aufgeteilt: Heineken, Diageo und Anheuser-Busch. Der Markt wächst, Einschränkungen beim Verkauf gibt es im Grunde genommen keine. Mit speziellen Werbestrategien versucht beispielsweise Heineken, seinen Absatz zu steigern. Zielgruppen sind vor allem junge Menschen mit steigendem Einkommen. Auch die afrikanischen Frauen, die bisher eher abstinent blieben, sollen zum Alkoholkonsum gebracht werden. Und sie sollen wiederum Männer dazu bringen, mehr zu trinken – und zwar den Importalkohol. So heuert Heineken „Promotion“-Frauen an. Sie animieren die männlichen Kunden, vor allem das Stout-Bier von Heineken zu trinken und sich danach eventuell noch mit ihnen im Zimmer zu amüsieren.

Bereits 2010 beschloss die Weltgesundheitsorganisation eine globale Strategie zur Senkung des schädlichen Gebrauchs von Alkohol. Bis heute hat sich die Situation jedoch kaum geändert.

Unsichtbare Gefahr: Versteckter Alkohol

Wo „alkoholfrei“ draufsteht, kann durchaus Alkohol drin sein. Bekanntestes Beispiel für versteckten Alkohol sind die vermeintlich alkoholfreien Biere. Sie können 0,5 Volumenprozent haben, Malzbier sogar ein Volumenprozent. Noch mehr ist es bei Essig: Bis zu 1,5 Prozent vol. Alkohol können in der Flasche stecken. Doch auch Saft, bei dem durch Gärung Alkohol entsteht, hat nicht unbedingt Null Promille.

Eher unbekannt ist Alkohol in Brot – er entsteht, wenn die Hefe Kohlehydrate zu Alkohol umbaut. Auch Süßes wie fertige Rührkuchen oder Schokoschnitten haben es durchaus in sich. Allen Produkten ist eines gemeinsam: Der enthaltene Alkohol muss aus unterschiedlichsten Gründen nicht auf der Packung deklariert werden. Alles, was weniger als 0,5 Volumenprozent hat, gilt ohnehin als alkoholfrei.

Für die meisten Verbraucher ist dies unproblematisch, nicht jedoch für alle. Gründe dafür können religiöse Vorschriften sein; ehemaligen Alkoholikern droht durch geringste Mengen Alkohol ein Rückfall; Kinder und Schwangere sollten ohnehin komplett alkoholfrei leben. Wer Alkohol zu 100 Prozent vermeiden will oder muss, dem bleibt nur ein Studium der Packungsangaben.

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