Ein Kleinkind wird geimpft. Über 95 Prozent der Bevölkerung sprechen sich für das Impfen aus.  (Foto: Imago, imago images / Westend61)

Medizin Impfgegner – Minderheit mit großer Wirkung

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Der Versuch in den Medien, Pro- und Kontra-Positionen zum Thema Impfung ausgewogen zu besetzen, führt in die Irre. Tatsächlich sind weit über 90 Prozent der Deutschen für das Impfen.

Wer in Facebook das Wort Impfen in die Suchleiste tippt, stößt sofort auf Impfgegner und ihre Kritik. Oft plakativ, provokant und emotional wird hier vor allem gegen das Impfen Stellung bezogen.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
22:00 Uhr
Sender
SWR Fernsehen

Cornelia Betsch ist Psychologin und Expertin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt. Sie macht die Medien mit für diese Schieflage verantwortlich. Dort entstünde der Eindruck, als gäbe es ebenso viele Impfgegner wie Befürworter.

Impfgegner (Foto: Imago, imago images / Christian Mang)
In den Medien entsteht oft der Eindruck, die Gruppe der Impfgegner sei ebenso groß wie die der Impfbefürworter. Imago imago images / Christian Mang

"Wenn man zum Beispiel eine Fernsehdebatte zum Thema Impfen sieht, dann ist dort in der Regel eine Person, die für das Impfen ist. Und eine, die dagegen ist. Und dann denkt man als Fernsehzuschauer: naja, klar, man kann dafür oder dagegen sein."

Cornelia Betsch, Psychologin und Expertin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt.

Was aber dabei vergessen werde, ist die Tatsache, dass die beiden Gruppen ganz unterschiedlich groß sind. Denn die Zahl der Impfgegner ist in Deutschland sehr klein. Während zwischen 95 und 97 Prozent der Bevölkerung für das Impfen sind, sprechen sich nur etwa 3 bis 5 Prozent dagegen aus.  

Mädchen wird geimpft (Foto: Imago, imago images / Sven Simon)
In Deutschland sprechen sich zwischen 95 und 97 Prozent der Bevölkerung für das Impfen aus. Imago imago images / Sven Simon

Impfen und Autismus

Von Impfgegnern wird häufig Autismus als Nebenwirkung des Impfens genannt. Für den angebliche Zusammenhang wird im Netz eine Studie des britischen Arztes  Andrew Wakefile zitiert. In der Studie von 1998 präsentierte der britische Mediziner zwölf Kinder, die  durch eine Impfung Autismus bekommen hätten, wie es heißt. 12 Fälle von Millionen Impflingen.

Anrüchig dabei: Andrew Wakefield hatte einen eigenen, angeblich sicheren Impfstoff entwickelt. Damit hätte er – wenn seine Kampagne Erfolg gehabt hätte - ordentlich Kasse machen können. Außerdem gab es Anwälte, die Entschädigungen für Autisten erstreiten wollten. Von ihnen bekam Wakefield 55.000 Pfund.

Forscher auf der ganzen Welt versuchten, die Ergebnisse der Studie nachzuvollziehen. Ohne Erfolg. Die Studie wurde zurückgezogen. Ihr Autor offiziell gerügt. Wakefield verlor in England seine Zulassung als Arzt.

Hand hält Impfspritze vor Impfausweis (Foto: Imago, imago images / Christian Ohde)
Von Impfgegnern wird oft die Autismus-Studie des britischen Arztes Andrew Wakefile zitiert. Diese Studie über den Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus bei Kindern musste der Brite aber zurückziehen. Außerdem verlor er seine Zulassung als Arzt. Imago imago images / Christian Ohde

Only bad news are good news

Im Internet wird generell gerne Impfangst geschürt. Das funktioniert besonders gut, weil negative Nachrichten unsere Aufmerksamkeit anziehen:

"Weil es natürlich evolutionsbiologisch wichtiger ist, möglichen Gefahren auszuweichen. Also lieber einmal mehr ausgewichen, als einmal zu wenig."

Psychologin Cornelia Betsch

Diese evolutionsbiologische Prägung führt dazu, dass wir uns negative Nachrichten besser merken können als positive. Im Medienbetrieb hat sich diese Wahrnehmungsdisposition längst in Form einer goldenen Regel niedergeschlagen. Seit vielen Jahren heißt es dort: „Only bad news are good news“.

Impfmüdigkeit – eine Gefahr

Diese Bevorzugung schlechter Nachrichten bleibt nicht ohne Einfluss auf die Impfbereitschaft. So zählt die Weltgesundheitsorganisation mittlerweile Impfmüdigkeit unter die größten Gesundheitsrisiken weltweit. So wie die gefährliche Seuche Ebola. Oder die Belastung durch Luftverschmutzung und Klimawandel. In diese Liga ordnet die WHO auch die Impfmüdigkeit ein. So habe die Zahl der Masernfälle durch Impfmüdigkeit in den letzten Jahren um 30 Prozent zugenommen. Und einige Krankheiten, die kurz vor der Ausrottung standen, seien zurückgekehrt. Die WHO warnt vor der Gefahr, die öffentliche Wahrnehmung durch wenige sensationelle Fälle negativ zu beeinflussen.

Hand hält Impfspritze vor Impfausweis, Symbolfoto  (Foto: Imago, imago images / Christian Ohde)
Die WHO warnt vor der Impfmüdigkeit weltweit. Sie zählt sie zu den zehn größten Gesundheitsgefahren. Imago imago images / Christian Ohde

Impfschäden werden überwacht

Natürlich gebe es gewisse Risiken des Impfens, sagt die Expertin für Gesundheitskommunikation, Cornelia Betsch. Aber die müsse man im Verhältnis zu dem Nutzen sehen. Im Paul-Ehrlich-Institut werden Verdachtsfälle von Impfschäden genau untersucht. Das Sicherheitsnetz sei hier sehr dicht. Trotzdem könne es Einzelfälle gebe, in denen das Impfen zu Nebenwirkungen und Gesundheitsschäden führt. Diese Fälle würden aber alle nachverfolgt und auch von staatlicher Seite entschädigt.

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