Immunkonditionierung So nutzt die Medizin den Placeboeffekt

AUTOR/IN
Dauer
Sendedatum
Sendezeit
22:00 Uhr
Sender
SWR Fernsehen

Das Immunsystem kann mithilfe eines besonderen Getränks auf eine Wirkung konditioniert werden. Das gibt vor allem Menschen mit einem Spenderorgan neue Hoffnung.

Hoffnung für viele Patienten

Patienten mit einem Spenderorgan müssen Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Ansonsten würde das transplantierte Organ vom Körper abgestoßen werden. Auch bei chronischen entzündlichen Erkrankungen oder Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose muss das körpereigene Immunsystem mit sogenannten Immunsuppressiva unterdrückt werden.

Die Nebenwirkungen können gefährlich werden: Neben einer größeren Anfälligkeit für Infektionen können die Immunsuppressiva unter anderem die Niere schädigen und Diabetes hervorrufen. Außerdem erhöhen sie das Krebs-Risiko. Forscher der Uniklinik Essen haben einen ungewöhnlichen Weg gefunden, die Nebenwirkungen dramatisch zu senken: Mit einem grünen Placebo-Getränk.

Placebos können in der Medizin auch gezielt eingesetzt werden. (Foto: SWR, Manuel Gerber)
Placebos können in der Medizin auch gezielt eingesetzt werden. Manuel Gerber

Das Prinzip Immunkonditionierung

Das Getränk besteht aus Erdbeermilch mit Lebensmittelfarbe und Lavendelöl. Die ungewöhnliche Mischung hat einen wichtigen Grund: Der Geschmack muss völlig neuartig für die Patienten sein. In Studien ließen die Essener Forschungsgruppe um Professor Manfred Schedlowski gesunde Probanden das grüne Placebo-Getränk trinken und dann Immunsuppressiva einnehmen. Dabei verbindet das Immunsystem die Wirkung der Medikamente mit dem Geschmack des grünen Getränks. Die Forscher sprechen von Immunkonditionierung. Danach trinken die Probanden nur noch das grüne Placebo-Getränk.

Der erstaunliche Effekt: Die Wirkung auf das Immunsystem bleibt zunächst gleich, auch ohne die Medikamente. Das Immunsystem wird unterdrückt - allein durch die Wirkung des Placebo-Getränks. Das Prinzip der Konditionierung wurde zum ersten Mal von dem russischen Forscher Iwan Petrowitsch Pawlow beschrieben. Er ließ im Jahr 1905 bei der Fütterung von Hunden immer eine Glocke klingeln. Später führte allein der Ton der Glocke zu Speichelfluss bei den Hunden, weil sie den Ton mit der Fütterung verbanden. Dieses Prinzip auf das Immunsystem zu übertragen, galt zu Beginn der Forschung von Professor Manfred Schedlowski vor über 30 Jahren noch als abwegig. Erst durch seine jüngsten Studien gilt die Immunkonditionierung als eine ernstzunehmende Möglichkeit in der medizinischen Therapie.

Professor Manfred Schedlowski erforscht die Wirkung von Placebos. (Foto: SWR, Manuel Gerber)
Professor Manfred Schedlowski erforscht die Wirkung von Placebos. Manuel Gerber

Problem Vergessen

Das Problem bei der Immunkonditionierung: Der Effekt wird mit der Zeit immer geringer, bis er ganz verschwunden ist. Irgendwann bringt die Einnahme des grünen Placebo-Getränks also nichts mehr. Doch die Essener Forscher haben eine Lösung gefunden. In Studien mit gesunden Probanden konnten sie zeigen: Wenn die Probanden nach der Immunkonditionierung weiter kleine Mengen der Immunsuppressiva einnehmen, bleibt der Effekt viel länger erhalten. Dabei reichen schon 10% der ursprünglichen Dosis aus. Dadurch gibt es auch viel weniger der gefährlichen Nebenwirkungen.

Das Placebogetränkt wird zusamengemixt. Letztlich geht es darum, die Nebenwirkung bei der Behandlung schwerer Erkrankungen zu reduzieren.  (Foto: SWR, Manuel Gerber)
Das Placebogetränkt wird zusamengemixt. Letztlich geht es darum, die Nebenwirkung bei der Behandlung schwerer Erkrankungen zu reduzieren. Manuel Gerber

Studie mit Patienten

In einer 2018 veröffentlichten Studie konnten die Forscher um Prof. Manfred Schedlowski die Immunkonditionierung mit dem grünen Getränk erstmals an Patienten mit einer Spenderniere testen. Davor konnten sie die Immunkonditionierung nur an gesunden Probanden erproben. Das Ergebnis der Patienten-Studie: Die Aktivität der Immunzellen sank, wenn die Patienten das grüne Getränk ohne die Medizin zu sich genommen haben. Die Methode funktioniert also grundsätzlich auch bei bereits erkrankten Patienten.

Allerdings müssen die Forscher die Mechanismen der Immunkonditionierung in den Zellen besser verstehen, bevor die Methode Patienten im Klinik-Alltag helfen kann. Dazu wollen sie weitere Tierexperimente und Studien mit Menschen durchführen. Am Ende der Forschung soll die Immunkonditionierung vielen Patienten helfen, ihre körpereigene Apotheke zu nutzen und mit einem Bruchteil der Nebenwirkungen leben zu können.

Eine Immunkonditionierung trainiert die körpereigene Abwehr. (Foto: SWR, Manuel Gerber)
Eine Immunkonditionierung trainiert die körpereigene Abwehr. Manuel Gerber
AUTOR/IN
STAND
ONLINEFASSUNG