Biotopverbund Vernetzte Biotope gegen Artensterben

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22:00 Uhr
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SWR Fernsehen

Prof. Peter Berthold fordert: Jeder Gemeinde ihr Biotop. So entstehen vernetzte Strukturen zum Wohle aller.

Der Kampf gegen das Artensterben vor unserer Haustür

Das Artensterben hat weltweit inzwischen alle Gruppen von Tieren und Pflanzen erfasst. Trotz aller Versuche, Vielfalt zu erhalten und unterschiedlichste Arten von Schutzgebieten zu etablieren, schrumpft der Lebensraum für viele immer weiter. Auch bei uns in Deutschland. Am Bodensee versucht man, dem Artensterben sehr konkret entgegenzuwirken.

Der erste Schritt zum Biotop-Verbund am Bodensee: Der Heinz-Sielmann-Weiher in Billafingen (Foto: SWR, Iris Rietdorf)
Der erste Schritt zum Biotop-Verbund am Bodensee: Der Heinz-Sielmann-Weiher in Billafingen Iris Rietdorf

Gefährdete Allerweltsarten

Vögel sind seine Leidenschaft und seine Berufung. Prof. Peter Berthold ist vielleicht Deutschlands renommiertester Ornithologe. Er begeistert sich nicht nur für Raritäten, sondern auch für Vögel, die jeder von uns kennt. Doch auch um sie steht es nicht gut. Denn Artensterben ist nicht nur anderswo in der Welt ein Problem. Es passiert direkt vor unserer Haustür.

Darauf hat 1849 schon Johann Friedrich Naumann aufmerksam gemacht. Fast 200 Jahre ist das her und ist seitdem noch schlimmer geworden. Vor allem Arten wie z.B. Feldlerche, Star, Sperling, Meisen, Rebhuhn oder Kiebitz, Arten, die es früher zu Hauf gegeben hat, verschwinden. Vor allem die sogenannten Offenlandlandbewohner, Insektenfresser und Zugvögel sind bedroht. 87 Prozent von ihnen stehen inzwischen auf der Roten Liste.

Artenschützer mit Leib und Seele – der Ornithologe Prof. Peter Berthold (Foto: SWR, Iris Rietdorf)
Artenschützer mit Leib und Seele – der Ornithologe Prof. Peter Berthold Iris Rietdorf

Die Ursachen des Artensterbens

Immer weiter dringen wir Menschen in bislang nicht zerstörten Naturraum vor. Nahezu jede Gemeinde möchte ihr eigenes Gewerbegebiet haben und Siedlungsgebiete erweitern. Ein enormer Flächenverbrauch.

Die verbleibenden Lebensräume werden durch Verkehrswege zerschnitten. Sie belegen bis heute bundesweit mehr als 18.000 Quadratkilometer der gesamten Landesfläche – etwa drei Mal so viel wie die Fläche des gesamten Schwarzwalds. Das führt zu einer Verinselung der noch vorhandenen Biotope und ist hochproblematisch: So wird der genetische Austausch unterbunden, was wiederum zu einer Art „Inzucht“ und letztlich zum Aussterben ganzer Arten führt.

Viele Tiere und Pflanzen fristen ein Insel-Dasein: Verkehrswege zerschneiden ihre Lebensräume (Foto: SWR, Iris Rietdorf)
Viele Tiere und Pflanzen fristen ein Insel-Dasein: Verkehrswege zerschneiden ihre Lebensräume Iris Rietdorf

Intensive Landwirtschaft schadet dem Tierbestand

Auch die intensivierte Landwirtschaft ist ein Faktor. Während früher in der Drei-Felder-Wirtschaft Körnerfresser wie Vögel, Hamster oder Maus noch gut von den Überbleibseln der Ernte leben konnten, bewirtschaften Landwirte heute auf riesigen Feldern nahezu jeden Quadratzentimeter und lassen nichts mehr übrig. Monokulturen und Pflanzenschutzmittel tun ein Übriges.

Die Folgen: Tiere vermehren sich generell nicht mehr so gut. Von den Vögeln, die es überhaupt noch schaffen zu brüten, verliert etwa jedes 10. Singvogelpaar während einer Brutperiode mindestens einen Partner entlang von Straßen und Bahntrassen. Die Brut wird danach meist aufgegeben. Sollten beide Elternvögel überleben, können sie ihren Nachwuchs trotzdem oft nicht durchbringen, weil sie nicht genügend Nahrung für ihre Nestlinge finden. Das gilt inzwischen sogar für robuste Arten wie Amsel und Kohlmeise.

Feldlerche (Foto: SWR)
Braucht Freiraum in den Feldern - die Feldlerche

Was tut die Politik?

In Baden-Württemberg ist man nicht untätig. In der Kartierung des Landes erkennt man viele Naturschutzgebiete, Nationalparks, Biosphärengebiete, Natura 2000 Gebiete, FFH-Schutzgebiete. Allerdings: Streng geschützte Gebiete, wie Nationalparks oder Naturschutzgebiete machen nur ca. 3 Prozent der Landesfläche aus. Unter EU-Recht fallen Fauna-Flora-Habitate und Vogelschutzgebiete. Das sind immerhin schon 17 Prozent. Doch das reicht offensichtlich nicht aus.

Denn die Vernetzung dieser Schutzgebiete hat sich seit den 1930er Jahren extrem verschlechtert. Theoretisch wäre die sog. Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie ein gutes Rechtsinstrumentarium. Doch davon kommt auf der Fläche scheinbar zu wenig an. Deshalb hat die EU-Kommission sogar ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet, damit die FFH-Richtlinie auch in Deutschland insgesamt besser umgesetzt wird.

1930 – heute: Baden-Württemberg wird Immer weniger durchgängig (Foto: SWR, Iris Rietdorf)
1930 – heute: Baden-Württemberg wird Immer weniger durchgängig Iris Rietdorf

Gibt es da noch was zu retten?

Leute wie Prof. Peter Berthold wollen sich darauf nicht verlassen. Er setzt weniger auf politischen Druck, sondern auf Freiwilligkeit. Mit Unterstützung der Heinz-Sielmann-Stiftung hat er in Billafingen vor rund 15 Jahren das Pilotprojekt zum Biotop-Verbund im Bodenseekreis gestartet. In einer völlig ausgeräumten Kultursteppe haben er und seine Mitstreiter einen Weiher mit 1,3 Hektar Fläche und drei Inseln angelegt - das Kernstück des Biotop-Verbundes. Dazwischen Feldhecken, Schilf, Streuobstbestände, Weidefläche für Viehhaltung.

Heute findet man hier fast 200 Vogelarten, darunter 14 neue Brutvogelarten, z.B. Graugans oder Sumpfrohrsänger. Grasfrosch, Laubfrosch und Wasserfrosch leben hier. Und sogar die rare Erdkröte ist wieder da. Fast jede Gemeinde hat Gebiete, die zwar landwirtschaftlich genutzt werden, aber wenig hergeben. Solche Flächen ließen sich aufwerten zu Biotopen. Nur alle 10 Kilometer solch ein Biotop und wir hätten noch eine Chance gegen das Artensterben, meint Prof. Peter Berthold.

In Billafingen gibt es sie wieder – Wasserfrösche (Foto: SWR, Iris Rietdorf)
In Billafingen gibt es sie wieder – Wasserfrösche Iris Rietdorf

Der Biotopverbund am Bodensee ist also eine Erfolgsgeschichte. In den vergangenen Jahren sind über 127 Biotopbausteine an 44 Standorten geschaffen worden. Für die Gemeinden sind sie eine Attraktion. Vor allem aber ist es wertvoller Lebensraum, nicht nur für die ohnehin vom Aussterben bedrohten Tiere und Pflanzen, sondern auch für unsere seltener werdenden Allerweltsarten Amsel, Meise, Spatz.

Internetlinks

Biotopverbund Bodensee
Lebensräume für bedrohte Tier- und Pflanzenarten zu bewahren, ist eines der größten Ziele heutiger Naturschutzarbeit. Die Heinz Sielmann Stiftung setzt sich bundesweit für den Erhalt unzerschnittener Landschaften, die Renaturierung von Militär- und Industriebrachen und die Entwicklung von Biotopverbünden ein. Jedes Jahr kommen neue wertvolle Lebensräume hinzu. Einige Beispiele sind auf dieser Web-Seite vorgestellt. Darunter auch der Biotopverbund am Bodensee.

Landesumweltamt Baden-Württemberg

Das Landesumweltamt Baden-Württemberg kümmert sich um die Ziele des Naturschutzes. Dazu gehören Artenschutz und Flächenschutz. Das soll die biologische Vielfalt, die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts sowie die Vielfalt, Eigenart und Schönheit der Landschaft erhalten. Die LUBW erarbeitet die hierfür notwendigen Grundlagen und stellt die Ergebnisse den Fachverwaltungen, den politischen Entscheidungsträgern sowie der Öffentlichkeit zur Verfügung. Regelmäßige Untersuchungen der Pflanzen- und Tierwelt und ihrer Lebensräume sowie der Landschaftsentwicklung ermöglichen der LUBW, frühzeitig Veränderungen festzustellen, diese zu bewerten und soweit erforderlich, geeignete Maßnahmen abzuleiten. Hier erhält man einen Einblick und weiterführende Informationen  in die Komplexität des Artenschutzes.

Flächennutzungstabellen
Wer sich dafür interessiert, wie der Boden in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt genutzt wird, findet hier eine ziemlich aufschlussreiche Auflistung.

Lesetipp

Unsere Vögel – Warum wir sie brauchen und wie wir sie schützen können
von Peter Berthold

Ullstein Verlag, Berlin, 2017
ISBN 978-3-550-0812-4

331 Seiten, gebundenes Buch 24 Euro, Taschenbuch 12 Euro

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